Papier wird seit Jahren totgesagt – und ist dennoch präsenter denn je. Rot. Regula Schellenberg führt ein Schweizer Druckunternehmen und kennt die Debatte aus der Praxis. Ein Gespräch über Technikbegeisterung und Nostalgie, über Emotionen und die Frage, was Papier tatsächlich leistet.
Hand aufs Herz: Wie gehst Du persönlich mit dem ständigen Abgesang auf Euer Kerngeschäft um?
Natürlich hat die Digitalisierung auch bei uns Spuren hinterlassen. Klassische Volumenprodukte wie Zeitungen oder 0815-Werbedrucksachen sind rückläufig, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber daraus den Schluss zu ziehen, dass Druck als Ganzes an Bedeutung verloren hat, deutet die Entwicklung falsch.
Was wir erleben, ist kein Verschwinden, sondern ein stetiger Wandel. Die Nachfrage verschiebt sich deutlich in Richtung anspruchsvoller, individualisierter und veredelter Produkte. Verpackungen, personalisierte Mailings oder exklusive Drucksachen gewinnen an Relevanz – gerade weil sie sich von der digitalen Kommunikation abheben und eine haptische Erfahrung bieten, die kein Bildschirm ersetzen kann.
Für Druckereien bedeutet das vor allem eines: sich neu zu positionieren. Wer heute erfolgreich sein will, bietet mehr als reine Produktion. Beratung, Datenmanagement, Personalisierung und die Verzahnung mit digitalen Kanälen gehören zunehmend zum Leistungsportfolio. Der klassische Druckbetrieb entwickelt sich zum ganzheitlichen Kommunikationspartner.
Der «Abgesang» sagt daher oft mehr über veraltete Vorstellungen aus als über die Realität der Branche. Ja, das Geschäft hat sich verändert – teils grundlegend. Aber es ist keineswegs verschwunden. Im Gegenteil: In einer zunehmend digitalen Welt gewinnt das Analoge dort an Wert, wo es bewusst eingesetzt wird.
Die Zukunft des Drucks liegt nicht in der Masse, sondern in Relevanz, Qualität und Wirkung.
Wenn man den Markt heute nüchtern betrachtet: Welche Rolle spielt Papier tatsächlich noch, jenseits von Emotionen und nostalgischen Zuschreibungen?
Nüchtern betrachtet hat Papier heute eine fokussierte Rolle: Es ist kein Massenmedium mehr, sondern ein gezielt eingesetztes Medium.
Während Information zunehmend digital läuft, spielt Papier seine Stärken dort aus, wo es auf Aufmerksamkeit, Wertigkeit und Verbindlichkeit ankommt.
Aus Sicht einer Druckerei bedeutet das: weniger Volumen, aber mehr Qualität und Relevanz. Papier wird bewusster eingesetzt – und gewinnt gerade dadurch Wirkung in der heutigen Zeit.
Die Schellenberg Gruppe ist längst mehr als eine klassische Druckerei. Was heisst das für das Druckprodukt selbst? Hat es an Bedeutung verloren oder sich einfach verändert?
Die Transformation hat die Bedeutung des Druckprodukts nicht verändert, aber seine Funktion. Früher diente es als Träger von Information, heute ist es Teil eines Erlebnisses. Es ergänzt digitale Kanäle, anstatt sie zu ersetzen. Wir verkaufen also nicht mehr nur «Druck», sondern Wirkung im Zusammenspiel verschiedener Medien.
Ihr arbeitet mit Web-to-Print, Crossmedia-Lösungen und NFC-Technologie. Wo zeigt sich besonders klar, dass Papier im Zusammenspiel mit Digitalem seine Stärke entfaltet?
Die Stärke des Zusammenspiels mit Digitalem zeigt sich besonders deutlich bei personalisierten Mailings mit digitalen Schnittstellen. Ein hochwertig gedrucktes Produkt, das über QR-Codes, NFC oder individualisierte URLs in eine digitale Welt führt, kombiniert die Stärken beider Welten. Das Physische sorgt für Aufmerksamkeit und Vertrauen, das Digitale für Tiefe, Aktualität und Messbarkeit. Diese Kombination ist oft deutlich wirksamer als rein digitale Kampagnen.
Gedrucktes gilt vielen als glaubwürdiger und verbindlicher als digitale Inhalte. Teilst Du diese Einschätzung? Und falls ja: Woran liegt das?
Die Antwort darauf hängt von verschiedenen Faktoren ab, aber die Kombination gedruckter Medien und digitaler Interaktivität kann die Glaubwürdigkeit einer Botschaft deutlich erhöhen.
