Ein Leben voller Sprachen und Wohnwechsel

lunedì 10 febbraio 2025

Denise Lachat

Yrsa Thordardottir kommt aus dem hohen Norden. Durch ihre Reisen zwischen Island und Frankreich und später durch ihren Umzug nach Morges (VD) über Waldstatt (AR) und Biel (BE) ist sie mittlerweile mehrsprachig. Das ehemalige Mitglied des RC Morges spricht Isländisch, Dänisch, Englisch, Deutsch und Französisch. Diesen Sprachen hat die lutherische Pfarrerin noch Latein und Altgriechisch hinzugefügt.

Die Kinder stehen versammelt vor der Dorfkirche von Siglufjörður, eingemummt in ihre Daunenjacken und mit ihren Mützen fest auf dem Kopf, und singen ein Loblied auf die Sonne. Diese ist gerade wieder aufgetaucht, nachdem sie zweieinhalb Monate lang nicht zu sehen war. Das Ereignis wird gefilmt und im Fernsehen ausgestrahlt, zu sehen sind auch Frauen in einer grossen Küche, die Crêpes zubereiten. Die Rückkehr der Sonne wird in Island mit «Sólarkaffi» gefeiert, wie wir von Yrsa Thordardottir, der Pfarrerin isländischer Herkunft, erfahren. Sie hat uns die Sendung geschickt. Am langen Holztisch im Wohnzimmer des Pfarrhauses in Morges erinnert sich Yrsa Thordardottir lebhaft an diesen lang ersehnten Moment in den Dörfern, die tief in einem Fjord liegen oder hinter einem Berg versteckt sind. "Die erste Person, die die Sonne sieht, stösst einen Jubelschrei aus, und dann beginnen alle mit der Vorbereitung des Fests“, erzählt sie lachend. Danach lässt sie einen tiefen Seufzer hören und deutet mit einer Kopfbewegung auf das helle Tageslicht, das an diesem Januartag in Morges durch die Fenster dringt. „Zweieinhalb Monate ohne Sonne, stellen Sie sich das vor!“, entfährt es ihr. Als junge Teenagerin machte sie diese Erfahrung in Suðureyri, wo ihre Mutter als Pfarrerin tätig war. Doch, pssst, es gehört sich nicht, Island zu kritisieren, geschweige denn, es zu verlassen, um sich in einem fremden Land niederzulassen. Noch weniger sollte man sagen, dass es einem dort gefällt. „Das wäre Hochverrat“, erklärt uns Yrsa mit ausladenden Gesten, Gelächter und einer so ausdrucksstarken Mimik, dass man sich fragt, ob sie in ihrem bereits sehr reich gefüllten Lebenslauf noch Zeit gefunden hat, Schauspielunterricht zu nehmen. 

Eine Kindheit in Island

Ein reich gefüllter Lebenslauf: Das scheint für viele Isländer typisch zu sein. Sie gehen übrigens erst mit 70 Jahren in den gesetzlichen Ruhestand und „sind es gewohnt, alles gleichzeitig zu machen“, wie Yrsa betont. Studium, Kinder, Arbeitssuche und Hausbau finden oft parallel statt, wobei die Paare mit diesen Situationen jonglieren, ohne sich allzu sehr mit den Komplikationen aufzuhalten. Yrsas Eltern heirateten im Alter von 19 und 21 Jahren. Während die Mutter, die mit Yrsa, ihrem zweiten Kind, schwanger war, ihr Theologiestudium in Island abschloss, ging der Vater mit einem Stipendium nach Spanien und schloss dort seinen Master in klassischen Sprachen in Edinburgh, Schottland, ab. So kam er nicht nur mit Latein in der Tasche zurück, sondern auch mit Spanisch und Englisch - Sprachen, die er später am Gymnasium in Reykjavik unterrichtete. Yrsa und ihre drei Schwestern verstanden also dank ihres Vaters, dass auf der ganzen Welt „viele Sprachen“ gesprochen wurden. Er machte sie auch mit Paella und einem „English Breakfast“ vertraut. Die Mutter war ihrerseits für die Heilsarmee tätig und übersetzte oft vom Isländischen ins Norwegische. Die Kinder entwickelten also ein gutes Gehör für Sprachen, vor allem Yrsa, die es liebte, ihre Mutter bei ihren Einsätzen zu begleiten.

