Zwischen den Seiten das Leben

Montag, 1. Juni 2026

vmn

Eine Buchhandlung ist mehr als ein Verkaufsort – sie ist ein Seismograf für Lesegewohnheiten. Sandra Bellini, Buchhändlerin in Stäfa und Mitglied des RC Meilen, über Auswahl, Beratung und darüber, was Leser heutzutage suchen.

Frau Bellini, wer heute eine Buchhandlung betritt, entscheidet sich gegen zahlreiche andere Formen der Zerstreuung. Was sagt dieser Schritt über den Stellenwert des Lesens?

Wer unsere Buchhandlung betritt, kommt bewusst zu uns. Unser Geschäft liegt nicht unbedingt an einer Passantenlage. Und viele kommen auch nicht nur des Buches wegen, sondern suchen die Begegnung, ein Gespräch. Das Lesen steht bei uns für die Lust am Text und an Geschichten, für Neugier und für das Bedürfnis nach Tiefe. Wir lesen sehr vieles selber, das spürt der Kunde und sucht unsere Beratung.

Lassen sich an den Büchern, die Menschen kaufen, gesellschaftliche Stimmungen ablesen?

Sehr deutlich. Buchkäufe sind ein Seismograph. In Phasen der Unsicherheit steigt das Interesse an Orientierung – das sieht man an Sachbüchern zu Politik, Psychologie oder Geschichte. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach erzählter Welt, nach Romanen, die zusammenhalten, was im Alltag oft zerfällt.

Auffällig ist auch, wie häufig Bücher als Mittel der Selbstvergewisserung gekauft werden: Wer bin ich, was ist ein gutes Leben, wie bleibe ich handlungsfähig?

Wird heute anders gelesen – konzentrierter, selektiver, oder schlicht seltener?

Ich erlebe es als selektiver – und stärker unterbrochen. Viele lesen weiterhin, aber Konzentration muss heute aktiv hergestellt werden. Gleichzeitig wählen Leserinnen und Leser bewusster aus: weniger «irgendetwas», mehr Bücher, die wirklich tragen. Man merkt das auch im Gespräch am Kassentisch: Oft geht es nicht um Genre, sondern um Stimmung und um die Frage, was gerade guttut oder weiterhilft.

Das Digitale verspricht permanente Verfügbarkeit, das gedruckte Buch verlangt Aufmerksamkeit. Worin liegt für Sie die jeweils eigene Qualität beider Formen?

Das Digitale ist unschlagbar in Zugriff, Mobilität und Recherche. Das gedruckte Buch dagegen ist ein anderes Zeitmedium: Es lädt dazu ein, bei einer Sache zu bleiben. Man erinnert sich räumlich an Stellen, spürt Fortschritt, hat eine körperliche Beziehung zum Text. Für viele Kundinnen und Kunden ist das gedruckte Buch heute eine bewusste Auszeit – nicht aus Nostalgie, sondern aus einem echten Bedürfnis heraus.

Hat das gedruckte Buch gerade deshalb Bestand, weil es sich der Logik permanenter Beschleunigung entzieht?

Ja. Das Buch kann nicht «pushen». Es bleibt still, bis man es öffnet. In einer Kultur, die Aufmerksamkeit permanent abschöpft, wird diese Stille zur Qualität. Ich sehe oft, wie Menschen im Laden kurz langsamer werden: Sie blättern, lesen die ersten Seiten, bleiben stehen. Das ist bereits ein anderes Tempo – und genau das macht das Buch so zeitgemäss.

Früher prägten Feuilletons und Lehrpläne den literarischen Kanon. Wer übernimmt diese Rolle heute?

Der Kanon ist pluraler geworden. Es gibt nicht mehr die eine Instanz, sondern viele Teilöffentlichkeiten: Podcasts, Social Media, Literaturhäuser, Preisjurys, unabhängige Verlage, Lesezirkel. Das ist demokratischer, aber auch volatiler. Umso wichtiger werden Orte, an denen Auswahl begründet wird – und an denen Bücher nicht nur «trenden», sondern eingeordnet werden.

Welche Verantwortung tragen Sie als Buchhändlerin, wenn Sie entscheiden, was sichtbar wird?

Eine grosse. Sichtbarkeit ist nie neutral. In der Buchhandlung entscheide ich mit, welche «Stimmen» Raum bekommen – gerade auch jenseits der Bestseller. Ich verstehe das als kulturelle Aufgabe: Vielfalt sichtbar zu machen, Qualität zu verteidigen, Debatten zu ermöglichen. Manchmal bedeutet das auch, ein Buch prominent zu legen, von dem ich weiss, dass es ohne Empfehlung untergehen würde.

