Aus Not wird Hoffnung

Thursday, July 9, 2026

Rot. Florian Quanz/red

Mitten in der Nacht, ohne Vorwarnung, beginnt der Ernstfall: Nachbeben, Verletzte, Zeitdruck. In Cornwall trainiert ShelterBox jene Menschen, die später in Katastrophengebiete ausrücken sollen. Rot. Florian Quanz, Redakteur beim deutschen Rotary Magazin, war vor Ort. 

Cornwall: Trainingszentrum

Jede Minute zählt. Was ist passiert? Wer benötigt am dringendsten Hilfe? Christian Biernath-Wüpping muss das Ausmass der Katastrophe erfassen. Ihm wurde gerade die Rolle des sogenannten Helikopters übertragen. So heisst im Einsatzvorbereitungstraining von ShelterBox jene Person, die die Reaktion auf Erste-Hilfe-Szenarien koordiniert. Sie muss klären, wer im Team welchen Job übernimmt. Zugleich muss sie den Kontakt zur Einsatzzentrale beziehungsweise zum Notruf herstellen.

«Die Einsatzzentrale braucht so schnell wie möglich alle relevanten Informationen», berichtet er. Wie viele Verletzte gibt es? Wie schwer sind die Verletzungen? Beim vorliegenden Szenario geht es um einen Unfall bei Waldarbeiten. Sieben Tage lang trainieren Biernath-Wüpping und sein Team in Cornwall verschiedene Ernstfälle – auch Situationen, die nicht direkt zum Einsatz gehören, aber jederzeit auftreten können. Biernath-Wüpping ist der einzige Deutsche bei diesem Pre-Deployment-Training. Der 34-jährige Rotarier, Mitglied im RC Hamburg-International, ist Botschafter für ShelterBox, hält Vorträge in Rotary Clubs und sammelt Spenden. Nun möchte er selbst bei einem der nächsten Katastropheneinsätze helfen. Dafür muss er dieses Training absolvieren.

Aus seiner ehrenamtlichen Arbeit beim Technischen Hilfswerk bringt der engagierte Rotarier wertvolles Wissen mit – und lernt doch viel Neues. Etwa, dass es besser gewesen wäre, sich angezogen ins Bett zu legen. Als er mitten in der Nacht wegen eines Nachbebens die Unterkunft verlassen muss, bleibt keine Zeit für Socken.

«Unser Trainingsprogramm basiert auf Erfahrungen aus echten Einsätzen», erklärt Colin Jones. «Es wird jährlich auf den neusten Stand gebracht.» Jones ist Teil des Schulungsteams und verantwortet gemeinsam mit Martin Strutton das Training, das Christian Biernath-Wüpping durchläuft.

Der Aufwand, den Colin Jones und sein Team betreiben, ist beeindruckend. Jones benutzt lieber das Wort «notwendig». Wer später in den Einsatz geht, muss gut vorbereitet sein und sich sicher fühlen. «Jedes Land hat seine eigenen Herausforderungen», sagt er. Vor knapp zwei Jahren war er in der Ukraine im Einsatz. «ShelterBox ist unglaublich hartnäckig, um die Menschen zu erreichen, die unsere Hilfe am meisten benötigen.» Die Liste der Einsatzländer ist lang und reicht über Kamerun und Syrien bis hin zu Nordkorea.

Die Simulationen sind zum Teil extrem aufwendig. Auch Flutkatastrophen und Erdbeben müssen die Trainingsteilnehmer bewältigen. «Dafür benötigen wir Freiwillige, die Betroffene spielen. Je nach Szenario sind bis zu 30 Personen involviert», berichtet Jones. Die lokalen Rotary Clubs Helston-Lizard, Helston Cober Valley und Redruth unterstützen das Training tatkräftig. Ihr Einsatz zeigt, wie eng ShelterBox und Rotary verbunden sind.

Irgendwann fühlt sich die Übung nicht mehr wie eine Übung an. Das Training zeigt, was im wirklichen Einsatz auf die Teilnehmer zukommen kann. So wird es auch zum Kampf gegen den eigenen Geist. «Es ist erstaunlich, was der eigene Körper trotz Schlafdefizit leisten kann», sagt Christian Biernath-Wüpping rückblickend. Auch Wochen später lässt ihn das Erlebte nicht los. «Ich bin ein sehr empathischer Mensch», sagt er. Er hat in Cornwall viel über sich selbst, aber auch über Dynamiken in Rettungsteams gelernt. Sollte Biernath-Wüpping in den Einsatz gehen, fühlt er sich bestens vorbereitet. «Die ShelterBox-Strukturen stimmen.»

Cornwall: Planungszentrum

Am nächsten Morgen in der ShelterBox-Zentrale in Truro, Cornwall: Das Telefon von Alex Youlten klingelt. Sie ist seit 2017 die Rotary-Partnerschaftsmanagerin von ShelterBox. Ihr Job ist es, die Kontakte zu Rotary bestmöglich zu nutzen. «Mich treibt die Frage an, wie wir bestmöglich mit anderen Organisationen zusammenarbeiten können», erklärt Youlten. Gerade prüft ShelterBox einen möglichen Einsatz im Sudan. Per Mail hat sich Youlten bereits an Carrie Golden, ihre Ansprechpartnerin bei Rotary International, gewandt. Sie will klären, ob es im Sudan Rotarier gibt, die vor und während des Einsatzes helfen können. Das wäre keine Besonderheit. Bei vielen Einsätzen spielen Rotarier eine wichtige Rolle. Zuletzt zum Beispiel in Marokko. «Dank dem rotarischen Netzwerk konnten wir entscheidende Kontakte zu Behörden und einer lokalen Hilfsorganisation knüpfen», erzählt Youlten. So sei es möglich gewesen, 1200 Familien in entlegenen Bergdörfern zu helfen.

