Wissenschaftlerin, Direktorin, Imageberaterin, Politikerin und Rotarierin – Christelle Steiger vom RC Sierre liebt es, Neues zu entdecken und Entscheidungen zu treffen. An der Leitung des Labors Salamin setzt sie sich für eine andere Form der Kontrolle ein: jene, die es einem unabhängigen Betrieb ermöglicht, sein Schicksal eigenständig zu bestimmen.
Als unabhängiges Labor zu bestehen, ist in Zeiten ständig steigenden Preisdrucks eine echte Herausforderung. Christelle Steiger, medizinische Leiterin des Labors Salamin, spricht bei unserem Treffen in Sierre VS von einem regelrechten Spagat: „Die Hersteller erhöhen ihre Preise linear, während das Bundesamt für Gesundheit die unseren drastisch senkt.“ Neben dem Labor Salamin gibt es heute in der Schweiz nur noch etwa zehn private, unabhängige und familiengeführte Labore; alle anderen werden von grossen ausländischen Konzernen kontrolliert.
Die Zentralisierung ermöglicht zweifellos Einsparungen auf nationaler Ebene, doch Christelle sieht vor allem die Vorteile der Struktur, die sie zusammen mit Théo Salamin, ihrem Neffen, der die administrative Leitung innehat, leitet. Die Kontrolle auf lokaler Ebene zu behalten, ist für ein Unternehmen, das tief in seiner Region verwurzelt ist, von zentraler Bedeutung. Christelle erklärt: „Bei uns kommt nicht einfach nur ein Blutröhrchen an: Die Patienten kommen zu uns, oft auch, um ihre Sorgen loszuwerden. Wir nehmen uns Zeit, ihnen zuzuhören, sie zu begleiten und ihnen zu helfen. Das hat natürlich seinen Preis, aber diese Investition zahlt sich auch aus. Dank dieser Nähe bleiben uns sowohl Patienten als auch Ärzte treu und kommen immer wieder.“
Neben Sierre ist auch der Standort Collombey des Labors Salamin auf Laboruntersuchungen spezialisiert; zusätzlich sind vier Standorte für Blutentnahmen über das gesamte Wallis verteilt. Ein Kurierteam ist von Gletsch im Oberwallis bis nach Saint-Gingolph am Léman unterwegs und bietet zudem einen Dienst für Blutentnahmen zu Hause an. Diese Präsenz vor Ort stärkt die Beziehungen zu Patienten und Ärzten. Mehrere Arztpraxen sind übrigens zum Labor Salamin zurückgekehrt, nachdem sie anderswo schlechte Erfahrungen gemacht hatten, insbesondere als Blutröhrchen unterwegs verloren gingen. „Sie sagten uns, dass sie nicht mehr wüssten, wohin die Röhrchen verschickt würden, und dass sie diesen Kontrollverlust kaum schätzten.“ Ganz zu schweigen davon, dass dann die Blutentnahme wiederholt werden muss, was die Kosten erneut erhöht…
Um sein Angebot zu diversifizieren, bietet das Labor Salamin seit 2025 auch Wasserkontrollen an, insbesondere für öffentliche Schwimmbäder und Hotels, die der Kanton Wallis nicht mehr systematisch durchführt. Diese Diversifizierung fällt unter die strategische Freiheit, die die Direktorin dieses unabhängigen Labors bewahren und verteidigen will – kurz gesagt: die Kontrolle über dieses Unternehmen zu behalten, das Luc Salamin vor nunmehr 65 Jahren gegründet hat. Zu Beginn zählte das Labor sechs Mitarbeitende, heute sind es zehnmal so viele. Das Gleiche gilt für die Zahl der Patientenakten, die von 10000 auf über 100000 pro Jahr gestiegen ist.
Erschütternde Ergebnisse
Christelle zeigt uns anschliessend eine beeindruckende Vielzahl von Geräten. Sie stehen in verschiedenen Sektoren, die im Halbkreis des Gebäudes angeordnet sind. Mit der natürlichen Gelassenheit einer Wissenschaftlerin spricht sie über chemische und hämatologische Analysen, Mikrobiologie und Immunologie – Untersuchungen, die für Arztpraxen, Kliniken, Forschungszentren und Privatpersonen durchgeführt werden. Auch ohne die gesamte Komplexität der Untersuchungen zu erfassen, wird eines deutlich: Hier fallen Ergebnisse an, die ein Leben auf den Kopf stellen können. Christelle erwähnt einen Ferritinmangel, der zu Müdigkeit führen kann, aber auch weitaus heiklere Fälle wie die Feststellung eines Karzinoms, einer Leukämie, einer nicht mehr fortschreitenden Schwangerschaft, von Syphilis oder HIV.
