PolioPlus: Das Echo der Kinderlähmung

venerdì 10 aprile 2026

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Polio galt lange als Rotarys grösster und hartnäckigster Gegner. Heute ist die Krankheit aus dem öffentlichen Bewusstsein nahezu verschwunden. Für viele Betroffene endet die Geschichte jedoch nicht mit der überstandenen Infektion. Über ein Syndrom, das Jahrzehnte später zurückkehrt, über gesellschaftliche Aufmerksamkeit und über die Frage, was bleibt, wenn eine Krankheit medizinisch besiegt scheint.

Interview Mario Corpataux, dem Direktor der Schweizerischen Vereinigung der Polio- und Post-Polio-Betroffenen (ASPR-SVG)

Kinderlähmung ist heute aus dem Alltag weitgehend verschwunden. Wie präsent ist Polio aus Ihrer Sicht dennoch in der Schweiz?

Mario Corpataux: Polio ist aus dem öffentlichen Bewusstsein fast verschwunden – aus dem Leben vieler Betroffener jedoch keineswegs. Tausende Menschen in der Schweiz leben mit den Folgen einer Polio-Infektion, oft seit Jahrzehnten. Für sie ist die Krankheit Teil ihres Alltags: in Form von körperlichen Einschränkungen, chronischer Erschöpfung oder Schmerzen. Polio ist also nicht Geschichte, sondern Realität – nur eine leise, wenig sichtbare.

Schätzungen zufolge leben hierzulande rund 5000 Polio-Überlebende sowie etwa 80000 Menschen mit Post-Polio-Syndrom. Wo begegnen Ihnen diese Menschen heute und welche Anliegen bringen sie mit?

Wir begegnen ihnen überall: im Berufsleben, im Ruhestand, in Familien, im Gesundheitswesen. Viele kommen zu uns, weil sie plötzlich neue Symptome entwickeln – Kraftverlust, Schmerzen, Fatigue – und keine Erklärung dafür finden. Ein zentrales Anliegen ist Anerkennung: ernst genommen zu werden, richtig diagnostiziert zu werden und Zugang zu angemessener Behandlung und sozialer Unterstützung zu erhalten.

Viele Infektionen verliefen einst mild oder unbemerkt. Hat gerade diese Unsichtbarkeit dazu beigetragen, dass die langfristigen Folgen der Krankheit bis heute unterschätzt werden?

Ganz klar. Viele Menschen wussten gar nicht, dass sie als Kinder Polio hatten, weil sie keine Lähmungen entwickelten. Jahrzehnte später treten dann Symptome auf, und wenn sie beim Arzt gefragt werden, ob sie Polio hatten, antworten sie verständlicherweise mit nein. Diese Unsichtbarkeit erschwert die Diagnose enorm und führt dazu, dass das Post-Polio-Syndrom oft übersehen oder fehlinterpretiert wird.

Fünfzehn bis fünfzig Jahre nach einer Infektion kann das Post-Polio-Syndrom auftreten. Warum wissen selbst medizinisch Interessierte oft erstaunlich wenig darüber?

Weil Polio in der Schweiz seit langem eliminiert ist. Der letzte Fall, verursacht durch das wilde Virus, geht zurück ins Jahr 1982; der letzte impfassoziierte Fall ins Jahr 1989. Die grosse Mehrheit der Ärztinnen und Ärzte haben in ihrer Ausbildung also nie einen Polio-Fall gesehen. Polio ist an den Universitäten und Fachhochschulen seit Jahrzehnten kein Thema mehr und kommt höchstens nebenbei im Zusammenhang mit der Impfung zur Sprache; das Post-Polio-Syndrom kommt überhaupt nicht vor. Entsprechend fehlt Erfahrung – und oft auch Wissen. Post-Polio ist zudem komplex, sehr individuell und nicht heil-, sondern nur behandelbar. Das macht es für ein auf Akutmedizin ausgerichtetes System besonders anspruchsvoll.

Für Betroffene bedeutet das Auftreten neuer Beschwerden häufig einen tiefen Einschnitt. Erleben viele dieses Syndrom als eine Art zweite Erkrankung?

