Mehr als nur Vokabeln

Thursday, September 17, 2026

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Mehr als 60 Jugendliche aus 19 Ländern haben ihr Zuhause, ihre Freunde und alles Vertraute hinter sich gelassen. Vor ihnen liegt ein Jahr in der Schweiz – mit einer neuen Familie, einer anderen Schule und einer Sprache, in der selbst einfache Fragen schwierig werden. Das Sprachcamp in Fiesch hilft ihnen, möglichst rasch eigene Worte für das neues Leben zu finden.

«Guten Abend, wie geht es dir?» Sechs Wörter, wie aus der ersten Lektion eines Sprachkurses. Für PDG Andrea Weber erzählen sie eine ganze Geschichte.

Am Samstag waren die jungen Leute in Fiesch angekommen. Da wurde noch auf Englisch begrüsst. Bereits am Sonntagabend hörte Andrea Weber, die neue Chairwoman vom Rotary Jugendaustausch Schweiz/Liechtenstein, ein erstes «Guten Abend, wie geht es dir?» – mit charmantem spanischem oder englischem Akzent.

Ein kleiner Satz, doch für einen Jugendlichen, der erst seit einem Tag in der Schweiz ist, bedeutet er viel: Ich kann jemanden ansprechen. Ich kann eine Frage stellen. Ich bekomme eine Antwort.

Wer für ein Austauschjahr in ein fremdes Land reist, muss sich plötzlich Dinge erarbeiten, über die man zuhause nicht nachdenkt. Wie sage ich meiner Gastfamilie, was ich brauche? Wie erkläre ich in der Schule, dass ich eine Aufgabe nicht verstanden habe? Wie frage ich nach dem richtigen Bus? Und wie erzähle ich jemandem, dass es mir heute nicht gut geht?

Worte für ein neues Leben

Am 8. August trafen 61 neue «Inbounds» aus 19 Ländern im Wallis ein. Sie kamen aus den USA, Brasilien, Japan, Kanada, Argentinien, Chile, Mexiko und vielen weiteren Teilen der Welt. Die jungen Leute sind zwischen 16 und knapp 18 Jahre alt. Manche hatten zuhause schon mehrere Jahre Deutsch oder Französisch gelernt, andere standen sprachlich am Anfang.

Nach Begrüssung, Kennenlernen und Zimmerbezug erhielten sie die ersten Informationen über das Campleben. Ab Sonntag wurde gelernt: 36 Lektionen in einer Woche, Abschlussprüfung am Freitagnachmittag, Nachtruhe um 22 Uhr. Sechs Schüler besuchten den Französischunterricht, zwei lernten Italienisch, die übrigen Deutsch. Dort wurden vier Klassen gebildet, damit Anfänger ebenso vorankamen wie Jugendliche mit Vorkenntnissen.

Das Ziel war sehr praktisch: Die neuen Inbounds sollten möglichst schnell selbstständig handeln können – in der Gastfamilie, im Unterricht, beim Einkaufen, unterwegs und im Gespräch mit anderen jungen Leuten. Nach Fiesch wird der Sprachunterricht deshalb online mit den Flying Teachers fortgesetzt.

Vokabeln und Grammatik allein reichen allerdings nicht aus, um in einem fremden Land Fuss zu fassen. In Workshops auf Englisch und Spanisch ging es um Schweizer Produkte, Sportarten und Essgewohnheiten, um das politische System, die Kommunikation und die Anforderungen an den Schulen. Vor allem sprachen die Jugendlichen über Fragen, die sie in den kommenden Monaten unmittelbar beschäftigen werden: Wie lebt man in einer neuen Familie? Welche unausgesprochenen Regeln gelten? Was hilft, wenn die vertraute Welt mit einem Mal sehr weit weg ist?

Bei zwei Jugendlichen kam das Heimweh bereits in den ersten Tagen. Da half kein Stundenplan. Es brauchte Menschen, die zuhörten, sich Zeit nahmen und merkten, wann Ablenkung guttat. Gespräche und ein zusätzlicher Ausflug nach Brig halfen den beiden, etwas Abstand zu gewinnen und wieder Anschluss an die Gruppe zu finden.