Ja, in vielen Fällen wirken gedruckte Inhalte verbindlicher, da sie «final» sind und sich nicht einfach ändern oder zurückziehen lassen. Menschen nehmen sich zudem mehr Zeit für gedruckte Inhalte, was zu einer bewussteren Aufnahme und damit zu mehr Vertrauen führt. Digitale Inhalte hingegen sind schnell und flexibel, können aber auch flüchtig sein.
Dinge mit emotionaler oder haptischer Bedeutung, wie ein gutes Buch, ein handgeschriebener Brief oder ein sorgfältig gestaltetes Magazin, bieten eine echte, greifbare Verbindung, die kein Bildschirm ersetzen kann. Diese Wertschätzung für Papier ist kein nostalgischer Rückblick, sondern eine Anerkennung seiner einzigartigen Eigenschaften.
Papier steht immer auch im Kontext von Ressourcenverbrauch und Nachhaltigkeit. Wie gehst Du als Unternehmerin mit diesem Spannungsfeld um?
Das Spannungsfeld zwischen Papier und Digital ist real. Papier bedeutet Ressourcenverbrauch, aber auch digitale Inhalte sind keineswegs immateriell, wenn man an Energieverbrauch und Infrastruktur denkt. Unser Ansatz ist maximale Transparenz, die Verwendung zertifizierter und nachhaltigen Materialien, effiziente Prozesse und die Beratung unserer Kunden hin zu sinnvollen, nicht überflüssigen Produktionen. Nachhaltigkeit bedeutet für uns nicht Verzicht, sondern bewussten Einsatz.
Du führst ein Familienunternehmen in dritter Generation und begleitest andere Betriebe in Übergangsphasen. Was entscheidet darüber, ob Tradition zur Stärke wird – oder zur Belastung?
Tradition wird zur Stärke, wenn sie Orientierung bietet, aber nicht als Ausrede für Stillstand dient. Wer sagt «Das haben wir immer so gemacht», verliert. Wer sagt «Wir wissen, wo wir herkommen – und deshalb trauen wir uns, uns zu verändern», gewinnt. Es ist eine Frage der Haltung, nicht des Alters eines Unternehmens.
Die Schellenberg Gruppe beschäftigt mehr als 280 Mitarbeiter an unterschiedlichen Standorten. Was braucht gute Führung heute besonders, wenn sich Märkte und Technologien derart rasant verändern?
Als Familienunternehmen in dritter Generation haben wir den Wandel der Märkte und den Aufstieg und Fall von Technologien erlebt. Papier wurde schon oft für tot erklärt, doch es ist immer noch da. Für uns ist das kein Grund zur Sorge, sondern ein Ansporn, uns immer wieder neu zu erfinden.
Das Druckprodukt hat sich verändert – und mit ihm unser Selbstverständnis. Früher ging es darum, Informationen zu vervielfältigen. Heute geht es darum, Wirkung zu erzeugen. Wir denken nicht mehr in Auflagen, sondern in Erlebnissen. Ein gutes Printprodukt ist kein Endpunkt mehr, sondern oft der Anfang einer Geschichte.
Zum Abschluss ganz persönlich: Gibt es etwas aus Papier, auf das Du auch in Zukunft nicht verzichten möchtest – unabhängig davon, wie digital unsere Welt noch wird?
In einer zunehmend digitalen und beschleunigten Welt gewinnen für mich die stillen, greifbaren Dinge an Bedeutung. Jene Momente, die nicht im Vorbeigehen konsumiert, sondern bewusst wahrgenommen werden – mit Zeit, mit Sinn, mit Gefühl.
Ich bin Unternehmerin mit grosser Leidenschaft für Print- und Werbetechnik und zugleich tief in einem Familienbetrieb verwurzelt, in dem Werte nicht nur gesprochen, sondern gelebt werden.
Mein Grossvater hat mir früh vorgelebt, welche Kraft in einem handgeschriebenen Wort liegen kann: unspektakulär im Moment des Entstehens, aber dauerhaft in seiner Wirkung. Genau diese Form von Beständigkeit und Nähe finde ich auch in aufwändig gestalteten Printprodukten wieder.
Ein Notizbuch als Raum für Gedanken. Eine Karte als bewusste Geste. Ein Druckprodukt als Ausdruck echter Wertschätzung – jenseits der schnellen, flüchtigen Kommunikation.
Digital ist effizient. Papier ist emotional. Und diese emotionale Tiefe bleibt für mich unverzichtbar – im Unternehmen wie im Leben.
Zur Person
Regula Schellenberg (Jg. 1988), Mitglied im RC Illnau-Effretikon, ist Geschäftsführerin der Schellenberg Druck AG sowie der Hess Druck AG im Thurgau. Seit 2005 arbeitet sie im Familienunternehmen und war dort unter anderem in Produktion, Marketing und Unternehmensführung tätig. Neben Weiterbildungen in Betriebswirtschaft und Marketing absolvierte sie mehrere Ausbildungen im Bereich systemisches Coaching und Leadership.