Gletscher sind für Rot. Felix Keller mehr als Klimazeiger. Der ETH-Dozent und Glaziologe entwickelt realistische Antworten auf eine Zukunft, in der sich nicht mehr alles rückgängig machen lässt.
Gletscher sind keine Dramaturgen. Sie schreien nicht, sie inszenieren sich nicht, sie drängen sich nicht auf. Sie reagieren langsam, stetig, beinahe stoisch. Jahr für Jahr ziehen sie sich zurück – und genau darin liegt ihre Aussagekraft. Während Wetterereignisse schwanken und Debatten kippen, speichern Gletscher Zeit. Und sie speichern Wahrheit.
Wer sich mit ihnen beschäftigt, beschäftigt sich zwangsläufig mit langen Linien: mit Jahrzehnten, mit Generationen, mit Verantwortung.
Für den Engadiner Glaziologen Felix Keller ist diese Perspektive prägend, wissenschaftlich ebenso wie persönlich. Seine Arbeit kreist um Eis, Wasser, Technik. Doch im Kern geht es um eine gesellschaftliche Frage: Wie gehen wir mit der Zukunft um, wenn klar ist, dass sich bestimmte Entwicklungen nicht mehr umkehren lassen?
Kellers Beziehung zu den Gletschern beginnt früh. Ende der 1960er-Jahre erlebt er als Kind mit seinen Eltern eine Gletscherabfahrt. Weiss, Blau, Kälte, Weite – Eindrücke, die bleiben. Der Winter, sagt er später, sei für ihn bis heute die schönste Jahreszeit. Diese frühe Erfahrung ist kein biografisches Ornament, sondern ein Schlüssel. Sie erklärt, warum Keller Gletscher nie nur als Messobjekte betrachtet hat, sondern immer auch als Teil eines grösseren Zusammenhangs.
Als junger Erwachsener steht er vor einer Weggabelung: Musik oder Naturwissenschaft? Geige oder Mathematik? Ursprünglich hätte er beides verbinden wollen, doch die institutionellen Strukturen liessen diese Kombination nicht zu. Stattdessen entscheidet er sich für ein Geografiestudium – eine pragmatische Lösung, die sich als Glücksgriff erweist. Die Musik bleibt dennoch präsent. Und sie wird später Teil seines wissenschaftlichen Zugangs.
Gletscher als Infrastruktur – und als Massstab
In der öffentlichen Wahrnehmung erscheinen sie häufig als emotionale Symbole des Klimawandels. Sie stehen für Verlust, für Vergänglichkeit, für das, was verschwindet. Diese Perspektive ist verständlich, greift aber zu kurz. Global betrachtet sind Gletscher vor allem eines: Infrastruktur.
Nach Angaben internationaler Organisationen sind rund 1,9 Milliarden Menschen indirekt auf Wasser aus Hochgebirgsregionen angewiesen. Allein im Himalaya-Raum hängen mehr als 220 Millionen Menschen direkt vom Schmelzwasser der Gletscher ab – für Trinkwasser, Landwirtschaft und Energieversorgung. In diesen Regionen ersetzen Gletscher das, was andernorts Stauseen leisten: Sie speichern Niederschläge über Jahre und geben sie zeitlich verzögert frei. Verschwinden sie, entstehen Versorgungslücken, die sich nicht kurzfristig schliessen lassen.
In der Schweiz ist diese Abhängigkeit weniger existenziell, aber gleichwohl real. Gletscher beeinflussen den Abfluss grosser Flusssysteme, stabilisieren Sommerabflüsse und spielen eine Rolle in der Wasserkraft. Im Einzugsgebiet des Inns etwa trägt die Gletscherschmelze rund zehn Prozent zum Abfluss bei. Hinzu kommt ihr touristischer Wert – volkswirtschaftlich relevant, kulturell identitätsstiftend.
Als Klimazeiger haben Gletscher eine besondere Stellung. Sie reagieren langsam, aber eindeutig. Genau deshalb gelten sie als verlässlicher als kurzfristige Wetterdaten. Die Zahlen sind bekannt, und sie sind ernüchternd. Laut dem Schweizer Gletschermonitoring haben die Alpengletscher seit dem Jahr 2000 rund 35 Prozent ihres Volumens verloren. Die Jahre 2022 und 2023 markieren historische Negativrekorde.
