Beruf als Dienst

Montag, 1. Juni 2026

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Was bedeutet «Berufsdienst» konkret? Er beginnt nicht im Projektantrag, sondern im eigenen Fachgebiet. In unserer Serie über die fünf rotarischen Dienste steht diesmal CHEIRA im Fokus – eine Initiative von Rotariern und medizinischen Fachpersonen, die operative Expertise genau dorthin bringt, wo sie dringend gebraucht wird.

Vierzehn Koffer, 260 Kilogramm medizinisches Material, sorgfältig erfasst, nummeriert, deklariert. Es ist mitten in der Nacht am Flughafen von Nairobi, als das Team aus der Ostschweiz am Zoll gestoppt wird. Listen werden geprüft, Zuständigkeiten hinterfragt, Telefonate geführt. Wer schon einmal mit medizinischem Spezialmaterial gereist ist, weiss: Ein fehlendes Dokument kann alles verzögern. Erst nach Stunden und dank eines offiziellen Einladungsschreibens des Gouverneurs darf die Gruppe weiterreisen.

Am nächsten Morgen beginnt die eigentliche Aufgabe.

Ein hoch qualifiziertes Team aus St. Galler Chirurgen, Anästhesisten und Operationstechnikern arbeitet eine Woche lang im Maragua-Hospital in Kenia. Der Einsatz ist kein Abenteuer, kein spontaner Hilfsimpuls. Das Spital hatte im Vorjahr um fachtechnische Unterstützung gebeten. CHEIRA – Swiss Humanitarian Surgery – stellte daraufhin ein Team zusammen, das exakt jene Expertise mitbringt, die vor Ort benötigt wird. Jeder Einsatz folgt einer klaren Struktur, jede Reise ist vorbereitet, jede Kiste mit Material dokumentiert.

In nur sieben Tagen untersucht das Team 135 Patientinnen und Patienten, führt 55 Operationen in Vollnarkose sowie 17 Eingriffe in Lokalanästhesie durch. Für die Betroffenen bedeutet das oft weit mehr als eine medizinische Korrektur. Es geht um Beweglichkeit, Schmerzfreiheit, um die Möglichkeit, wieder zu arbeiten oder zur Schule zu gehen. In Regionen, in denen spezialisierte Eingriffe nicht selbstverständlich sind, kann eine Operation über gesellschaftliche Teilhabe entscheiden.

Doch wer den Einsatz allein an Zahlen misst, verkennt seinen Kern. Von Anfang an dreht es sich nicht allein um operative Hilfe. Es geht um Zusammenarbeit, um Struktur, um Nachhaltigkeit. Operationen werden gemeinsam geplant, Techniken diskutiert, Verantwortung schrittweise an das lokale Ärzteteam übergeben. Nur Verfahren, die mit den vorhandenen Ressourcen dauerhaft anwendbar sind, kommen zum Einsatz. Was hier geschieht, ist ein langfristig angelegter Prozess: Kompetenz soll weitergegeben werden, über den Einsatz hinaus.

Genau hier wird der Berufsdienst greifbar.

Beruf als Ursprung und Anspruch

Rotary wurde 1905 von Paul Harris und drei Geschäftsleuten gegründet, die über ihre Fachgebiete hinaus miteinander ins Gespräch kommen wollten. Sie trafen sich «rotierend» in den Büros der Mitglieder, lernten unterschiedliche Professionen kennen und erkannten früh, dass Integrität im Beruf eine gesellschaftliche Dimension besitzt. Diese Wurzeln sind kein historisches Detail, sondern prägen Rotary bis heute.

So wundert es nicht, dass der Berufsdienst, einer der fünf rotarischen Dienste, Rotary vielleicht am deutlichsten von anderen Serviceorganisationen unterscheidet. Er fordert dazu auf, hohe ethische Grundsätze im Geschäfts- und Berufsleben zu verwirklichen, den Wert jeder nützlichen Tätigkeit anzuerkennen und die eigene berufliche Kompetenz bewusst in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Der Beruf wird als Verantwortung verstanden.

Das beginnt im Alltag. Faire Marktpraktiken, transparente Entscheidungen, respektvoller Umgang mit Mitarbeitern, Loyalität gegenüber Geschäftspartnern – all das gehört ebenso dazu wie Mentoring, Fachvorträge oder die Förderung junger Menschen. Die Vier-Fragen-Probe wirkt hier als Kompass: Ist es wahr? Ist es fair? Fördert es Freundschaft und guten Willen? Dient es dem Wohle aller Beteiligten?