Aufbruch nach Strassburg

Diese Weltoffenheit mag die vier Mädchen dazu motiviert haben, sich einen Aufbruch nach Brasilien zu wünschen. Diese Botschaft übermittelten sie übrigens in einem geheimen Brief an die Eltern. Bingo! Im Sommer 1972 brachen alle sechs auf, aber die Eltern hatten sich wohl verlesen: Das Endziel war nicht Rio, sondern Strassburg im Elsass – der Vater hatte eine Stelle beim Europarat angenommen. So wurde Französisch Yrsas erste Fremdsprache. Sie war zehn Jahre alt. In Island wird Dänisch als erste Fremdsprache unterrichtet, da das Land bis zu seiner Unabhängigkeit 1944 eine dänische Kolonie war. Yrsa erklärt, dass ein Universitätsstudium in Schwedisch, Dänisch oder Norwegisch für jemanden, der Dänisch lesen und schreiben kann, wesentlich einfacher ist. Von dort bis zum Sprechen ist es jedoch ein weiter Weg ... Selbst nach jahrelangem Lernen bleibt seine Aussprache so kompliziert, dass Isländer lieber versuchen, Skandinavisch oder Blandinavisch zu sprechen - also eine Art Mischung der nordischen Sprachen.

Doch nun fand sich die kleine Yrsa auf den Bänken des sehr alten Gymnasiums Jean Sturm in Strassburg wieder, mit seinen Holzschreibtischen, seinen Tintenfässern und seinen Federn. Sie wusste nichts über Französisch, abgesehen von dem Lied "Au clair de la lune“, das ihr Vater ihr beigebracht hatte. Yrsa machte grosse Augen, nicht nur in der Schule, sondern auch vor den Ständen mit frischem Obst und Gemüse, vor den Ein-Liter-Flaschen Cola und vor allem vor diesem Licht, das ihre Tage blendete. Was für ein Kontrast zu Island, wo die Sonne ab Ende August immer seltener wird und an manchen Orten im Winter sogar ganz verschwindet. Alles war neu, sie musste sich ohne jegliche schulische Unterstützung durchschlagen.

Aber der Umzug brachte auch Erleichterung: In Strassburg war die Familie weit weg von der hässlichen Kritik an der Mutter, die als feministische Theologin in den Augen mancher viel zu modern war. Das Gesicht der heute 63-jährigen Yrsa verfinstert sich, wenn sie über diese schmerzhaften Erinnerungen spricht. Es sollte noch drei Jahre dauern, bis die Mutter eine Stelle als Pfarrerin in Island fand. 1974 wurde sie dann aber als erste Frau Islands ordiniert.

Strassburg – Island - Strassburg

So wurde Yrsa aus ihrem französischen Leben gerissen; sie folgte zusammen mit zwei ihrer Schwestern ihrer Mutter zu ihrem ersten Arbeitsort als Pfarrerin an das Ende eines Fjords im Westen, während die älteste Tochter in Reykjavik und der Vater in Strassburg waren. Von 1975 bis 1976 verbrachte sie erneut ein Jahr in Strassburg mit ihren Eltern und ihren beiden kleinen Schwestern, dann kehrte sie nach Island zurück, um ihr Gymnasium abzuschliessen, diesmal mit Dänisch und klassischen Sprachen. Zunächst wohnte sie bei ihren Grosseltern und ihrer Tante, dann bei ihrer älteren Schwester im Haus ihrer Eltern, die 1978 nach Island zurückkehrten. Yrsa zuckt mit den Schultern und lächelt. „Diese Lebensweise ist in Island, wo alles und jeder ständig in Bewegung ist, nichts Besonderes.“

Yrsa wird in ihrem Leben noch oft umziehen. 1980 kehrte sie nach Strassburg zurück, um an der Hotelfachschule zu studieren, mit dem Ziel, eines Tages ein elsässisches Restaurant in Reykjavik zu eröffnen. Sie lernte Deutsch, litt aber fernab von ihrer Familie unter Heimweh. Im Grunde hatte sie sich immer gewünscht, Pfarrerin zu werden, und begann daher ein Theologiestudium in Reykjavik, wie es auch ihre Mutter und ihre ältere Schwester vor ihr getan hatten. Als sie ihr Studium abschloss und 1987 ordiniert wurde, war sie bereits seit zwei Jahren mit Carlos, den sie an der Fakultät kennengelernt hatte, verheiratet. 

Unweigerlich fallen einem die Parallelen zu Yrsas Eltern auf. Studium, Kinder, Haus und Arbeit – alles war gleichzeitig im Aufbau. Yrsa hatte ihre erste Stelle als Pfarrerin in einer isländischen Gemeinde inne und stillte ihr erstes Kind Tumi, das 1988 geboren wurde, als sie die Stellenanzeige für das Europäische Jugendzentrum des Europarats in Strassburg entdeckte. Sie setzte sich gegen rund hundert Mitbewerber durch und reiste im April 1989 nach Strassburg. Ihr Mann Carlos folgte ihr mit ihrem Sohn Tumi im Juni. Tochter Ingibjörg wurde im Dezember 1990 in Strassburg geboren – im familieneigenen Citroën! 

