Selbstversuch im Gesundheitsresort: Kann «Medical Wellness» den Stress wirklich zähmen? Zwischen Diagnostik, Fastenkost und Bergen von Büchern suche ich nach Antworten – und finde so etwas wie Sinn.
Von St. Gallen nach Oberstaufen sind es knapp anderthalb Stunden mit dem Auto. Kein Fernflug, kein Grenzgang ins Exotische – und doch fühlt es sich an, als läge der Alltag weit hinter mir. Zwischen Stau am Rheintal und Kuhweiden im Allgäu bleibt das Gewusel zurück: die To-do-Listen, die Zoom-Meetings, das Anziehen und Wickeln meiner anderthalbjährigen Tochter. Ich bin unterwegs zu einem Ort, der verspricht, Stress nicht nur zu lindern, sondern ihn in eine Form von Sinn zu verwandeln.
«Stress Control» heisst das Programm, für das ich mich entschieden habe. Klingt nach Unternehmensberatung für den eigenen Körper, nach Management-Tool für die Seele. Passt aber erstaunlich gut: berufstätige Mutter, chronisch übermüdet, skeptisch gegenüber allem, was sich mit «Wellness» schmückt. Denn wenn ich ehrlich bin: Bei «Wellness» denke ich an Räucherstäbchen, schummriges Licht und esoterische Versprechen. An Klangschalen, deren Ton mehr an Küche denn an Kontemplation erinnert. Jedenfalls nicht an harte Fakten. Das Wort «Medical» im Versprechen der Rosenalp ist es daher auch, das mich überzeugt hat: Hier, so hoffe ich, gibt es mehr als warme Steine und Seelenbalsam. Hier, bei «Medical Wellness», geht es auch um Blutwerte, um Check-ups und physiologische Daten.
Das Gesundheitsresort empfängt mich auf einer Anhöhe über dem Ort, mit Blick auf die Nagelfluhkette. Rosenranken im Balkongitter, der Duft von Zitrus und Rose in der Luft. Drinnen: roter Samt, Holz, ein Hauch von Exklusivität, ohne steif zu wirken. Adults only, und schon das ist eine Wohltat – eine Pause von der Dauerpräsenz patschiger Kinderhände und dem nicht endenwollenden Gebrabbel. Ich checke ein, bekomme einen Bademantel und den Hinweis, dass der erste Termin im Medical Center in Kürze ansteht. Wellness beginnt hier nicht im Spa, sondern mit einer Anamnese. Ich mag das.
Der Arzt befragt mich, hört zu, misst, prüft. Stressparameter im Blut, Herzfrequenz, Schlafgewohnheiten. «Wir möchten verstehen, wo die persönlichen Risikofaktoren liegen», erklärt Dr. Benedikt Fink. «So können wir nicht nur Symptome lindern, sondern auch passgenaue Konzepte erarbeiten.» Ich bin nicht Patientin im engeren Sinn, sondern Gast in einem Haus, das gleichzeitig Hotel und Sanatorium ist. Thomas Mann lässt grüssen. Es ist kein Zufall, dass ich «Der Zauberberg» im Gepäck habe, diesen Roman, den er 1924 über das Davoser Sanatorium schrieb. Die Rosenalp ist kein Berghof, keine Tuberkulose-Station, sondern ein Gesundheitsresort. Aber wie Hans Castorp in Davos bin auch ich eine Suchende. Er suchte nach Leben im Schatten des Todes, ich suche nach Sinn im Überfluss des Alltags.
Ein Ort, der Zeit schenkt
Und siehe da: Die Parallelen drängen sich auf. Dort die «Kuren» mit Liegestuhl und Fieberthermometer, hier die Schrothkur mit feuchtkalten Packungen. Dort endlose Debatten über Zeit, Krankheit und Liebe, hier Gespräche über Schlafqualität und Ernährungsumstellung. Damals drei Wochen, mindestens, heute sieben Tage, straff organisiert. Sinnsuche war schon immer auch eine Frage der Inszenierung.
Thomas Manns Berghof war vor allem ein Labor der Zeit. Tage dehnten sich, Wochen wurden zu Monaten, ein Aufenthalt sollte eigentlich nur drei Wochen dauern und wurde zu sieben Jahren. Hans Castorp verlernte die Unterscheidung von Alltäglichem und Ausserordentlichem, Zeit wurde zäh, fast sirupartig. Auch hier, in Oberstaufen, verschiebt sich das Zeitempfinden. Der Takt meines Alltags – Kind in die Kita, Meetings, Deadlines – löst sich auf. Stattdessen entsteht ein neuer Rhythmus: Infusionen um zehn, Atemübungen um zwölf, Kräutersuppe um eins. Zeit verliert ihre Schärfe, sie wird weich. Und genau in diesem Aufweichen spüre ich: Vielleicht ist Sinn weniger etwas, das man findet, als etwas, das im Zeitgewinn entsteht.
Epikur, lese ich am zweiten Tag am Pool, hätte sich hier wohl gefreut. Für ihn war Glück nicht Übermass, sondern klug gewählte Lust. Seine berühmte «tetrapharmakos», die vierfache Arznei gegen das Unglücklichsein, klingt erstaunlich modern: Fürchte dich nicht vor den Göttern, fürchte dich nicht vor dem Tod, das Gute ist leicht zu beschaffen, das Schlimme ist leicht zu ertragen. Eine Formel, die sich auch ins Programmheft der Rosenalp schreiben liesse. Selleriesuppe, Spaziergang, Ruhe – manchmal braucht es nicht mehr.