Ja, sehr viele beschreiben es genau so. Nach Jahren oder Jahrzehnten relativer Stabilität kommen neue Einschränkungen hinzu. Menschen müssen ihre Lebensweise erneut anpassen, beruflich wie privat. Das ist körperlich belastend, aber auch psychisch sehr herausfordernd. Viele fühlen sich zurückgeworfen – und allein gelassen. Ähnlich fühlen sich jene Betroffenen, die nach einer unmerklichen Polio-Infektion plötzlich scheinbar zum ersten Mal mit dem Syndrom konfrontiert sind.

Gleichzeitig ist die Zahl der weltweiten Poliofälle seit 1988 dramatisch gesunken. Besteht die Gefahr, dass mit diesem Erfolg auch das gesellschaftliche Problembewusstsein schwindet?

Diese Gefahr besteht definitiv. Erfolg kann trügerisch sein. Wenn eine Krankheit kaum noch sichtbar ist, wird ihre Bedeutung unterschätzt. Gerade deshalb ist Erinnerung wichtig – nicht aus Nostalgie, sondern aus Verantwortung. Polio zeigt, was Impfungen bewirken können, aber auch, welche lebenslangen Folgen eine Infektion haben kann.

Welche Rolle spielt Erinnerungskultur in der Prävention – gerade bei einer Krankheit, die viele nur noch aus Geschichtsbüchern kennen?

Erinnerung schafft Verständnis und Vertrauen. Wer weiss, was Polio angerichtet hat, versteht besser, warum Impfen so wichtig ist. Zeitzeugen, also Polio-Überlebende, spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie machen Geschichte greifbar. Unsere Mitglieder leisten hier einen enorm wichtigen Beitrag.

Solange das Virus nicht vollständig ausgerottet ist, bleibt Impfen zentral. Beobachten Sie Entwicklungen, die Anlass zur Sorge geben – oder überwiegt der Fortschritt?

Beides. Der Fortschritt ist enorm und beeindruckend. Gleichzeitig sehen wir weltweit eine gewisse Impfmüdigkeit und Desinformation. Solange Polio irgendwo existiert, ist niemand vollständig geschützt; das gilt auch für die Schweiz. Entscheidend ist, wachsam zu bleiben.

Rotary engagiert sich seit Jahrzehnten für die weltweite Ausrottung von Polio. Welche Bedeutung hat ein solcher Einsatz aus Sicht der Betroffenen?

Für Betroffene ist dieses Engagement von unschätzbarem Wert. Rotary zeigt, dass Polio-Überlebende nicht vergessen sind. Es geht nicht nur um die Verhinderung neuer Fälle, sondern auch um Würde, Solidarität und Verantwortung. Viele unserer Mitglieder fühlen sich durch Rotary gesehen und unterstützt.

In welcher Form arbeitet Ihre Organisation mit Rotary zusammen, und wo sehen Sie dabei den grössten gemeinsamen Hebel?

Wir arbeiten als Partner in der Sensibilisierung und im Fundraising, etwa bei PolioPlus-Aktionen, Tulpenverkäufen oder Benefizveranstaltungen wie dem Konzert in Luzern. Der grösste Hebel liegt in der Verbindung von globalem Engagement und lokaler Erfahrung: Rotary mobilisiert – wir geben der Sache ein Gesicht. Betroffene, aber auch der zuständige Mitarbeiter für Polio-Fragen, sprechen bei rotarischen Anlässen, stehen Rede und Antwort, halten Referate. Gerne stellen wir dabei unser Wissen, unsere Kontakte und Informationsmaterialien allen Rotariern zur Verfügung.

Und wenn Polio eines Tages tatsächlich Geschichte sein sollte: Welche Verantwortung trägt unsere Gesellschaft dann gegenüber den Menschen, die mit den bleibenden Folgen dieser Krankheit leben?

Eine sehr grosse. Polio auszurotten, bedeutet nicht, die Betroffenen hinter sich zu lassen. Im Gegenteil: Dann beginnt die Verantwortung erst richtig. Menschen mit Post-Polio-Syndrom brauchen Anerkennung, Forschung, medizinische Kompetenz und soziale Absicherung. Rotary zeigt mit seinem Engagement, dass es möglich ist, beides zu tun: eine Krankheit zu beenden und zugleich den Menschen gerecht zu werden, die mit ihren Folgen leben. In diesem Sinne kämpft Rotary nicht nur gegen Polio – sondern auch gegen Post-Polio.


Mario Corpataux, Direktor der Schweizerischen Vereinigung der Polio- und Post-Polio-Betroffenen (ASPR-SVG)