Mitten in der Nacht, ohne Vorwarnung, beginnt der Ernstfall: Nachbeben, Verletzte, Zeitdruck. In Cornwall trainiert ShelterBox jene Menschen, die später in Katastrophengebiete ausrücken sollen. Rot. Florian Quanz, Redakteur beim deutschen Rotary Magazin, war vor Ort.
Cornwall: Trainingszentrum
Jede Minute zählt. Was ist
passiert? Wer benötigt am dringendsten Hilfe? Christian Biernath-Wüpping muss
das Ausmass der Katastrophe erfassen. Ihm wurde gerade die Rolle des
sogenannten Helikopters übertragen. So heisst im Einsatzvorbereitungstraining
von ShelterBox jene Person, die die Reaktion auf Erste-Hilfe-Szenarien
koordiniert. Sie muss klären, wer im Team welchen Job übernimmt. Zugleich muss sie
den Kontakt zur Einsatzzentrale beziehungsweise zum Notruf herstellen.
«Die Einsatzzentrale braucht
so schnell wie möglich alle relevanten Informationen», berichtet er. Wie viele
Verletzte gibt es? Wie schwer sind die Verletzungen? Beim vorliegenden Szenario
geht es um einen Unfall bei Waldarbeiten. Sieben Tage lang trainieren
Biernath-Wüpping und sein Team in Cornwall verschiedene Ernstfälle – auch
Situationen, die nicht direkt zum Einsatz gehören, aber jederzeit auftreten
können. Biernath-Wüpping ist der einzige Deutsche bei diesem
Pre-Deployment-Training. Der 34-jährige Rotarier, Mitglied im RC
Hamburg-International, ist Botschafter für ShelterBox, hält Vorträge in Rotary
Clubs und sammelt Spenden. Nun möchte er selbst bei einem der nächsten
Katastropheneinsätze helfen. Dafür muss er dieses Training absolvieren.
Aus seiner ehrenamtlichen
Arbeit beim Technischen Hilfswerk bringt der engagierte Rotarier wertvolles
Wissen mit – und lernt doch viel Neues. Etwa, dass es besser gewesen wäre, sich
angezogen ins Bett zu legen. Als er mitten in der Nacht wegen eines Nachbebens die
Unterkunft verlassen muss, bleibt keine Zeit für Socken.
«Unser Trainingsprogramm basiert
auf Erfahrungen aus echten Einsätzen», erklärt Colin Jones. «Es wird jährlich
auf den neusten Stand gebracht.» Jones ist Teil des Schulungsteams und verantwortet
gemeinsam mit Martin Strutton das Training, das Christian Biernath-Wüpping
durchläuft.
Der Aufwand, den Colin
Jones und sein Team betreiben, ist beeindruckend. Jones benutzt lieber das Wort
«notwendig». Wer später in den Einsatz geht, muss gut vorbereitet sein und sich
sicher fühlen. «Jedes Land hat seine eigenen Herausforderungen», sagt er. Vor
knapp zwei Jahren war er in der Ukraine im Einsatz. «ShelterBox ist unglaublich
hartnäckig, um die Menschen zu erreichen, die unsere Hilfe am meisten
benötigen.» Die Liste der Einsatzländer ist lang und reicht über Kamerun und
Syrien bis hin zu Nordkorea.
Die
Simulationen sind zum Teil extrem aufwendig. Auch Flutkatastrophen und Erdbeben
müssen die Trainingsteilnehmer bewältigen. «Dafür benötigen wir Freiwillige,
die Betroffene spielen. Je nach Szenario sind bis zu 30 Personen involviert»,
berichtet Jones. Die lokalen Rotary Clubs Helston-Lizard, Helston Cober Valley
und Redruth unterstützen das Training tatkräftig. Ihr Einsatz zeigt, wie eng
ShelterBox und Rotary verbunden sind.
Irgendwann
fühlt sich die Übung nicht mehr wie eine Übung an. Das Training zeigt, was im
wirklichen Einsatz auf die Teilnehmer zukommen kann. So wird es auch zum Kampf
gegen den eigenen Geist. «Es ist erstaunlich, was der eigene Körper trotz
Schlafdefizit leisten kann», sagt Christian Biernath-Wüpping rückblickend. Auch
Wochen später lässt ihn das Erlebte nicht los. «Ich bin ein sehr empathischer
Mensch», sagt er. Er hat in Cornwall viel über sich selbst, aber auch über
Dynamiken in Rettungsteams gelernt. Sollte Biernath-Wüpping in den Einsatz
gehen, fühlt er sich bestens vorbereitet. «Die ShelterBox-Strukturen stimmen.»
Cornwall: Planungszentrum
Am nächsten
Morgen in der ShelterBox-Zentrale in Truro, Cornwall: Das Telefon von Alex
Youlten klingelt. Sie ist seit 2017 die Rotary-Partnerschaftsmanagerin von
ShelterBox. Ihr Job ist es, die Kontakte zu Rotary bestmöglich zu nutzen. «Mich
treibt die Frage an, wie wir bestmöglich mit anderen Organisationen
zusammenarbeiten können», erklärt Youlten. Gerade prüft ShelterBox einen
möglichen Einsatz im Sudan. Per Mail hat sich Youlten bereits an Carrie Golden,
ihre Ansprechpartnerin bei Rotary International, gewandt. Sie will klären, ob
es im Sudan Rotarier gibt, die vor und während des Einsatzes helfen können. Das
wäre keine Besonderheit. Bei vielen Einsätzen spielen Rotarier eine wichtige
Rolle. Zuletzt zum Beispiel in Marokko. «Dank dem rotarischen Netzwerk konnten
wir entscheidende Kontakte zu Behörden und einer lokalen Hilfsorganisation
knüpfen», erzählt Youlten. So sei es möglich gewesen, 1200 Familien in
entlegenen Bergdörfern zu helfen.