Auch Alice Jefferson, die die Abteilung für Notfallmassnahmen leitet, unterstreicht die Bedeutung lokaler Kontakte: «Je früher wir mit Menschen aus dem Katastrophengebiet in Kontakt kommen, desto besser. Sie können uns sagen, was vor Ort benötigt wird. Mit den Behörden besprechen wir auch logistische Fragen. Wo können unsere Shelter Kits zwischengelagert werden, und wie gelingt der Transport auf der letzten Meile?» Dörfer im Gebirge sind schwerer zu erreichen als Küstenstädte. Im Bürgerkriegsland Sudan wolle man zunächst abschätzen, wie risikobehaftet ein Einsatz ist, berichtet Jefferson. Rotarier vor Ort könnten die entscheidenden Informationen liefern.

Die Antwort kommt kurz darauf aus Evanston: Per Mail bestätigt Carrie Golden, dass es im Sudan Rotarier gibt. Youlten strahlt. «Die Geschichte von ShelterBox begann mit Rotary und setzt sich mit Rotary fort», erzählt sie. Für Alex Youlten, die selbst Rotarierin ist, sei es ein Privileg, beide Organisationen zu verbinden: ehrenamtlich bei Rotary, hauptamtlich bei ShelterBox.

Die Gleichzeitigkeit von Katastrophen fordert ShelterBox besonders. Alice Jefferson sitzt wenig später an einem Schreibtisch im Grossraumbüro. Sie schaut sich gemeinsam mit Rachel Harvey Wettersatelliten-Daten in Echtzeit an. Harvey ist Leiterin der Notfallvorsorge. Ein Tropensturm zieht Richtung Karibik. Noch ist unklar, ob er sich zu einem Hurrikan entwickelt und welchen Weg er nimmt. Während sich der Karibik die nächste Katastrophe nähern könnte, sind Kollegen bereits auf der Karibikinsel Grenada im Einsatz, wo Hurrikan Beryl verheerende Schäden angerichtet hat.

Belgien: Logistikzentrum

Doch Lagebilder und Kontakte allein reichen nicht. Wenn ein Einsatz beschlossen ist, muss Hilfe auch verfügbar sein.

Hier kommt Benedict Redman ins Spiel. Am frühen Morgen ist er aus London angereist; nun steht er in Ronse, einer Kleinstadt südlich von Brüssel, auf dem Firmengelände von Alpinter vor Paletten mit Hilfsgütern. «Wir lagern Hilfsgüter an strategischen Orten auf der ganzen Welt, damit sie so schnell wie möglich bei den Menschen ankommen, die sie benötigen», erklärt er. «Einer dieser Orte ist hier.»

Benedict Redman ist Globaler Lieferketten-Manager bei ShelterBox. Gemeinsam mit zwei Kollegen organisiert er die Lagerung von Hilfsgütern weltweit. Seine Arbeit reicht von der Beschaffung über die Anlieferung bis zur Lagerung der Hilfsgüter in den Logistikzentren. Im Ernstfall darf die Lieferkette nicht reissen. Redman verwaltet die Bestände und prüft, welche Hilfsgüter nach einem Katastropheneinsatz nachbestellt werden müssen. «Was hier rausgeht, soll in zwei Wochen wieder da sein», beschreibt er das Ziel.

«Wir lagern hier lebenswichtige Artikel wie Zelte, Planen und Seile für Unterkünfte. Dazu kommen Decken, Schlafmatten, Küchensets, Solarleuchten, Wasserträger, Wasserfilter und Eimer. Aus Erfahrung wissen wir, dass die Menschen diese Dinge nach einer Katastrophe besonders dringend brauchen», sagt Redman.

Alpinter vermietet Lagerflächen an Hilfsorganisationen wie ShelterBox. Nicht alle hier gelagerten Hilfsgüter gehören ShelterBox bereits; ein Teil ist lediglich reserviert und wird erst bezahlt, wenn er tatsächlich gebraucht wird. So muss die Organisation keine grossen Mengen kaufen, die womöglich lange ungenutzt bleiben. «Zugleich hat keine andere Hilfsorganisation Zugriff», erklärt Redman. Nach Rücksprache könne ShelterBox die Güter jedoch auch anderen Organisationen freigeben.

Training, Planung, Logistik: Bei ShelterBox greifen viele Teile ineinander, bevor ein Einsatzteam überhaupt losfährt. Wenn irgendwo auf der Welt Menschen ihr Zuhause verlieren, soll Hilfe nicht erst gesucht werden müssen. Sie soll bereitstehen.

ShelterBox-Trainingszentrum: Christian Biernath-Wüpping bereitet sich mit Freiwilligen auf Hilfseinsätze vor.

ShelterBox-Planungszentrum: Rachel Harvey, Leiterin Notfallvorsorge, und Alice Jefferson (rechts), Leiterin Notfallmassnahmen

ShelterBox-Logistikzentrum: Benedict Redman (rechts) überprüft mit Butch Lauterer und Fem Mulier von Alpinter die Hilfsgüter