Ein knappes halbes Jahr nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana ziehen die drei amtierenden Governors eine Zwischenbilanz. Die Spendenbereitschaft hat nachgelassen, die Fragen innerhalb von Rotary nehmen zu.
In Crans-Montana wurde aus einer Januarnacht binnen weniger Minuten eine Katastrophe. In der Bar Le Constellation im Zentrum des Walliser Wintersportortes brach in den frühen Morgenstunden des 1. Januar ein Feuer aus, das 41 Menschen das Leben kostete und 115 weitere verletzte, viele von ihnen schwer. Unter den Opfern waren vor allem Jugendliche und junge Erwachsene
Nach ersten Erkenntnissen hatten an Champagnerflaschen angebrachte Sprühfontänen eine brennbare Deckenverkleidung entzündet. Innerhalb kurzer Zeit griff das Feuer auf die gesamte Decke über; durch einen Flashover entwickelte sich der Brand schlagartig zu einem Vollbrand. Die behördlichen Untersuchungen zu Brandursache, Brandschutzvorgaben und Verantwortlichkeiten laufen.
Rotary reagierte in den ersten Tagen rasch. Vor Ort wurde praktische Hilfe koordiniert, Angehörige wurden begleitet, Unterkünfte organisiert, Kontakte gebündelt. Parallel dazu lancierte die Rotary Stiftung Schweiz eine Spendenaktion. Mehr als 180000 Franken kamen bisher zusammen. Inzwischen aber hat sich die Lage verändert: Die öffentliche Aufmerksamkeit ist abgeklungen, Spenden gehen kaum noch ein – und innerhalb von Rotary werden kritische Fragen lauter. Ist Hilfe so viele Monate nach der Katastrophe überhaupt noch nötig? Wer erhält Unterstützung? Wie wird geprüft? Und wie lässt sich sicherstellen, dass Spendengelder richtig eingesetzt werden?
Die drei amtierenden Governors Jouni Heinonen, John Manning und Andrea Weber nehmen Stellung. Das Gespräch zeigt: Die rotarische Hilfe ist längst keine Soforthilfe mehr. Sie ist Einzelfallarbeit – diskret, dokumentiert und dort wirksam, wo andere Systeme nicht, nicht vollständig oder nicht rechtzeitig greifen.
Ganz konkret: Wo steht die rotarische Hilfe heute?
Jouni Heinonen: Wir stehen in einer anderen Phase als nach dem Unglück. Am Anfang ging es um Orientierung, Unterkünfte, Kontakte und Koordination. Heute geht es weniger um sichtbare Soforthilfe als um konkrete Einzelfälle. Die Folgen der Katastrophe sind für viele Menschen nicht vorbei. Verletzte werden weiterhin behandelt, Angehörige müssen ihren Alltag mit der Begleitung ihrer Familienmitglieder vereinbaren, finanzielle Lücken bleiben. Diese zweite Phase ist ruhiger, aber oft entscheidend.
In den ersten Wochen war die Solidarität gross, inzwischen gehen kaum noch Spenden ein. Überrascht Euch das?
Andrea Weber: Wirklich überraschend ist es nicht. Nach einer Katastrophe ist die Betroffenheit zunächst gross. Die Bilder sind präsent, alle spüren das Ausmass. Mit der Zeit verschieben sich die Nachrichten, der Alltag kehrt zurück, andere Themen treten in den Vordergrund. Das ist menschlich.
Für die Betroffenen verläuft die Zeit allerdings anders. Eine schwere Verletzung heilt nicht im Rhythmus der Medien. Ein Erwerbsausfall endet nicht automatisch nach einigen Wochen. Psychische Belastungen zeigen sich manchmal erst später. Auch administrative Fragen dauern oft lange: Versicherungen, Sozialdienste, Opferhilfe, Krankenkassen, Arbeitsverhältnisse. Wir möchten deshalb nicht mit Druck argumentieren, sondern mit Klarheit. Die erste Hilfsbereitschaft war beeindruckend; jetzt braucht es langen Atem.