Auch das gehört zum Sprachcamp: auffangen, bevor aus einem schwierigen Moment eine Krise wird.

Menschen, die das Ankommen möglich machen

Hinter der Woche in Fiesch steckt viel freiwillige Arbeit. Muriel Pestalozzi und Janine Bachmann von der Geschäftsstelle, Denis Gröflin aus dem Vorstand des Vereins Rotary Jugendaustausch Schweiz/Liechtenstein, Andrea Weber sowie Mitglieder der Jugendkommissionen aller drei Distrikte planten, organisierten und begleiteten das Camp. Sie erklärten Regeln, beantworteten Fragen, lösten kleine und grössere Probleme und behielten den Überblick über eine Gruppe, in der 63 junge Menschen ganz unterschiedliche Bedürfnisse mitbrachten.

Besonders nah an den Inbounds waren sieben Rotex-Mitglieder. Sie kennen den Austausch aus eigener Erfahrung und wissen, wie sich die ersten Tage in einem neuen Land anfühlen. Jeden Tag organisierten sie zwei Stunden Sport: Bogenschiessen, Minigolf, Volleyball, Fussball, Basketball, Klettern und Schwimmen. Ein Bademeister mit Rettungsschwimmer-Brevet sorgte im Wasser für Sicherheit.

Die Rotex-Mitglieder halfen beim Weckdienst, in den Workshops und bei den Ausflügen. Vor allem waren sie ansprechbar. Auf dem Sportplatz oder beim gemeinsamen Unterwegssein entstanden Gespräche oft leichter als im Unterricht. Dort durfte ein Satz unvollständig bleiben, eine Vokabel fehlen oder eine Antwort mit Händen und Füssen erklärt werden.

Das warme Sommerwetter zeigte den Neuankömmlingen das Wallis von seiner schönsten Seite. Beim Ausflug aufs Eggishorn lag der Aletschgletscher klar vor ihnen. Für die Sicherheit wurde die Gruppe in vier Teams eingeteilt, die jeweils von mehreren Erwachsenen begleitet wurden. Auf der Hängebrücke wartete eine andere Herausforderung: Für manche wurde die Überquerung zur echten Mutprobe.

Auch DG René Loretan besuchte die jungen Leute in Fiesch. Was er dort sah, war der Auftakt zu mehr als 60 Austauschjahren, die gleichzeitig beginnen – und nur gelingen können, weil Gastfamilien, Rotary Clubs, Jugenddienst, Geschäftsstelle und Rotex gemeinsam Verantwortung übernehmen.

«Ich habe die jungen Menschen als gut erzogen, freundlich und sympathisch erlebt», erzählt PDG Andrea Weber. Nach einer Woche spricht noch niemand fliessend Deutsch, Französisch oder Italienisch. Doch die ersten Fragen sind gestellt. Die Jugendlichen wissen, wie sie um Hilfe bitten können. Und sie haben Menschen kennengelernt, die zuhören, auch wenn ein Satz etwas länger braucht.


Ab ins Ausland – oder die Welt zu Gast

Der Rotary Jugendaustausch Schweiz/Liechtenstein sucht Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren, die ein Schuljahr im Ausland verbringen möchten. Dort besuchen sie eine öffentliche Schule und leben nacheinander bei mehreren Gastfamilien. Bei der Bewerbung können drei Wunschländer angegeben werden; eine bestimmte Destination lässt sich jedoch nicht garantieren. 

Gleichzeitig werden in der Schweiz und in Liechtenstein Gastfamilien gesucht. Sie nehmen einen Jugendlichen aus dem Ausland für einen Teil des Austauschjahres bei sich auf und ermöglichen ihm, den Familienalltag und die hiesige Kultur kennenzulernen. Die Familien werden durch Rotary vorbereitet, geschult und während des Aufenthalts begleitet. 

Weitere Informationen und Anmeldung über die Website des Rotary Jugendaustauschs Schweiz/Liechtenstein.


Die Welt zu Gast im Wallis