In dieser Welt ist kein Platz für Fehler. Deshalb werden bestimmte Geräte einer eindrucksvollen Anzahl von Kontrollen unterzogen, noch bevor die Analysen überhaupt beginnen. Christelle zeigt auf ein imposantes Gerät aus dem Bereich der Serochemie und erwähnt etwa 200 Parameter, die täglich auf mehreren Ebenen überprüft werden. Wenn bei bestimmten Parametern die Anzahl der Anfragen 50 pro Tag übersteigt, müssen die Kontrollen mehrmals täglich wiederholt werden. „Das ist enorm“, sagt Christelle.
Man spürt, dass sie in dieser hochpräzisen Welt, der sie seit über 35 Jahren treu ist, am richtigen Platz ist. Mit Ausnahme von drei Jahren, die sie am Centre universitaire romand de médecine légale in Lausanne verbrachte, arbeitet sie seit 1990 im Labor, zunächst als medizinisch-technische Laborantin, dann von 2010 bis 2020 als medizinische Beauftragte, bevor sie 2020 die Leitung übernahm.
Zwischen Strenge und Kreativität
Dennoch ist ihr Verhältnis zum Begriff der Kontrolle nicht frei von Ambivalenz. Die heute 56-Jährige erinnert sich an eine strenge Erziehung, die vielleicht manchmal zu streng war. „Wir Kinder mussten immer und überall perfekt sein und uns beherrschen, das war nicht immer einfach.“ Als sie sich zwischen einer Ausbildung zur Coiffeuse und zur biomedizinischen Labortechnikerin entscheiden musste, gehorchte sie brav dem Wunsch ihrer Eltern – nicht ohne Bedauern über den Verzicht auf den ästhetischen Teil. Sie kompensierte zunächst in Form einer ganz persönlichen modische Rebellion: Sie rasierte sich die Haare oder färbte sie leuchtend orange und trug Schuhe mit Leopardenmuster. Viel später, im Jahr 2005, absolvierte sie eine Ausbildung zur Imageberaterin.
Christelle, deren kupferrote, stylisch geschnittene Haare einen schönen Kontrast zum granitgrauen Stoff ihres sportlich-schicken Kostüms bilden, räumt ein, dass Kontrolle auch im ersten Eindruck, den man von sich vermittelt, eine Rolle spielt – diesmal jedoch in einer positiven Perspektive. „Zu wissen, wie man sich beispielsweise für ein Vorstellungsgespräch kleidet, gibt Selbstvertrauen. Das ist besonders wichtig für Menschen, die sich in einer Notlage befinden.“
2018 erwarb sie zudem ein Zertifikat in Führung und Coaching und erzählt uns, wie gerne sie Menschen fördert und selbst Entscheidungen trifft. Gerade in ihrer Führungsposition im Labor kann sich ihre spontane und kreative Seite entfalten. Sie schätzt die Freiheit, dort Projekte zu besprechen, manchmal sogar künstlerische: Das Labor Salamin zeigt regelmässig Ausstellungen von Walliser Künstlern.
Spiel und Kreativität fanden auch während ihrer politischen Amtszeit ihren Platz. Als Mutter von zwei Söhnen und einer Tochter war Christelle von 2004 bis 2012 Mitglied der Exekutive ihrer Wohngemeinde Venthône. Dort hat sie nicht nur eine Kindertagesstätte gegründet, sondern auch ein lebensgrosses "Leiterli"-Spiel mitten in der Natur konzipiert: 100 Stationen, die durch Hängeseile und Rutschbahnen miteinander verbunden sind.
Christelle, das wird deutlich, liebt es, offen zu bleiben und Neues zu lernen. Genau das findet sie auch bei Rotary, dem sie 2022 beigetreten ist, nachdem sie ihre Vorurteile gegenüber einem Club revidiert hatte, den sie sich „für die Reichen von den Reichen“ vorgestellt hatte. Im RC Sierre schätzt sie es, ihr Netzwerk zu erweitern, Neues zu lernen und anderen helfen zu können.
Nachdem sie ihre Ausbildung zur medizinischen Laborantin in Lausanne mit einem Abitur in Philosophie und Englisch in Grenoble ergänzt hatte, wäre Christelle beinahe an die Universität gegangen, um Archäologie zu studieren. Sie verzichtete darauf, weil ihr ein Punkt fehlte, um die entsprechende Qualifikation in der Schweiz zu erhalten. Mit einem Augenzwinkern hinter ihrer Brille mit dem markanten Rahmen fasst sie ihren Werdegang zusammen: Letztendlich ist sie ihr ganzes Leben lang in der Forschung geblieben.