Wohnen ist weit mehr als eine Frage von Lage, Grundriss und Budget. In
unseren Räumen lagern sich Herkunft, Gewohnheiten und Sehnsüchte ab. Wer über
das Wohnen nachdenkt, spricht deshalb fast immer auch darüber, wie wir leben
wollen.
Vor dreizehn Jahren zog ich in St.
Gallen in eine Wohngemeinschaft. Der Einzug war weder von grossen Visionen noch
vom Blättern in Interior-Magazinen begleitet. Ich brauchte schlicht eine
Bleibe. Die Wohnung musste bezahlbar sein, die Heizung funktionieren, und
schnell musste es gehen. Mehr war nicht gefordert. Die Räume waren funktionale
Hüllen für ein Leben, das sich damals eher im Dazwischen bewegte.
Dass ich mich so schmerzfrei auf
dieses Provisorium einliess, lag an meiner inneren Blaupause: Ein Haus mit
Garten, Blumenbeete und die leise quietschende Schaukel galten mir als
selbstverständliche Ordnung. Mit diesem Bild hatte die WG nicht das Geringste
zu tun. Also entliess ich sie aus jeder emotionalen Verantwortung. Ich suchte
in ihr kein Ankommen, sondern ein vorübergehendes Dach über dem Kopf.
Die Geologie der Zimmer
Heute lebe ich noch immer in dieser
Wohnung, nur ist aus der damaligen Konstellation eine andere geworden. Die
Mitbewohner von einst sind ausgezogen, die studentische Improvisation ist
gewichen. Stattdessen bewohnen mein Mann, unsere Tochter und ich diese Räume.
Die Küche ist dieselbe geblieben, die Fenster auch, und manche Ecke sieht noch
so aus wie früher. Und doch hat sich alles verschoben. Der Übergang ist Alltag
geworden. Wo Improvisation genügte, bestimmen heute Routinen, Erinnerungen und
jene kleinen Handgriffe das Leben, aus denen eine Familie besteht.
Wohnen beginnt dort, wo Räume
aufhören, austauschbar zu sein. Ein Zuhause entsteht aus Wiederholung: aus dem
Licht am Nachmittag, das in einem bestimmten Winkel auf den Holzboden fällt;
aus dem Platz am Tisch, der sich irgendwann wie von selbst herausgebildet hat;
aus dem Geräusch der Kaffeemaschine am frühen Morgen. Solche Dinge mögen
unspektakulär sein, aber sie ordnen die Tage. Sie beruhigen, geben Orientierung
und schreiben sich ins Gedächtnis ein.
Das althochdeutsche «wonên» bedeutete
weilen, bleiben, sich aufhalten. Schon darin steckt etwas, das moderne
Immobilienanzeigen kaum erfassen: Wohnen setzt Dauer voraus. Ein Ort wird uns
nicht allein durch Eigentum oder einen Mietvertrag vertraut, sondern durch
Gewohnheit. Die Wohnung ist Schutzraum und Bühne zugleich. In ihr zeigen sich
unsere Lebensphase, unsere Möglichkeiten und oft auch Wünsche, die wir kaum
aussprechen.
Ein Blick zurück lässt den eigenen
Küchentisch weniger selbstverständlich erscheinen. Über Jahrhunderte war das
«Haus» keine private Wohlfühlzone, sondern eine produktive Einheit. Im
sogenannten «ganzen Haus» lebten mehrere Generationen unter einem Dach, häufig
zusammen mit Gesinde und Tieren. Es wurde produziert, gekocht, gelagert,
geschlafen und gestritten. Das Haus war Arbeitsort, Vorratskammer und soziale
Ordnung in einem. Privatheit im heutigen Sinn war räumlich nur begrenzt
vorgesehen und keineswegs allgemein zugänglich.
Mit der Industrialisierung wanderte
die Erwerbsarbeit zunehmend aus dem Haus in Fabriken, Werkstätten und Büros.
Damit bekam die Wohnung eine neue Aufgabe: Sie wurde zum Gegenraum, zuständig
für Erholung, Familie und das, was wir heute «Privatleben» nennen. Im 19.
Jahrhundert entstand jenes bürgerliche Wohnideal, das unsere Vorstellungen bis
heute prägt: die gute Stube, der Salon, das Kinderzimmer, abgeschirmte
Schlafräume. Für die Arbeiterschaft sah die Wirklichkeit freilich anders aus.
Enge, Überbelegung und mangelnde Hygiene machten das Wohnen vielerorts
weiterhin zur Notwendigkeit. Räume erzählen eben nicht nur von Geschmack,
sondern auch von den Verhältnissen einer Gesellschaft.