Viele Rotarier fragen kritisch, ob nach so langer Zeit überhaupt noch Hilfe nötig ist. Was antwortet Ihr ihnen?
John Manning: Ich finde diese Frage legitim. Gerade weil es um Spenden geht, müssen kritische Fragen erlaubt sein. Vertrauen entsteht, indem man die Fragen ernst nimmt und ausführlich beantwortet.
Unsere Antwort ist: Ja, Hilfe ist weiterhin nötig – aber nicht nach dem Giesskannenprinzip. Rotary ersetzt keine staatlichen Stellen, keine Versicherungen und keine bestehenden Hilfssysteme. Aber es gibt Situationen, in denen Menschen durch die Maschen fallen. Manchmal greifen Leistungen erst spät. Manchmal decken sie nur einen Teil ab. Manchmal entstehen Kosten, die kein Formular sauber vorsieht. Genau dort kann Rotary ergänzend helfen.
Wofür werden die Spendengelder konkret eingesetzt?
AW: Die Mittel werden dort eingesetzt, wo nachweisbare Belastungen entstanden sind und andere Systeme nicht rechtzeitig oder nicht vollständig greifen. Das kann sehr unterschiedlich aussehen: Kinderbetreuung, medizinische Produkte nach schweren Verbrennungen, Therapien, psychologische Unterstützung, Reisekosten oder Erwerbsausfall.
Es gab auch Fälle, in denen Angehörige aus dem Ausland anreisen mussten, um nach dem Tod eines Familienmitglieds Formalitäten zu erledigen, eine Wohnung aufzulösen oder persönliche Angelegenheiten zu regeln. Wenn Menschen dafür über Wochen in der Schweiz bleiben müssen und kaum Mittel haben, kann die direkte Übernahme einzelner Kosten – etwa einer Miete oder einer Reise – enorm entlasten.
Wie wird sichergestellt, dass die Mittel wirklich dort ankommen, wo sie gebraucht werden?
JH: Durch Prüfung, Dokumentation und klare Zuständigkeiten. Die Spendengelder fliessen nicht ungeprüft; jede Unterstützung wird einzeln angeschaut. Wir verlangen Unterlagen, wo sie nötig sind: Lohnabrechnungen, Nachweise über effektive Verluste, Quittungen, Mietverträge, Einzahlungsscheine oder andere Belege.
Wo möglich, wird mit Sozialdiensten, medizinischen Einrichtungen, lokalen Behörden oder Beratungsstellen zusammengearbeitet. In mehreren Fällen wurden Zahlungen nicht an Privatpersonen, sondern direkt an Institutionen, Verwaltungen oder Dienstleister geleistet. Das klingt administrativ, schützt aber die Betroffenen, die Spender und die Glaubwürdigkeit von Rotary.
Wer entscheidet über die Unterstützung?
JM: Die Entscheidungen werden nicht von einer Einzelperson getroffen. Über die Verwendung der Mittel entscheidet ein Ausschuss aus den drei amtierenden Governors, dem Präsidenten der Rotary Stiftung Schweiz und dem Präsidenten des RC Crans-Montana. Die Mittelverwendung erfolgt nach den Regeln der Stiftung.
Die Rotary Stiftung Schweiz ist kein improvisierter Spendentopf, sondern eine Stiftung mit klaren Strukturen. Für Crans-Montana wurde ein separates Konto eingerichtet. Alle Spendengelder mit diesem Vermerk werden zu 100 Prozent für Massnahmen im Zusammenhang mit Crans-Montana verwendet.
Wir wissen, dass es Skepsis gibt. Deshalb sagen wir ausdrücklich: Es wird nicht einfach Geld verteilt, sondern geprüft, beraten, dokumentiert und entschieden. Seit Anfang Januar treffen wir uns daher jeden Sonntag um 17 Uhr mit PDG Hanspeter Pfister und Yves Duc, dem Präsidenten des RC Crans-Montana, um gemeinsam die Fälle zu besprechen.