Felix Keller kennt diese Zahlen. Er sieht die Veränderungen auf den Gletschern regelmässig. Und doch spricht er nicht von Resignation. Der Grund liegt in seiner wissenschaftlichen Perspektive. Er arbeitet nicht primär an der reinen Massenbilanzmessung, sondern auf der technologischen Seite. Ihn interessiert nicht nur, was geschieht, sondern was sich daraus ableiten lässt.
«Wir haben als Gesellschaft genügend Wissen und Technologien, um das Klimaproblem zu lösen», sagt Keller. «Was uns fehlt, ist die Motivation und die Freude an einer positiven Zukunft.»
Dieser Satz ist keine Beruhigung, sondern eine Zumutung. Er verschiebt die Verantwortung weg von abstrakten Systemen hin zu einer kollektiven Frage: Was machen wir mit dem Wissen, das längst vorhanden ist?
Ice Stupas, Denkexperimente und die Frage nach Motivation
Eine der Antworten, die Keller seit Jahren beschäftigt, heisst: Ice Stupas. Künstlich aufgebaute Eiskegel, die im Winter Wasser speichern und es im Frühling langsam wieder abgeben. Entwickelt wurden sie in Regionen mit extremer Wasserknappheit, etwa in Ladakh im indischen Himalaya. Dort sichern sie Ernten und Trinkwasserversorgung in Zeiten, in denen natürliche Gletscher fehlen oder bereits verschwunden sind.
Das Prinzip ist ebenso einfach wie physikalisch sauber: Ohne elektrische Energie wird Wasser durch ein Leitungssystem in die Höhe geführt, wo es gefriert und einen Eiskörper bildet. Dieser schmilzt im Frühjahr kontrolliert. Für Keller sind Ice Stupas kein Symbol und keine romantische Idee. Sie sind ein Werkzeug. Und zugleich ein realistisches Eingeständnis: «Wenn wir ehrlich sind, betreiben wir nicht Naturschutz, sondern Menschenschutz.»
Dieser Satz markiert einen zentralen Punkt in Kellers Denken. Es geht ihm nicht darum, Eis um seiner selbst willen zu bewahren. Es geht um Lebensgrundlagen. Um Wasser. Um Versorgung. Um Alltag.
Besonders intensiv beschäftigt sich Keller mit dem Morteratschgletscher. Er kennt ihn seit Kindertagen, hat dort als Skilehrer gearbeitet, dort musiziert. Der Gedanke, sein Verschwinden zumindest zu verlangsamen, liess ihn nicht los.
Der Ausgangspunkt des Projekts MortAlive war nüchtern – und zugleich radikal: Wenn sich der Gletscherschwund nicht aufhalten lässt, stellt sich die Frage, ob er verlangsamt werden kann.
Die Idee entstand 2015, ausgelöst durch eine Beobachtung an einem benachbarten Gletscher. Dort hatte das Abdecken des Eises messbar zu einer Zunahme der Eisdicke geführt. Für Keller war klar, dass sich dieser Ansatz nicht eins zu eins übertragen liess. Der Morteratschgletscher umfasst rund 1,4 Milliarden Tonnen Eis – eine Grössenordnung, die einfache Lösungen ausschliesst.
«Zunächst war ich skeptisch, weil der Morteratschgletscher eine enorme Masse umfasst. Aber die Idee liess mich nicht mehr los», erinnert sich der Glaziologe. Gemeinsam mit internationalen Fachleuten entwickelte sich daraus ein Denkexperiment: Schmelzwasser sollte im Sommer zurückgehalten und im Winter zu Schnee verarbeitet werden, um die Eisoberfläche zu schützen. Schnee reflektiert Sonnenstrahlung besser als blankes Eis und verlangsamt dadurch den Schmelzprozess – eine physikalische Logik, die unbestritten ist.
Entscheidend war eine Technologie, die ohne elektrischen Strom auskommt. Nach ersten Versuchswintern funktionierte die Anlage technisch. Damit war bewiesen, dass sich der Schmelzprozess lokal beeinflussen lässt. Die entscheidende Frage verlagerte sich: weg von der Machbarkeit, hin zur Verantwortung.
