Was wir wegwerfen, erzählt viel über unsere Gesellschaft. Die freiburgische trans-auto ag sammelt und verwertet, was andere nicht mehr wollen – von Verpackungen bis Abwasser. Geschäftsführer Rot. Matthieu Vonlanthen, Vertreter der vierten Generation, erzählt, was sich hinter unserem Abfall verbirgt.
Wenn Urgrossvater August Vonlanthen heute den beeindruckenden Fahrzeugpark der trans-auto AG sehen könnte, mit über 70 schweren und leichten Lastwagen, Anhängern und Dienstfahrzeugen, die in der Stadt Freiburg und den umliegenden Gemeinden unterwegs sind, würde er wohl grosse Augen machen. Was 1933 mit der Gründung der August Vonlanthen Transporte in Tafers begann, hat sich über vier Generationen zu einem bedeutenden regionalen Unternehmen entwickelt. Die trans-auto ag ist auf die Sammlung und Verwertung von Abfällen sowie den Unterhalt von Kanalisationen und die Entsorgung von Abwasser aller Art spezialisiert. Seit Anfang 2025 stehen mit Matthieu Vonlanthen und seiner Schwester Anna-Bettina die Vertreter der vierten Generation an der Spitze des Familienunternehmens.
August wäre vermutlich auch angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen sprachlos, die sich in den Tätigkeitsbereichen des Familienunternehmens widerspiegeln – und damit ein Spiegelbild unserer Überflussgesellschaft sind. Matthieu bestätigt: «In der Schweiz ist die durchschnittliche jährliche Abfallmenge pro Kopf in den letzten 20 Jahren gestiegen und liegt bei rund 700 Kilogramm. Vergleicht man mit anderen europäischen Ländern, so sinkt deren Abfallmenge pro Kopf ungefähr im Verhältnis zu dem um die Kaufkraft bereinigten BIP. Ich denke also schon, dass man aus unseren Abfällen einiges über unser Konsumverhalten ablesen kann.»
Dieses Konsumverhalten zeigt sich auch bei einem Besuch auf dem Sammelplatz der KEVAG AG in Düdingen, die den Siedlungsabfall in 14 Freiburger Gemeinden sammelt und an der die trans-auto ag geschäftsführend beteiligt ist. Matthieu weist auf den Container mit Elektroschrott ausgedienter Computer und Haushaltsgeräte und führt uns weiter zur riesigen Mulde, in der sich der Karton stapelt. Die Mengen an Verpackungen aus Online-Bestellungen haben in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Matthieu sagt: «Der Trend, sich Produkte nach Hause liefern zu lassen, führt automatisch auch zu mehr Verpackungsmaterial und damit letztlich zu mehr Abfall.»
Windeln in der Kanalisation
Richtig gruselig kann es werden, wenn die trans-auto ag zur Reinigung von Kanalisationen ausrückt. Altes Frittieröl landet im Ausguss, volle Babywindeln werden in die Toilette gestopft. Matthieu zuckt mit den Schultern: Mit der Zeit erstaune ihn fast nichts mehr.
Vieles sei so selbstverständlich geworden, dass uns kaum noch bewusst sei, was hinter unserem Wohlstand stecke. Wir spülen die Toilette, und alles verschwindet. Wir drehen den Wasserhahn auf, und Wasser fliesst. Vielleicht, so hofft Matthieu, hat die Trockenheit dieses Hitzesommers einige wieder etwas stärker mit der Realität konfrontiert. «Wasser», sagt er mit Nachdruck, «ist kein unendliches Gut.»
Doch wie passt dieses Bild einer Wegwerfgesellschaft zum Image der Schweizer als «Weltmeister im Recycling»? Es ist nicht falsch: Die Recyclingquote liegt bei knapp 53 Prozent. Allerdings ist sie in den vergangenen 20 Jahren nur um ein paar wenige Prozentpunkte gestiegen und kommt damit nur langsam voran.
Dabei könnte laut Matthieu fast alles, was wir wegwerfen, in irgendeiner Form noch einen Nutzen haben – mit Ausnahme der Schlacke, also der Asche, die bei der Verbrennung von Siedlungsabfällen zurückbleibt und auf Deponien landet, die zunehmend an ihre Grenzen stossen.
Die bei der Verbrennung entstehende Hitze wird allerdings in Energie umgewandelt. Generell spricht die Branche lieber von «Wertstoffen» als von Abfall. Weggeworfene Produkte können entweder unverändert weiterverwendet werden, etwa in Secondhand-Läden, oder rezykliert werden. Aus Elektroschrott lassen sich beispielsweise wertvolle Metalle wie Kupfer und Gold zurückgewinnen.