1994 kehrte die Familie nach Island zurück, Carlos wurde als Pfarrer in den Ostfjorden angestellt. Im Jahr 1995 wird Tochter Marta geboren, Yrsa wird Lehrerin, bevor sie von 2000 bis 2002 als Pfarrerin nach Reykjavik geht. Von 2003 bis 2011 führt sie eine eigene Praxis für Psychoanalyse in Reykjavik. Die beruflichen Aussichten in Island sind jedoch düster. Infolge der Subprime-Krise, die 2008 die Welt erschütterte, brachen in Island das Bankensystem und die Wirtschaft zusammen. Carlos arbeitete eine Zeit lang in einem Café, doch 2011 kehrte das Paar mit Marta nach Strassburg zurück. Die Tochter besuchte das Gymnasium, die Eltern arbeiteten beide als Pfarrer. 

Pfarrerin in Appenzell...

Ein Bekannter schlug dem Paar vor, in der Schweiz zu arbeiten, wo im Gegensatz zu Island ein echter Mangel an Pfarrern herrscht. Da Carlos, Sohn eines puertoricanischen Vaters und einer deutschen Mutter, Deutsch spricht, landete das Paar 2014 in Appenzell. Yrsa erinnert sich an den Moment, als sie den Dialekt im Radio hörte: Sie konnte die Wörter nicht auseinanderhalten. Das hinderte sie nicht daran, einige Jahre später, nach einer Anstellung an der französischen Kirche in Biel, im ausserrhodischen Waldstatt auf Deutsch zu predigen. Sie war dort als Pfarrerin angestellt worden. Während wir sie ungläubig ansehen, zuckt Yrsa noch einmal mit den Schultern und erklärt, dass sie viele Romane gelesen habe, um ihre Deutschkenntnisse zu verbessern; am Ende des Tages habe sie jedoch trotzdem jeweils ein wenig Kopfschmerzen gehabt.

... und in Morges

Seit 2019 ist die dreifache Mutter Pfarrerin in der Gemeinde Morges-Echichens, die zur reformierten Kirche des Kantons Waadt gehört; ihre Arbeitssprache ist Französisch. Ihr Mann Carlos ist seinerseits als Pfarrer im deutschsprachigen Teil der Schweiz in der Nähe von Solothurn tätig. Eine ihrer Töchter lebt in Island, die andere in Kopenhagen, Dänemark, und ihr Sohn in Oslo, Norwegen. Es braucht definitiv Mut für diese Lebenswege mit mehreren Sprachen und Lebensorten. Yrsa winkt erneut ab. Das sei nichts Besonderes. „Wir Isländer sind ein kleines Volk von 400'000 Menschen und sprechen eine Sprache, die niemand sonst versteht. Wir sind es uns gewohnt, uns anzupassen.“

Das passt zu einem Satz, den ihr Vater gerne wiederholte, als die Mädchen noch jung waren oder sich durch die häufigen Wechsel verunsichert fühlten. „Das wird schon noch kommen“, sagte er, oder „ihr werdet euch anpassen“. Yrsa, deren Pfarramt von ihren polyglotten Erfahrungen inspiriert ist, hat ihren eigenen Weg gefunden. „Ich denke, ich werde immer eine Fremde bleiben. Also habe ich beschlossen, einfach ich selbst zu bleiben.“

Yrsa und Rotary

Schon als Kind hatte Yrsa von Rotary gehört. Ihr Grossvater mütterlicherseits war im ältesten Club von Reykjavik aktiv, Yrsa selbst trat einem Club in Island bei. Sie erinnert sich schmunzelnd an die wöchentlichen Treffen: Die Clubmitglieder trafen sich um 7:45 Uhr morgens, im Winter war es dann noch stockdunkel. In den RC Morges wurde sie von Michel Muller, ein ehemaliger Pfarrer, der inzwischen als unabhängiger Berater für Nachhaltigkeit tätig ist, eingeführt. Zu ihrem Bedauern musste Yrsa aus gesundheitlichen Gründen den Rotary Club Ende 2024 verlassen. Sie versichert jedoch, dass sie im Herzen immer Rotarierin bleiben wird.










Yrsa Thordardottir am langen Holztisch im Wohnzimmer des reformierten Pfarrhauses in Morges

Yrsa Thordardottir vor der Wand mit den Familienfotos im Pfarrhaus von Morges