Eine Studie bezifferte die Kosten für eine flächendeckende Umsetzung auf rund 155 Millionen Franken. Hinzu kämen massive Eingriffe in ein geschütztes Landschaftsgebiet. Keller zieht daraus eine klare Konsequenz: «Ich bin inzwischen überzeugt, dass wir diese Anlage am Morteratschgletscher selbst nicht umsetzen werden.»
Dieser Satz ist kein Eingeständnis des Scheiterns. Er ist Ausdruck wissenschaftlicher Redlichkeit. MortAlive ist kein gescheitertes Projekt, sondern ein bewusst abgeschlossenes Denkexperiment. Es zeigt, was möglich wäre, und macht zugleich sichtbar, wo Grenzen verlaufen. In einer Zeit, in der Klimadebatten oft zwischen Allmachtsfantasien und Resignation schwanken, ist diese Klarheit bemerkenswert.
Der nachhaltige Wert des Projekts liegt jedoch in der Technologie der Schneiseile, die inzwischen einsatzbereit ist. Sie ermöglicht eine energieunabhängige Beschneiung und kann dort eingesetzt werden, wo es nicht um touristische Infrastruktur, sondern um die Sicherung von Existenzen geht. In Regionen wie Ladakh, etwa in der Umgebung der Hauptstadt Leh, eröffnet diese Technik neue Möglichkeiten zur Stabilisierung der Wasserverfügbarkeit.
Was Keller von vielen Stimmen im Klimadiskurs unterscheidet, ist der Ton – und die psychologische Perspektive. Er spricht nicht von Schuld, sondern von Verantwortung. Nicht von Verzicht, sondern von Gestaltung. Umweltpsychologische Studien zeigen, dass Menschen nur dann langfristig handeln, wenn sie sich nicht überfordert fühlen. Wissen allein genügt nicht.
«Wir leben beim Klimawandel in einer Art Katerstimmung», sagt Keller. «Diese Phase der Lethargie und Resignation müssen wir überwinden.»
Hier kommt die Musik ins Spiel. Keller ist Geiger, tritt mit den Swiss Ice Fiddlers auf – teils auf Gletschern. Musik ist für ihn keine Inszenierung, sondern ein Zugang. Sie berührt dort, wo Zahlen nicht mehr greifen. Umweltpsychologisch ist das folgerichtig: Emotionen sind ein zentraler Treiber für Handlungsbereitschaft.
Für den kommenden Winter ist im Unterengadin, in Ftan, der Bau einer weiteren Ice Stupa geplant. Begleitet von wissenschaftlichen Arbeiten, getragen von freiwilligen Helfern. Kein Prestigeprojekt, keine Symbolpolitik. Sondern ein Beispiel dafür, wie Wissen, Engagement und Verantwortung zusammenfinden können.
Am Ende geht es Keller nicht um Eis. Und nicht um Technik. Sondern um eine bewusste Entscheidung: sich nicht mit der blossen Wahrnehmung des Problems zufriedenzugeben. «Meine Enkelkinder werden mich nicht fragen, ob wir gesehen hätten, was mit den Gletschern passiert. Sie werden fragen, wie wir gehandelt haben.»
Vielleicht liegt genau hier der Punkt, an dem sich Lifestyle neu definieren lässt. Nicht über Konsum, sondern über Verantwortung. Nicht über Ästhetik, sondern über Wirkung.
Zur Person
Rot. Felix Keller (Jg. 1964) studierte und promovierte an der ETH Zürich im Bereich Glaziologie. Er leitet an der Academia Engiadina in Samedan das von ihm aufgebaute Zentrum für angewandte Glaziologie. Seit 2017 ist er Präsident des Vereins GlaciersAlive, der sich mit Fragen des Wassermanagements in Hochgebirgsregionen befasst.
Kellers Forschungsschwerpunkt liegt auf den Veränderungen der Alpengletscher, insbesondere des Morteratschgletschers. Mit dem Projekt MortAlive geht der Rotarier der Frage nach, wie sich Gletscherschmelze durch technische Beschneiung theoretisch verlangsamen lässt.
Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit ist Felix Keller begeisterter Bergsteiger und Musiker. Mit den Swiss Ice Fiddlers verbindet er Musik und Hochgebirgswelt, um einem breiteren Publikum die Besonderheit alpiner Eislandschaften näherzubringen. Felix Keller ist Mitglied im RC Bad Scuol-Tarasp-Vulpera.