Matthieu, kann die Kreislaufwirtschaft unser Verhältnis zum Überfluss verändern?
Die Kreislaufwirtschaft verändert nicht unser Konsumverhalten, aber unseren Umgang mit Abfällen. Das Endresultat wird optimiert, indem die verschiedenen Stoffe möglichst lange in einem Kreislauf gehalten werden, bevor sie verbrannt werden.
Bewegen wir uns vielleicht doch hin zu einer «Verwertungsgesellschaft»?
Ich meine: Ja. Die Leute überlegen heute, wo sie Dinge, die sie wegwerfen, am besten entsorgen. Firmen wie unsere beraten ihre Kunden zudem mit dem Ziel, möglichst kosteneffizient zu trennen und zu entsorgen.
Wenn du eine einzige Abfallart aus unserer Gesellschaft verbannen könntest, welche wäre es?
Diese Frage kann ich nicht beantworten. Ich würde vielmehr sagen, dass es sinnvoll ist, den Hausmüll sauber zu trennen und Abfälle wenn immer möglich bei uns zu behandeln. Wenn wir bestimmte Abfallarten sammeln und für eine vermeintlich «bessere» Verwertung durch die halbe Welt transportieren, um ein gutes Gewissen zu haben, am Ende aber nicht mehr wissen, was mit ihnen passiert, ist das nicht zielführend. Im schlimmsten Fall landen sie irgendwo an einer Meeresküste.
Mir ist es wichtiger, die Probleme hier bei uns zu lösen. Ein Beispiel: Wir haben im Herbst die gesamte Fahrzeugflotte der KEVAG AG und der trans-auto ag vollumfänglich von Diesel auf HVO100 Treibstoff umgestellt. Damit reduzieren wir über 80 Prozent unseres
CO₂-Ausstosses.
Hat dein Beruf denn dein eigenes Konsumverhalten verändert?
Durch das Wissen, das ich erworben habe, habe ich gewisse Verhaltensweisen angepasst. Wenn man weiss, welche Stoffe weiterverarbeitet werden können, wenn man sie sauber trennt, beziehungsweise was unsauberes Trennen verunmöglicht, passt man sich fast automatisch an. Eine Aludose der Verbrennung zuzuführen, statt sie in die Separatsammlung zu geben, ist schlicht Energieverschwendung. Das Metall wird verbrannt, anschliessend aus der Schlacke herausgetrennt und wieder gereinigt, bevor es schliesslich rezykliert werden kann.
Gibt es auch Abfälle, bei denen die Menge zurückgeht?
Ja. Als Folge der Digitalisierung wird beispielsweise weniger Altpapier gesammelt, insbesondere im Bürobereich.
Vom Maurer zum Geschäftsführer
Der 31-Jährige arbeitet selbst noch nicht so lange im Büro. Matthieu hat eine Lehre als Maurer absolviert und auf Baustellen gearbeitet. 2019 stieg er ins Familienunternehmen ein, nachdem er sich zum Teamleiter, zum Technischen Kaufmann und zum Lastwagenchauffeur weitergebildet hatte.
Sein Vater Norbert hat sich inzwischen aus der Geschäftsleitung der trans-auto AG zurückgezogen, ist aber weiterhin Verwaltungsratspräsident. Cordula, die Mutter, ist ebenfalls im Geschäft tätig. Sie treffen sich jeden Morgen mit Matthieu und Anna-Bettina, um die Pendenzen anzuschauen und sich auszutauschen.
Wenn nicht über die Firma gesprochen wird, kann dabei durchaus auch Rotary zum Thema werden: Norbert Vonlanthen ist seit 1994 Mitglied des deutschsprachigen RC Freiburg-Sense, Matthieu gehört seit September 2024 dem frankophonen RC Fribourg an.
Obwohl er seine gesamte Aus- und Weiterbildung auf Deutsch absolviert hat, fühlt sich Matthieu im zweisprachigen Kanton Freiburg auch im Französischen zu Hause. Er schätzt den urbanen, dynamischen Club, dem in den vergangenen Jahren einige junge Mitglieder beigetreten sind. Neben den Lunchtreffen bietet der Club auch Zusammenkünfte am Morgen oder Abend sowie regelmässige Anlässe mit Partnern an.
Diese Flexibilität passt bestens zur Agenda des jungen Geschäftsführers.
Meldet er sich für einen Lunch an, nimmt er sich allerdings gerne die nötige Zeit und plant für den Nachmittag keine Geschäftstermine. Für einen Geniesser wie Matthieu wäre es ohnehin jammerschade, wenn von der französischen Spitzenküche, die das «Le Pérolles» in Freiburg bei den Rotary-Lunches serviert, etwas im Abfalleimer landen würde.