Könnt Ihr Beispiele nennen, ohne die Betroffenen identifizierbar zu machen?
AW: Ja, denn gerade diese Beispiele zeigen, worum es geht. In einem Fall wurden Betreuungskosten für ein Kind übernommen, weil die familiäre Situation nach der Katastrophe eine zeitweise Fremdbetreuung notwendig machte. Die Zahlung erfolgte aufgrund von Rechnungen direkt an die Institution. In einem anderen Fall ging es um Medikamente und therapeutische Hilfsmittel für einen schwer verletzten jungen Menschen. Auch dort wurde aufgrund konkreter Belege entschieden.
JM: Ein weiteres Beispiel betrifft Angehörige, die wegen der Hospitalisation eines verletzten Familienmitglieds über längere Zeit reisen oder ihre Arbeit unterbrechen mussten. Da entstehen rasch Kosten: Fahrten, Aufenthalte, Erwerbsausfall. In einem Fall wurde deshalb eine Unterstützung für Reisekosten gesprochen, in einem anderen wird der Erwerbsausfall noch genauer berechnet, bevor über weitere Hilfe entschieden wird.
JH: Auch Einsatzkräfte können Unterstützung benötigen. In einem Fall ging es etwa um psychologische Betreuung eines Feuerwehrmanns, deren Kosten von Versicherung oder Krankenkasse nicht übernommen wurden. Wir können keine Einzelschicksale ausbreiten, aber erklären, welche Art von Hilfe geleistet wird: Kinderbetreuung, Medikamente, Therapien, Reisekosten, Erwerbsausfall, Miete, psychologische Unterstützung.
Welche Rolle spielen Behörden, Sozialdienste, Versicherungen oder Opferhilfestellen?
JH: Eine zentrale Rolle. Rotary arbeitet ergänzend zu diesen Strukturen. Wenn eine staatliche Stelle zuständig ist, soll sie zuständig bleiben. Wenn eine Versicherung leisten muss, soll sie leisten.
Zwischen Anspruch und Leistung können jedoch Wochen oder Monate liegen. Zudem decken die bestehenden Systeme nicht immer alles ab. Manchmal entstehen Belastungen, die in der Summe schwer wiegen: Reisen, Aufenthalte, Einkommensausfälle, Betreuung, administrative Unterstützung. Unsere Aufgabe ist es, dort hinzuschauen, wo eine konkrete Lücke besteht.
Warum ist es so schwierig, die Hilfe sichtbar zu machen?
AW: Weil wir es mit hochsensiblen persönlichen Situationen zu tun haben. Die Betroffenen haben Anspruch auf Schutz. Einerseits möchten wir transparent sein, gerade gegenüber Spendern und Clubs. Andererseits dürfen wir keine Details veröffentlichen, die Rückschlüsse auf einzelne Personen ermöglichen. Transparenz heisst hier nicht, alles offenzulegen. Transparenz heisst, nachvollziehbar zu erklären, wie entschieden wird.
Was sagt Ihr Rotariern, die befürchten, dass Spendengelder versickern oder falsch eingesetzt werden könnten?
JM: Genau diese Sorge nehmen wir ernst. Deshalb ist der Prozess so aufgebaut, wie er ist: mit klaren Zuständigkeiten, einer Stiftung, einem Ausschuss, Belegen, Abklärungen und der Zusammenarbeit mit Fachstellen. Katastrophenhilfe ist dynamisch, Zuständigkeiten klären sich manchmal erst nach und nach. Aber die Richtung ist klar: Hilfe wird nicht aus Emotion allein geleistet, sondern auf Basis konkreter Abklärungen. Wir achten darauf, dass jede Unterstützung nachhaltig wirkt und dort ansetzt, wo sie tatsächlich etwas verändert: bei einer konkreten Notlage, einer nachgewiesenen Lücke, einer Hilfeleistung, die den Betroffenen nicht nur kurzfristig entlastet, sondern weiterhilft. Rotary hat den Anspruch, menschlich zu handeln, Wirkung zu erzielen und zugleich verantwortungsvoll mit Mitteln umzugehen. Diese drei Dinge gehören zusammen.
