Ist vom «letzten Mal» die Rede, schwingt immer auch die eigene Endlichkeit mit. Rot. Katrin Wiederkehr zeigt auf, warum Selbstbestimmung am Lebensende kein Tabu sein darf – und warum sie für Hochaltrige ein besonderes Privileg bedeutet.
Der gesellschaftliche Konsens bewegt sich in Richtung Selbstbestimmung am Lebensende. Die finale Selbstbestimmung bahnt sich den Weg zur allgemeinen Akzeptanz. In Europa passt sich die Gesetzgebung in kleinen Schritten den veränderten Bedürfnissen an. Die finale Selbstbestimmung von hochaltrigen Menschen darf kein Tabu mehr sein.
Ein Sterbewunsch in jungen Jahren geht gegen die Auszeugung des Lebens und muss oft therapeutisch aufgefangen werden, während er bei Hochaltrigen Ausdruck eines reifen Einverständnisses mit dem Lebenszyklus sein kann. Uneingeschränkte finale Selbstbestimmung sollte ein Altersprivileg sein. Doch wo liegt die Altersgrenze? Wie schützt man Schwache und unterstützt gleichzeitig lebenssatte Menschen? Dieses Dilemma ist eine grosse ethische Herausforderung.
Altersgrenzen im Gesundheitsbereich sind heikel. Niemand fasst das heisse Eisen an. Der Todeswunsch einer multimorbiden Urgrossmutter wird gleich behandelt wie jener eines Jugendlichen nach einer misslungenen Prüfung. Um nicht in den Verdacht der Altersdiskriminierung zu geraten, ignoriert man den Elefanten im Raum – die Tatsache, dass wir alt werden und sterben.
Die Option Freitod
Alle wünschen sich einen sanften, natürlichen Tod. Selbst EXIT-Mitglieder, die sich intensiver mit dem Sterben auseinandergesetzt haben als die Durchschnittsbevölkerung, wählen in den wenigsten Fällen den Freitod. Bei über 180000 Mitgliedern waren es im letzten Jahr weniger als ein Prozent. Wie bei einer Brandversicherung geht es nicht ums Anzünden, sondern ums Vorbereitetsein.
Das Entlastungspotenzial dieser Option wird erst langsam sichtbar. Es kann nicht hoch genug eingeschätzt werden: Die Gewissheit, nötigenfalls einen Ausweg zu haben, erhöht die Lebensqualität auf der Zielgeraden. Sie gibt Autonomie zurück. Sterblichkeit hört damit auf, ein nur passiv zu ertragendes Schicksal zu sein, sondern kann, wenn nötig, aktiv mitgestaltet werden. Wenn der Übergang ins Unbekannte selbst initiiert werden kann, gewinnt das Ende eine zusätzliche entlastende Dimension.
Die gegenwärtig Alten sind die aufmüpfigen Boomers der Nachkriegsgeneration. In ihrer Jugend protestierten sie gegen Autoritäten, gegen die angepassten Eltern, gegen universitäre Hierarchien und gegen den Staat. Bei den vom wirtschaftlichen Aufschwung Verwöhnten stand die Existenzsicherung nicht im Zentrum, was den Anpassungsdruck verkleinerte. Sie waren frei, mit Ideologien zu experimentieren und ihre Befindlichkeit ins Zentrum zu stellen.
Diese Generation war nicht bereit, überlieferte Strukturen, Einstellungen und Glaubenssätze ungeprüft zu übernehmen – und ist es bis heute nicht. Auch die finale Selbstbestimmung steht in diesem Zusammenhang: Für viele ist sie eine Selbstverständlichkeit. Sie haben das Hinterfragen eingeübt und sind mit ihren Bedürfnissen den Gesetzen voraus.
Respekt vor dem freien Willen
Über Jahrhunderte galt der Freitod als verwerfliche, strafwürdige Handlung – ein Akt wider den Willen des Schöpfers. Nur Gott, so glaubte man, dürfe Leben nehmen. Doch die Säkularisierung hat den Menschen an diese Stelle gesetzt. Heute löst sich die Verurteilung langsam auf, Freitod wird zunehmend als Ausdruck freien Willens gesehen.
Mit medizinischer Hilfe ist ein weitgehend schmerzfreies, menschenwürdiges Sterben möglich. Doch alte Tabus wirken nach. Mit dem Argument, Betroffene schützen zu wollen, werden Hindernisse aufgebaut. Medizin und Kirche verteidigen ihre Einflusszonen, und auch die Altenindustrie fürchtet Verluste. Dabei bedeutet Respekt vor dem Leben letztlich Respekt vor dem freien Willen. Alte Menschen müssen nicht geschützt, sondern in ihren Entscheidungen respektiert werden.
Die Sterbehilfeorganisation EXIT knüpft die Begleitung an Bedingungen. Im Bericht der EXIT-Ethikkommission über den Altersfreitod (EXIT-INFO 3.2021, S. 19) heisst es, es müsse ein subjektiv unerträgliches Leiden vorliegen, die Situation müsse irreversibel sein. Massgebend soll nicht der freie Wille sein, sondern die Kriterien anderer. Die Sterbewilligen müssen genug leiden, damit sie Hilfe bekommen – und wann Leiden gross genug ist, bestimmen andere.
