Nach der Katastrophe

Friday, January 16, 2026

vmn

Unmittelbar nach der Katastrophe von Crans-Montana begann Rotary, Hilfe für Betroffene und Angehörige zu koordinieren – auch über die akute Phase hinaus.

Die Katastrophe von Crans-Montana hat die Schweiz tief erschüttert. In der Silvesternacht wurde aus einem Ort der Unbeschwertheit ein Schauplatz von Verlust, Trauer und Fragen, auf die es keine schnellen Antworten gibt. In den Tagen danach dominierten Zahlen, Bilder und Stellungnahmen die öffentliche Wahrnehmung. Trauerfeiern fanden statt, Ermittlungen wurden aufgenommen, politische Verantwortung diskutiert.

Doch Katastrophen enden nicht mit der letzten Schlagzeile. Für viele Betroffene beginnt nach dem Abflauen der medialen Aufmerksamkeit eine Phase, die abseits der Schlagzeilen liegt und viel Ausdauer verlangt. Verletzungen heilen langsam, organisatorische Herausforderungen bleiben, Angehörige pendeln zwischen Hoffnung und Erschöpfung. Genau hier setzt Hilfe an, die nicht spektakulär ist, aber entscheidend.

Hilfe als Koordinationsarbeit

In den Tagen nach dem Unglück begann hinter den rotarischen Kulissen eine intensive Abstimmung. Auf Ebene der Governors wurden Informationen gebündelt, Zuständigkeiten geklärt und Kontaktwege definiert. Zentral war dabei von Beginn an ein Grundsatz: Rotary ersetzt weder staatliche Verantwortung noch Versicherungsleistungen. Hilfe sollte dort ankommen, wo bestehende Systeme an ihre Grenzen stossen – zeitlich, organisatorisch oder menschlich.

Diese Haltung prägte die gesamte Vorgehensweise. Statt möglichst viele Angebote zu sammeln, ging es darum, Bedarfe zu verstehen. Was wird konkret gebraucht? Wer ist zuständig? Wo entsteht eine Lücke – und wo nicht? Die Antworten darauf waren keine fixen Grössen, sondern entwickelten sich fortgehend weiter.

Eine dynamische Lage - auf vielen Ebenen

Die Situation nach Crans-Montana war von Anfang an komplex. Betroffene wurden in verschiedenen Ländern medizinisch betreut, Angehörige reisten kurzfristig an, oft ohne Orientierung in einem fremden Umfeld. Neben der medizinischen Versorgung traten rasch weitere Fragen in den Vordergrund: Unterkunft, Transport, Kommunikation mit Behörden, rechtliche und administrative Schritte. Hinzu kam eine emotionale Belastung, die sich kaum standardisieren lässt.

In dieser frühen Phase war vor allem praktische Hilfe gefragt. Übersetzungen, Begleitung, fachliche Unterstützung, Zeit und Präsenz – all das sind Formen von Hilfe, die sich nicht in Zahlen messen lassen, aber für Betroffene einen entscheidenden Unterschied machen können. Koordiniert wurde diese Unterstützung vor Ort, eingebettet in eine übergeordnete Abstimmung auf Distrikts- und nationaler Ebene. Die Koordination der rotarischen Unterstützung lag beim Präsidenten des RC Crans-Montana, Yves Duc. Er fungierte in den ersten Tagen als zentrale Anlaufstelle und war zugleich in die übergeordnete Abstimmung auf Distrikts- und nationaler Ebene eingebunden. Für die Clubs blieb der jeweilige Governor der zentrale Ansprechpartner – ein bewusster Entscheid, um die Hilfe gebündelt und wirksam zu halten. 

Wenn finanzielle Unterstützung notwendig wird

Mit zunehmender Klärung der Situation verlagerte sich der Schwerpunkt der rotarischen Hilfe schrittweise. Dort, wo praktische Unterstützung an Grenzen stiess oder zusätzliche Belastungen entstanden, wurde finanzielle Hilfe notwendig. 

Die eingesetzten Mittel dienen dazu, Betroffene und ihre Angehörigen in akuten Situationen zu entlasten – etwa bei kurzfristigen Aufenthalten, zusätzlichen Kosten im Zusammenhang mit Hospitalisationen oder in anderen Fällen, in denen rasche Hilfe entscheidend war. Die Identifikation dieser Fälle erfolgt von Fall zu Fall und in enger Absprache mit den zuständigen Sozialdiensten der Krankenhäuser. Absolute Vertraulichkeit gegenüber den Betroffenen ist in diesem Zusammenhang selbstverständlich. Dabei bewegt sich die Koordination stets innerhalb enger medizinischer und rechtlicher Rahmenbedingungen, was den direkten Kontakt zu allen betroffenen Familien nicht immer unmittelbar möglich macht.

Entscheidend ist auch hier nicht die Höhe der Mittel, sondern die Art ihres Einsatzes. Schnelligkeit, pragmatisches Handeln und Respekt vor bestehenden Strukturen sind leitend. Hilfe soll unterstützen, nicht überlagern.

Zwischen Aufarbeitung und Alltag

Während sich die öffentliche Debatte zunehmend auf juristische Fragen, Verantwortlichkeiten und politische Konsequenzen richtete, blieb für viele Betroffene der Alltag weiterhin geprägt von Unsicherheit. Noch Wochen nach der Katastrophe werden Verletzte in Spitälern in der Schweiz und im Ausland behandelt. Angehörige organisieren Besuche, Aufenthalte, Rückreisen. Für Pflegepersonal begann eine Phase anhaltender Belastung, die weit über den akuten Notfall hinausreicht.

Für viele der Verletzten – insbesondere für schwer Brandverletzte – bedeutet dies einen langen Weg aus medizinischer Behandlung, Rehabilitation und sozialer Neuorientierung. Ein Prozess, der sich über Monate, oft über Jahre erstrecken wird und entsprechend nachhaltige Begleitung erfordert.

Crans-Montana zeigt exemplarisch, wie rotarische Hilfe verstanden werden kann: nicht als kurzfristige Aktion, sondern als Prozess. Koordinierend statt improvisierend, zurückhaltend statt laut, wirksam statt sichtbar. Es geht um die Fähigkeit, zuzuhören, Strukturen zu respektieren und Verantwortung dort zu übernehmen, wo sie sinnvoll ist.

Vor der Bar in Crans-Montana, in der sich das Unglück ereignete, brennen Trauerkerzen. Sie stehen für das, was verloren ging. Und sie erinnern daran, dass Solidarität nicht immer in grossen Gesten geschieht – sondern oft in der Bereitschaft, im Hintergrund verlässlich da zu sein.

Mehr zum Spendenaufruf: Crans Montana - Aufruf zur Solidarität

Gemeinsam vor Ort (v.l.): Yves Duc mit den Governors Jouni Heinonen, Andrea Weber und John Manning (Foto: Rot. André Springer)