Seneca, der Stoiker, würde wohl ergänzen: «Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.» Der Satz trifft mich, während ich im Fitnessraum aufs Laufband steige, das Fenster geöffnet zum Allgäuer Himmel. Ich denke an die Minuten, die ich im Alltag mit Scrollen verliere. Hier in der Rosenalp fühlt sich jede Stunde an wie zurückgewonnene Lebenszeit.
Nietzsche war ein anderer Gast der Alpen. Er suchte in Sils Maria, in Oberengadin, die Klarheit des Denkens. Hier entwarf er die Idee der «ewigen Wiederkunft»: Lebe so, dass du bereit wärst, dein Leben noch einmal zu leben, in allen Einzelheiten. Ein schwindelerregender Gedanke. Während ich später im warmen Pool schwebe, frage ich mich: Würde ich die gleichen Entscheidungen noch einmal treffen? Würde ich noch einmal in dieselben Routinen stolpern? Vielleicht ist das die eigentliche Kraft von Medical Wellness – nicht der Serum-Cocktail im Med Spa, sondern die Einladung, das eigene Leben im Spiegel zu betrachten.
Am vierten Tag knurrt mein Magen. Basenfasten, so hat man mir erklärt, ist nicht Hunger, sondern Umstellung. Doch in diesem Moment klingt Frankls Gedanke in mir nach: Leiden bekommt erst Sinn, wenn es eine Richtung hat. Viktor Frankl, Überlebender der Konzentrationslager, wusste, wovon er sprach. Er sah, dass Menschen selbst im grössten Elend überleben konnten, wenn sie ein «Warum» hatten. Natürlich, mein Fasten ist Luxus, weit entfernt von existenzieller Not. Aber gerade dieser Kontrast macht bewusst: Sinn ist eine Kategorie, die wir auch in kleinen Einschränkungen suchen – im bewussten Verzicht, in der freiwilligen Askese. Und doch gibt es Momente, in denen sogar die Askese ganz heitere Formen annimmt – nämlich dann, wenn einem am Mittagstisch Gabriele gegenübersitzt. Mit ihrem grossen Herzen, dem verschmitzten Blick und ihrem feinen Sinn für Humor schafft es die 74-jährige Münchnerin, dass selbst das Rote-Bete-Hirse-Tatar zum kleinen Festmahl avanciert.
«Die Schrothkur erleben wir als ungemein wirkungsvoll – sie ist bei vielen Krankheitsbildern als Heilverfahren anerkannt», sagt Dr. Aliia Fink, als wir über die Tradition dieser altbewährten Methode sprechen. Ihre Stimme klingt dabei weder esoterisch noch marktschreierisch, sondern schlicht überzeugt von der Wirksamkeit des Einfachen: feuchtkalte Tücher, Ruhe, Tee. Oft genügt genau das, um Körper und Geist neu zu justieren.
Philosophie im Bademantel
Und dann ist da noch Byung-Chul Han, der Berliner Philosoph, der von der «Müdigkeitsgesellschaft» spricht. Unsere Zeit, so seine Diagnose, ist nicht mehr von Verboten geprägt, sondern von einem Zuviel: zuviel Arbeit, zuviel Optionen, zuviel Selbstoptimierung. Menschen brennen nicht mehr aus, sie brennen aus sich selbst heraus. Medical Wellness wirkt da fast wie die säkulare Form eines Klosters: Rückzug, Stille, Struktur. Früher schotteten sich die Menschen hinter dicken Klostermauern von der Welt ab, um Gott zu finden. Heute gehen wir ins Spa, um uns selbst zu finden.
Abends ein Treatment: HydraFacial™ und JetPeel™. Worte, die eher nach Labor klingen als nach Spa. Ich liege da, höre das Surren der Geräte und denke an Michel Foucault. Er sprach von «Technologien des Selbst» – von Praktiken also, mit denen Menschen Körper und Geist formen, um Identität zu konstruieren. Ist das hier nicht genau das? Selfcare, aber auf wissenschaftlicher Basis, mit Wirkstoffen und Geräten, mit dem Versprechen, jünger auszusehen und sich klarer zu fühlen. Ich verlasse das Med Spa mit straffer Haut und der Frage, ob auch mein Denken ein wenig gestrafft wurde.
Die Tage in Oberstaufen fliessen dahin. Zwischen Arztgespräch und Massage, zwischen leichter Brühe und einem Spaziergang über die Hügel, beginne ich zu verstehen: Sinn ist weniger ein Ziel als eine Begleitmusik. Er entsteht, wenn Körper und Geist sich aufeinander einstimmen. Nicht nur während meiner Auszeit, sondern auch später, im Alltag von St. Gallen, wenn die To-do-Listen wieder länger werden.
Als ich abreise, fühle ich mich nicht erleuchtet, nicht verwandelt, aber leichter. Vielleicht ist das schon genug. Vielleicht lässt er sich nicht festhalten, der Sinn. Aber hier oben, zwischen Bergen und Bikini, kam ich ihm so nahe wie schon lange nicht mehr.