Ein weiteres Kriterium lautet: «Der Sterbewunsch muss nachvollziehbar sein.» Doch die Entscheidenden sind meist jünger als die Betroffenen – Ärzte, Pflegende, erwachsene Kinder. Sie übertragen ihre eigene Befindlichkeit auf die Sterbenden. Häufig spielt Leiden eine Rolle, aber nicht nur. Es gibt gerade im Alter andere gute Gründe für einen Sterbewunsch. Das Kriterium der Nachvollziehbarkeit ist zu eng. Bei hochaltrigen Menschen sollte allein die Urteilsfähigkeit Voraussetzung sein.
Der Lebenszyklus
Der Lebenszyklus beginnt mit einer Initialzündung, die körperliche und mentale Entwicklung in Gang setzt. Das Leben nimmt Fahrt auf, der Überlebensinstinkt schützt mit Reflexen, mentale Kräfte unterstützen. Wir realisieren unsere Fähigkeiten, öffnen uns für Sinn und Schönheit. Lange wehrt sich alles gegen die Endlichkeit. Doch dann lassen die Kräfte nach. Die Gausssche Glockenkurve der Vitalität erreicht ihren Zenit, um abzusinken. Nicht Überleben, sondern Loslassen wird zur Aufgabe.
Die Begleiterscheinungen des Alters unterstützen diesen Prozess. Körperliche Schwächen, nachlassende Sinne, kognitive Veränderungen und der Verlust von Partnern schwächen die Verankerung im sozialen Gefüge. Der Lebenswille wird langsam aufgebraucht und wehrt sich weniger gegen das Ende. Das ist eine Voraussetzung für einen guten Übergang.
Nach C. G. Jung ist das Akzeptieren der Endlichkeit die grosse Aufgabe der zweiten Lebenshälfte. Unsere Kultur erschwert sie. Wir sind nicht mehr im Kontakt mit den Rhythmen unseres Lebens, weil wir den Rhythmen der Natur entfremdet sind. Künstliches Licht überscheint die Nacht, in Städten sind die Jahreszeiten weniger spürbar. Auch Tier- und Pflanzenzyklen erreichen uns seltener.
Jugend und Alter balancieren sich nicht mehr gleichwertig aus. Das Altwerden wird bekämpft, der Tod verdrängt. In unserer wissenschaftsgläubigen Kultur schieben wir das Ende durch medizinische Eingriffe hinaus. Auf dem Fliessband lebensverlängernder Behandlungen bleibt kaum Zeit für Innehalten. «Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross…» – Ein Einverständnis, wie es Rilke ausdrückte, hat wenig Raum zwischen Abklärung und Eingriff.
Es wird notwendig, sowohl dem Sog der Lebensverlängerung als auch den Geboten einer gnadenlosen Kirche eine selbstverantwortliche Entscheidung entgegenzusetzen.
Der Kreis schliesst sich
Dank der neuen Langlebigkeit erleben viele Menschen den vollständigen Lebenszyklus. Die Zeichen der Endlichkeit sind ein Weckruf. Die Nachdenklichen nutzen die Zeit, um sich mit ihrer Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Die Reifung im Alter kann in ein Einverständnis mit der Endlichkeit münden. Trauer über das Schwindende mischt sich mit Dankbarkeit für das Erlebte. Alte Menschen können lebenssatt sein und in verantwortungsvoller Freiheit wahrnehmen, dass sich ihr Lebenszyklus geschlossen hat.
Die Beziehung zum Tod verändert sich mit dem Älterwerden. Er kann zum Begleiter oder gar zum ersehnten Ziel werden. Hermann Hesse schrieb: «Einschlafen dürfen, wenn man müde ist, und eine Last fallen lassen, die man lange getragen hat, das ist eine wunderbare Sache.»
Auch Solschenizyn bezeugte Gelassenheit: «Wieviel leichter ist es, wieviel empfänglicher sind wir für den Tod, wenn vorrückende Jahre uns sanft unserem Ende entgegenführen. Altern ist keine Strafe von oben, sondern bringt seine eigenen Gaben und seine ihm eigene warme Färbung… Gelassen und heiter altern ist kein Abstieg, sondern ein Aufstieg.»
Und die Bibel schaut mit gleicher Gelassenheit: «Und Abraham verschied und starb in einem guten Alter, als er alt und lebenssatt war und wurde zu seinen Vätern versammelt.»
Dass es ein gutes Alter zum Sterben geben könnte, wird in unserer Kultur zu wenig gesehen. Wir müssen als Gesellschaft so weit kommen, einen reflektierten, verantwortungsvollen Freitod alter Menschen zu bejahen und mitzutragen.
Zur Person
Rot. Katrin Wiederkehr Hochmann schloss das Studium der Psychologie und der Religionsgeschichte mit der Promotion zur Dr. phil. ab. Als Psychotherapeutin FSP für Einzel- und Paartherapie war sie Referentin, Dozentin und Ausbilderin für personenzentrierte Psychotherapie. Daneben ist sie journalistisch tätig und hat als Sachbuchautorin verschiedene Bücher verfasst. Sie ist Mitglied im RC Zurich Plus.