Auch Alice
Jefferson, die die Abteilung für Notfallmassnahmen leitet, unterstreicht die
Bedeutung lokaler Kontakte: «Je früher wir mit Menschen aus dem
Katastrophengebiet in Kontakt kommen, desto besser. Sie können uns sagen, was
vor Ort benötigt wird. Mit den Behörden besprechen wir auch logistische Fragen.
Wo können unsere Shelter Kits zwischengelagert werden, und wie gelingt der
Transport auf der letzten Meile?» Dörfer im Gebirge sind schwerer zu erreichen
als Küstenstädte. Im Bürgerkriegsland Sudan wolle man zunächst abschätzen, wie
risikobehaftet ein Einsatz ist, berichtet Jefferson. Rotarier vor Ort könnten
die entscheidenden Informationen liefern.
Die Antwort
kommt kurz darauf aus Evanston: Per Mail bestätigt Carrie Golden, dass es im
Sudan Rotarier gibt. Youlten strahlt. «Die Geschichte von ShelterBox begann mit
Rotary und setzt sich mit Rotary fort», erzählt sie. Für Alex Youlten, die
selbst Rotarierin ist, sei es ein Privileg, beide Organisationen zu verbinden:
ehrenamtlich bei Rotary, hauptamtlich bei ShelterBox.
Die
Gleichzeitigkeit von Katastrophen fordert ShelterBox besonders. Alice Jefferson
sitzt wenig später an einem Schreibtisch im Grossraumbüro. Sie schaut sich
gemeinsam mit Rachel Harvey Wettersatelliten-Daten in Echtzeit an. Harvey ist
Leiterin der Notfallvorsorge. Ein Tropensturm zieht Richtung Karibik. Noch ist
unklar, ob er sich zu einem Hurrikan entwickelt und welchen Weg er nimmt.
Während sich der Karibik die nächste Katastrophe nähern könnte, sind Kollegen bereits
auf der Karibikinsel Grenada im Einsatz, wo Hurrikan Beryl verheerende Schäden
angerichtet hat.
Belgien: Logistikzentrum
Doch
Lagebilder und Kontakte allein reichen nicht. Wenn ein Einsatz beschlossen ist,
muss Hilfe auch verfügbar sein.
Hier kommt
Benedict Redman ins Spiel. Am frühen Morgen ist er aus London angereist; nun steht
er in Ronse, einer Kleinstadt südlich von Brüssel, auf dem Firmengelände von
Alpinter vor Paletten mit Hilfsgütern. «Wir lagern Hilfsgüter an strategischen
Orten auf der ganzen Welt, damit sie so schnell wie möglich bei den Menschen ankommen,
die sie benötigen», erklärt er. «Einer dieser Orte ist hier.»
Benedict
Redman ist Globaler Lieferketten-Manager bei ShelterBox. Gemeinsam mit zwei
Kollegen organisiert er die Lagerung von Hilfsgütern weltweit. Seine Arbeit reicht
von der Beschaffung über die Anlieferung bis zur Lagerung der Hilfsgüter in den
Logistikzentren. Im Ernstfall darf die Lieferkette nicht reissen. Redman
verwaltet die Bestände und prüft, welche Hilfsgüter nach einem
Katastropheneinsatz nachbestellt werden müssen. «Was hier rausgeht, soll in
zwei Wochen wieder da sein», beschreibt er das Ziel.
«Wir lagern hier
lebenswichtige Artikel wie Zelte, Planen und Seile für Unterkünfte. Dazu kommen
Decken, Schlafmatten, Küchensets, Solarleuchten, Wasserträger, Wasserfilter und
Eimer. Aus Erfahrung wissen wir, dass die Menschen diese Dinge nach einer
Katastrophe besonders dringend brauchen», sagt Redman.
Alpinter vermietet
Lagerflächen an Hilfsorganisationen wie ShelterBox. Nicht alle hier gelagerten
Hilfsgüter gehören ShelterBox bereits; ein Teil ist lediglich reserviert und
wird erst bezahlt, wenn er tatsächlich gebraucht wird. So muss die Organisation
keine grossen Mengen kaufen, die womöglich lange ungenutzt bleiben. «Zugleich
hat keine andere Hilfsorganisation Zugriff», erklärt Redman. Nach Rücksprache
könne ShelterBox die Güter jedoch auch anderen Organisationen freigeben.
Training, Planung, Logistik: Bei ShelterBox greifen
viele Teile ineinander, bevor ein Einsatzteam überhaupt losfährt. Wenn irgendwo
auf der Welt Menschen ihr Zuhause verlieren, soll Hilfe nicht erst gesucht
werden müssen. Sie soll bereitstehen.