Berufsdienst ist damit kein Zusatzprogramm, er durchzieht das gesamte berufliche Leben eines Rotariers. Wer unserer Organisation beitritt, verpflichtet sich zu Integrität. Oder anders formuliert: Rotary wird im täglichen Handeln sichtbar und nicht erst im Meetingraum.

CHEIRA verkörpert diesen Anspruch in verdichteter Form. Die Initiative ist eng mit dem RC Appenzell verbunden. Mehrere Mitglieder des Vorstands sind Rotarier, darunter Präsident Johannes Schläpfer. Im Vorstand arbeiten Fachleute aus Medizin, Recht, Finanzen und Digitalisierung zusammen. Die operative Arbeit leisten spezialisierte Expertenteams aus der Ostschweiz. Jeder bringt ein, was er beruflich beherrscht, direkt aus seiner fachlichen Praxis.

Professionelle Hilfe mit langfristiger Perspektive

Die Einsätze von CHEIRA folgen einem klaren Prinzip: Anfrage, Analyse, gezielte Teamzusammenstellung, operative Tätigkeit, Evaluation und Fortführung. Pro Jahr finden zwei bis vier Missionen statt, unter anderem in Kenia, Uganda und Kamerun. Jeder Einsatz steht unter der Frage, ob lokale Motivation, Kooperationsbereitschaft und Entwicklungsperspektiven vorhanden sind.

Im Maragua-Hospital in Kenia zeigt sich rasch, wie anspruchsvoll diese Arbeit ist. Geräte sind teilweise veraltet, Abläufe nicht standardisiert, Sauerstoffreserven nicht immer verlässlich gesichert. Bereits am ersten Tag fällt ein wichtiges Instrument zur Blutstillung aus. Dank der mitgebrachten Ausstattung kann weiteroperiert werden. Gleichzeitig wird deutlich, wo strukturelle Schwächen liegen.

Ein tragischer Zwischenfall während einer Narkoseeinleitung führt dem Team schmerzhaft vor Augen, wie stark fehlende Infrastruktur die Sicherheit beeinflussen kann. Solche Erfahrungen erschüttern, und sie führen zu vertieften Gesprächen mit den lokalen Verantwortlichen. Welche Investitionen sind prioritär? Wie lassen sich Prozesse verbessern? Wo braucht es zusätzliche Schulung?

Auch in Uganda wird operiert, geschult, analysiert. In Kamerun erschweren politische Unsicherheiten und infrastrukturelle Defizite die Arbeit. Dennoch entstehen Partnerschaften. Nach den Einsätzen bleiben Kontakte bestehen, digitale Fallbesprechungen ermöglichen einen kontinuierlichen fachlichen Austausch. Der Wissenstransfer endet nicht mit dem Rückflug.

CHEIRA versteht sich deshalb nicht als kurzfristige Einsatzorganisation; entscheidend sind Qualität und Kontinuität. Pro Einsatz sollen mindestens 40 Kinder und junge Erwachsene funktionell oder ästhetisch so unterstützt werden, dass ihre gesellschaftliche Teilhabe langfristig gesichert bleibt. Hinter jeder Zahl steht eine konkrete Geschichte, hinter jeder Operation ein Mensch, der eine Chance erhält.

Der Berufsdienst zeigt sich hier in seiner ganzen Breite. Chirurgisches Können, anästhesiologische Expertise, organisatorische Erfahrung, juristische Absicherung, finanzielle Planung und digitale Vernetzung greifen ineinander. Rotary wird zur Plattform, auf der berufliche Kompetenz gebündelt und gezielt eingesetzt wird.

Der Unterschied zu anderen Diensten wird dabei deutlich. Während der Gemeindienst lokal verankert wirkt und der Internationale Dienst die globale Dimension von Rotary sichtbar macht, fragt der Berufsdienst nach der Qualität des eigenen beruflichen Handelns. Er verbindet Ethik mit Fachwissen, Anspruch mit Praxis. Er erinnert daran, dass gesellschaftliches Engagement nicht erst nach Feierabend beginnt: Ein St. Galler Ärzteteam reist nach Kenia. Es operiert, schult, analysiert, plant weiter. Es bringt Standards mit, ohne sie aufzuzwingen. Es lernt selbst, während es lehrt.

Aktiver Berufsdienst bedeutet, den eigenen Beruf als Möglichkeit zu begreifen, als Instrument, um Wirkung zu entfalten. Und genau darin liegt seine besondere Kraft innerhalb der fünf rotarischen Dienste.

Rot. Astrid Bergundthal und Rot. Johannes Schläpfer von CHEIRA Swiss Humanitarian Surgery