Wir wählen mit Sorgfalt aus, wägen ab, lesen vieles vorab und lassen uns überraschen oder entdecken Neues, vielleicht Leises – und entscheiden uns auch bewusst gegen Titel, die zwar laut beworben werden, aber nicht zu uns passen. Gerade in dieser Bücherflut wollen wir Orientierungshilfe sein. Jedes Buch steht hier, weil es uns bewegt hat oder wir glauben, dass es für jemanden wichtig sein könnte. Vielleicht ist das der Unterschied zum Algorithmus – wir sortieren nicht nach Klickzahlen und Bestsellerlisten, sondern nach Gesprächen. Nicht nach Reichweite, sondern nach Relevanz.

Digitale Systeme schlagen Titel vor, die zu bisherigen Vorlieben passen. Ihre Empfehlung kann mitunter irritieren oder überraschen. Warum ist gerade das wichtig?

Weil Lesen im besten Fall nicht nur Bestätigung ist, sondern Erweiterung. Algorithmen optimieren auf Ähnlichkeit. Eine menschliche Empfehlung darf Brüche zulassen: «Probieren Sie das, obwohl Sie sonst etwas anderes lesen.» Diese Irritation ist produktiv. Sie hält die Lesebiografie offen – und sie verhindert, dass Literatur zur reinen Komfortzone wird.

Wird das Buch heute stärker als etwas wahrgenommen, das man besitzen möchte?

Ja. Gerade weil so vieles digital und flüchtig ist, bekommt das Buch als Objekt wieder Gewicht. Menschen wollen nicht nur Zugriff, sondern etwas, das bleibt. Ein Buch im Regal ist Erinnerung, Identität, manchmal auch ein stiller Ausdruck von Haltung. Und es ist unabhängig: Es verschwindet nicht, wenn ein Abo endet oder eine Plattform ihre Bedingungen ändert.

Welche Beziehung entwickeln junge Leser zum gedruckten Buch? Unterscheidet sie sich von früheren Generationen?

Viele junge Leserinnen und Leser sind weniger ideologisch: Sie nutzen digital und gedruckt selbstverständlich nebeneinander. Interessant ist aber, wie stark sie das gedruckte Buch als «besonderen» Gegenstand entdecken – als bewusste Auszeit, aber auch als ästhetisches Objekt. Oft kommen sie über soziale Räume zum Lesen: über Empfehlungen, Communitys, Austausch. Lesen ist für sie häufig weniger einsam als früher.

Was geschieht in einer guten Buchhandlung, das online nicht stattfinden kann?

Der Zufall. Online sucht man meist nach etwas Bestimmtem. In der Buchhandlung findet man auch, was man nicht gesucht hat. Dazu kommt das Gespräch: Eine Empfehlung ist nicht nur Information, sondern Beziehung. Und es gibt eine Atmosphäre, die man nicht digitalisieren kann: Bücher in einem Raum zu sehen, zu vergleichen, anzufassen – das ist mehr als Warenpräsentation; es ist ein kultureller Ort.

Gibt es Bücher, die zur rechten Zeit erscheinen und genau deshalb eine besondere Wirkung entfalten?

Ja. Manche Bücher wirken wie Antworten auf Fragen, die noch gar nicht klar formuliert waren. Sie geben Sprache – für Angst, für Wut, für Hoffnung. Als Buchhändlerin erlebt man dann, wie Literatur nicht nur abbildet, sondern Wirklichkeit mitgestaltet. Und manchmal erkennt man erst im Gespräch mit Kundinnen und Kunden, warum ein Titel plötzlich so stark resoniert.

Wenn Sie nach einem Arbeitstag auf Ihre Regale blicken: Was stimmt Sie zuversichtlich für die Zukunft des Buches?

Mich stimmt zuversichtlich, dass Menschen weiterhin nach Sinn, nach Geschichten, nach Erkenntnis suchen. Ich sehe täglich, dass Leserinnen und Leser nicht verschwinden, sondern sich verändern. Sie kommen mit Fragen, mit dem Wunsch nach Orientierung oder Trost. Und ich sehe, wie stark Bücher noch immer Gespräche auslösen können – manchmal zwischen völlig fremden Menschen, mitten im Laden. Solange dieses Bedürfnis nach Tiefe existiert, wird das Buch bleiben.

Liebe Frau Bellini, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch.

Zur Person

Sandra Bellini (Jg. 1971) ist Buchhändlerin und Inhaberin der Buchhandlung Bellini in Stäfa am Zürichsee. Für das Konzept einer unabhängigen, kuratierten Buchhandlung wurde ihr Geschäft 2022 vom Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband als «Buchhandlung des Jahres» ausgezeichnet. Bellini liest bevorzugt zeitgenössische Literatur und interessiert sich besonders für Titel abseits des Mainstreams. Seit Januar 2023 ist sie Mitglied im RC Meilen. 

Sandra Bellini, Buchhändlerin und Inhaberin der Buchhandlung Bellini in Stäfa ZH