Im 20. Jahrhundert wurde das Wohnen
systematisch geplant und normiert. Le Corbusier prägte die Formel von der
«Maschine zum Wohnen». Standardisierte Grundrisse, serieller Wohnbau und die
Trennung der Funktionen versprachen Licht, Luft und Effizienz. Vieles daran
brachte dringend benötigten Fortschritt. Zugleich setzte sich eine Ordnung
fest, die bis heute fast wie ein Naturgesetz wirkt: Wohnzimmer, Schlafzimmer,
Kinderzimmer, Küche, Bad, Flur. Dabei ist sie das Ergebnis einer bestimmten
wirtschaftlichen und sozialen Geschichte.
Heute gerät dieses Raster wieder in
Bewegung. Haushalte werden kleiner, Lebensläufe ungerader, die Grenze zwischen
Erwerbsarbeit und Freizeit durchlässiger. Der Küchentisch dient als Homeoffice,
das Wohnzimmer wird zur Familienzentrale, zum Fitnessstudio und zum
Rückzugsort. Gleichzeitig bleibt passender Wohnraum knapp oder unbezahlbar. In
der Schweiz ist die durchschnittliche Wohnfläche pro Person über Jahrzehnte
gewachsen; seit einigen Jahren stagniert sie auf hohem Niveau. Die Verteilung
bleibt dennoch widersprüchlich: Manche leben zu zweit in zu vielen Zimmern,
weil die Kinder längst ausgezogen sind, andere zu viert auf engem Raum, weil
der Wohnungsmarkt keine Alternative bietet.
Die Kunst des Bleibens
Menschen richten sich nicht einfach
ein; sie eignen sich Räume an. Der Grundriss gibt die Grenzen vor, die Bewohner
geben ihm Bedeutung. In Möbeln, Blickachsen, Bücherstapeln, freien Flächen und
liebgewonnenen Provisorien zeigt sich, wer wir sind – oder wer wir gerne wären.
Manche brauchen Luft und Leere, andere sammeln Geborgenheit in Stoffen, Lampen
und kleinen Gegenständen. Was für den einen wohltuende Ordnung ist, wirkt auf
den anderen kahl; was dem einen Wärme gibt, erscheint dem anderen als Überfülle.
Wohnungen sind deshalb biografische
Speicher. Sie nehmen auf, was ein Leben gerade ausmacht. Ein Kinderzimmer
verändert nicht nur den Takt einer Wohnung, sondern auch ihren Mittelpunkt. Ein
Arbeitsplatz im eigenen Heim erzählt vom Verhältnis zwischen Pflicht und
Freizeit. Der Ort mag derselbe bleiben, seine Bedeutung wandert mit den
Lebensjahren weiter. Martin Heidegger schrieb: «Das Wohnen ist die Weise, wie
die Sterblichen auf der Erde sind.» Das sind grosse Worte für die Frage, wo man
seinen Staubsauger parkt. Und doch steckt Wahrheit darin. Wir bringen in
unseren Räumen nicht nur Möbel unter, sondern auch Müdigkeit und Nähe, Routinen
und Krisen.
Darum kann eine makellos
eingerichtete, teure Wohnung seltsam leer wirken: Ihre Oberflächen sind noch
ohne Geschichte. Und darum kann eine WG-Küche oder eine kleine Stadtwohnung
über die Jahre mehr Heimat bieten als eine am Reissbrett geplante Villa. Ein
Zuhause wächst langsam, beinahe unbemerkt – zwischen dem Nachtlicht im Flur,
den Stapeln ungebügelter Wäsche und den Sätzen, die man in diesen Wänden schon
tausendmal gesagt hat. Wohnen hat mit Schutz zu tun. Vor allem aber hat es mit
Zeit zu tun. Ein Ort wird nicht wichtig, weil er ästhetisch vollkommen ist,
sondern weil sich in ihm Lebensspuren ablagern.
Wenn ich heute durch meine Räume gehe, denke ich manchmal an das Haus
meiner Kindheit zurück: an den Garten, die Schaukel und die frühe, felsenfeste
Vorstellung, Wohnen bedeute vor allem Beständigkeit. Mein eigenes Leben hat
jedoch in einer Wohnung Form angenommen, die anfangs nur eine pragmatische
Notlösung war. Vertraut geworden ist sie mir nicht, weil sie das alte Bild
erfüllte, sondern weil sie sich meinen wechselnden Bedürfnissen anpasste: vom
WG-Leben über die Zweisamkeit bis zur Familie. Wir merken meist erst im
Rückblick, dass das Entscheidende längst begonnen hat: nicht beim Notartermin
oder beim Kauf einer Designerküche, sondern am Küchentisch, zwischen Alltag und
Chaos.