Was wünscht Ihr Euch jetzt von den Clubs und Rotariern?
JH: Wir sind dankbar für das, was bereits geschehen ist. Die Hilfsbereitschaft in den ersten Wochen war eindrücklich. Viele Clubs und Rotarier haben rasch reagiert, haben Wohnungen angeboten, Kontakte hergestellt, unterstützt. Das ist nicht selbstverständlich.
Gleichzeitig wünschen wir uns, dass Crans-Montana nicht vorschnell als abgeschlossen betrachtet wird. Für manche Betroffene beginnt erst jetzt eine Phase, in der die langfristigen Folgen sichtbar werden. Darum bitten wir die Clubs, das Thema noch einmal aufzunehmen. Etwa mit einem Hinweis im Clubbulletin, einer kurzen Information an einem Meeting oder einer weiteren Spende. Jede Unterstützung hilft, wenn sie gezielt eingesetzt werden kann.
Was bleibt nach diesen ersten Monaten als wichtigste Erkenntnis?
AW: Für mich zeigt Crans-Montana, dass Hilfe in Etappen geschieht. Am Anfang will man schnell und praktisch helfen, später braucht es Geduld, Struktur und Verlässlichkeit. Diese zweite Phase ist weniger sichtbar, aber nicht weniger wichtig. Rotary kann hier viel leisten – weil wir lokal verankert und zugleich schweizweit vernetzt sind.
JM: Die Katastrophe erinnert uns daran, dass Hilfe nicht nur aus Geld besteht. Ebenso wichtig sind Koordination, Vertrauen, fachliche Kontakte, Sprachkenntnisse und Begleitung.
JH: Und sie zeigt, dass Solidarität nicht mit der ersten Welle enden darf. Die Schlagzeilen verschwinden; die Folgen bleiben. Wenn Rotary hier mit Augenmass und Ausdauer hilft, entspricht das unserem Selbstverständnis.
Die Spendenaktion läuft demnach weiter?
JM: Ja, unbedingt. Die Spendenaktion läuft weiter. Die Mittel werden ausschliesslich für Massnahmen im Zusammenhang mit Crans-Montana eingesetzt. Spenden ab 200 Franken sind steuerlich abzugsfähig. Wichtig ist der Vermerk «Crans-Montana», damit die Mittel richtig zugeordnet werden.
AW: Wir bitten nicht um Hilfe ins Blaue hinein. Wir bitten um Unterstützung für konkrete, geprüfte Notlagen.
JH: Wer spendet, hilft Menschen, die auch Monate später noch mit den Folgen dieser Nacht leben müssen.
Liebe Governors, wir danken Euch herzlich für dieses Gespräch.
Hilfe für Crans-Montana – konkret
Die rotarische Unterstützung erfolgt fallbezogen: Jede Anfrage wird geprüft, dokumentiert und nach den Regeln der Rotary Stiftung Schweiz beurteilt. Gemäss aktueller Übersicht wurden bisher rund 30000 Franken zugesprochen oder zur Auszahlung vorbereitet.
Unterstützt wurden unter anderem Betreuungskosten für ein Kind, medizinische Folgekosten nach schweren Verbrennungen, psychologische Begleitung, Reise- und Unterkunftskosten, Mietkosten sowie Erwerbsausfälle von Betroffenen oder Angehörigen.
Die Beträge reichen von kleinen Hilfen bis zu mehreren tausend Franken. Entscheidend ist immer derselbe Grundsatz: Rotary hilft dort, wo eine konkrete Notlage nachgewiesen ist und bestehende Systeme nicht, nicht vollständig oder nicht rechtzeitig greifen.