Wie kommt man eigentlich zu Rotary?
Rotary-Mitglied wird man auf Einladung. Gleichzeitig kann heute jeder Interessierte über die Rotary-Website sein Interesse anmelden. Wie passt das zusammen? Wer entscheidet über die Aufnahme, was ist aus der Klassifikation geworden – und weshalb darf ein Ehrenmitglied zwar zum Lunch kommen, aber nicht abstimmen?
Früher begann eine Rotary-Mitgliedschaft oft mit einem diskreten Satz: «Ich könnte mir vorstellen, dass jemand gut zu unserem Club passen würde.»
Ganz verschwunden ist dieses Prinzip nicht. Der Eintritt in einen Rotary Club erfolgt weiterhin auf Einladung. Trotzdem muss heute niemand darauf hoffen, zufällig von einem Rotarier entdeckt zu werden. Interessierte können sich über die Rotary-Website melden, Angaben zu Person, Wohnort und Interessen hinterlassen und um Kontakt bitten. Die Informationen werden an zuständige Clubvertreter weitergeleitet. Das ist allerdings noch keine Eintrittskarte. Über eine Mitgliedschaft entscheidet am Ende der Club.
Und hier wird die Sache interessanter.
Zunächst ein kleiner begrifflicher Stolperstein: Wer Rotarier ist, gehört streng genommen nicht unmittelbar Rotary International an. Mitglied ist der einzelne Rotarier in seinem Rotary Club. Rotary International wiederum ist die weltweite Vereinigung der Rotary und Rotaract Clubs.
Der Weg ins weltweite Netzwerk führt also immer über einen Club.
Wer darf hinein?
Rotary formuliert die Voraussetzungen erfreulich knapp. Mitglieder müssen volljährig sein, Integrität und Führungskompetenz zeigen, einen guten Ruf im geschäftlichen, beruflichen oder kommunalen Leben besitzen und sich in ihrer Gemeinde oder weltweit engagieren wollen.
Von Vorstandsetage, akademischem Titel oder bestimmter Einkommensklasse steht dort nichts.
Wie das Aufnahmeverfahren konkret aussieht, regelt der jeweilige Club. Die von Rotary empfohlene Clubsatzung sieht vor, dass ein Mitglied des eigenen oder sogar eines anderen Clubs eine Kandidatin oder einen Kandidaten dem Vorstand beziehungsweise dem Mitgliedschaftsausschuss vorschlägt. Der Vorstand entscheidet innerhalb von 30 Tagen. Stimmt er zu, wird die betreffende Person zur Mitgliedschaft eingeladen. Ein Club kann zusätzlich ein Verfahren vorsehen, mit dem bestehende Mitglieder Einwände geltend machen.
Auch das überrascht: Ein Rotarier darf Kandidaten für die Mitgliedschaft in jedem Rotary Club vorschlagen. Man muss also nicht demselben Club angehören wie die Person, die man empfiehlt.
Die Klassifikation lebt
Und dann gibt es noch jene rotarische Vokabel, die bei manchen Neumitgliedern zunächst eher nach Steuerformular klingt: die Klassifikation.
Bankwesen, Architektur, Medizin, Landwirtschaft, Medien: Die Klassifikation gehört seit den frühen Jahren zur Idee von Rotary. Abgeschafft ist sie keineswegs.
Auch heute wird jedem Mitglied eine Klassifikation zugeteilt, die seiner hauptsächlichen Geschäfts-, Berufs- oder kommunalen Tätigkeit entspricht. Ändert sich die berufliche Tätigkeit, kann der Vorstand die Klassifikation anpassen.
Der entscheidende Gedanke liegt allerdings weniger im Etikett hinter dem Namen als in der Mischung. Ein Club soll einen Querschnitt unterschiedlicher Unternehmen, Berufe, Tätigkeiten und gesellschaftlicher Bereiche abbilden. Keine einzelne Branche oder Klassifikation soll dominieren.
Rotary wollte damit von Anfang an etwas schaffen, das am Mittagstisch durchaus seinen Reiz entfaltet: möglichst unterschiedliche Menschen miteinander ins Gespräch bringen.
Bei den Mitgliedschaftsformen wird es ebenfalls differenzierter, als man zunächst denkt. Rotary kennt als Grundformen Aktiv- und Ehrenmitglieder. Clubs können eigene zusätzliche Mitgliedschaftsmodelle vorsehen; gegenüber Rotary International werden diese jedoch als Aktiv- oder Ehrenmitglieder gemeldet.
Wer Aktivmitglied ist, kann grundsätzlich nicht gleichzeitig Aktivmitglied eines zweiten Rotary Clubs sein. Eine Besonderheit bilden Satellitenclubs.
Bei Ehrenmitgliedern gelten andere Regeln. Sie zahlen keine Mitgliedsbeiträge, besitzen kein Stimmrecht, dürfen kein Clubamt übernehmen und vertreten keine Klassifikation. An den Zusammenkünften ihres Clubs dürfen sie teilnehmen. Und während Aktivmitglieder grundsätzlich einem Club angehören, kann eine Person Ehrenmitglied mehrerer Rotary Clubs sein.
Die Ehrenmitgliedschaft ist dabei nicht als «Rotary light» gedacht. Sie ist für Menschen vorgesehen, die sich in besonderer Weise um rotarische Ideale verdient gemacht oder Rotary aussergewöhnlich unterstützt haben.
So steckt hinter der vermeintlich einfachen Frage «Wie wird man Rotarier?» erstaunlich viel rotarische Konstruktion.
Interesse anmelden kann heute jeder. Aufgenommen wird weiterhin vom Club. Und wer schliesslich das Rotary-Abzeichen trägt, gehört zu einer weltweiten Gemeinschaft – organisatorisch beginnt diese Weltreise jedoch ganz unspektakulär vor Ort.
Am Tisch des eigenen Clubs.
Hätten Sie’s gewusst?Darf man bei Rotary einfach anklopfen, oder muss man auf eine Einladung warten? Ja, Interessierte können heute über Rotary.org selbst Kontakt aufnehmen. Mitglied wird man am Ende trotzdem erst auf formelle Einladung eines Clubs. Braucht man zwingend einen Paten aus genau dem Club, in den man eintreten möchte? Nein. Ein Rotary-Mitglied darf Kandidatinnen und Kandidaten für jeden Rotary Club weltweit vorschlagen. Hat das historische System der Berufsklassifikationen mittlerweile ausgedient? Keineswegs. Jedes Mitglied erhält weiterhin eine Klassifikation, die seiner hauptsächlichen Tätigkeit entspricht, um eine gesunde Durchmischung im Club zu garantieren. Reden Ehrenmitglieder bei wichtigen Clubentscheidungen mit? Nein, sie besitzen kein Stimmrecht. Sie zahlen allerdings auch keine Mitgliedsbeiträge und übernehmen keine Clubämter. Darf man sich in mehreren Clubs gleichzeitig als Ehrenmitglied engagieren? Ja, das ist von Rotary ausdrücklich erlaubt. Als Aktivmitglied kann man hingegen – mit Ausnahme von Satellitenclubs – nur in einem einzigen Club gemeldet sein. |
Hand aufs Herz: Wissen Sie, wie Ihr Governor heisst? Was ein RI Director macht? Oder wer bei Rotary eigentlich wem etwas zu sagen hat? Falls nicht: Willkommen im Club. In unserer neuen Serie «Rotary entschlüsselt» räumen wir mit rotarischem Halbwissen auf – kurz, verständlich und ohne Handbuchton. Nächstes Mal beschäftigen wir uns mit der Frage, wie weit die Autonomie der einzelnen Clubs reicht. |