22 bestätigte Fälle des wilden Poliovirus, 124 Fälle durch Variantenviren: Weshalb braucht es zur Ausrottung trotzdem Hunderte Millionen Impfungen, Abwasserproben, Grenzposten und Milliarden? Weil die sichtbaren Erkrankungen nur einen Bruchteil der Infektionen zeigen. Und weil PolioPlus weit mehr ist als zwei Tropfen.
22. Diese Zahl wirkt beruhigend klein. So viele Fälle des wilden Poliovirus waren 2026 bis zum 17. August weltweit bestätigt: 19 in Afghanistan, drei in Pakistan. Hinzu kamen 124 Erkrankungen durch Variantenviren. Verglichen mit den mehr als 350000 Fällen im Jahr 1985 ist das ein historischer Erfolg. Die Zahl der Wildvirusfälle ist um mehr als 99,9 Prozent gesunken. Doch für die Ausrottung zählt ein anderer Massstab: Solange das Virus irgendwo zirkuliert, kann es sich erneut ausbreiten.
Die sichtbaren Fälle bilden das Infektionsgeschehen zudem nur unvollständig ab. Etwa eine von 200 Infektionen führt zu einer bleibenden Lähmung. Ein gemeldeter Lähmungsfall kann deshalb für eine weit grössere, unbemerkte Infektionskette stehen. Die letzten 0,1 Prozent sind die schwierigsten: Jeder Fall muss gefunden, jede Übertragungskette unterbrochen und jede gefährdete Gemeinschaft erreicht werden.
Polioviren werden hauptsächlich fäkal-oral übertragen, oft über verunreinigtes Wasser oder Lebensmittel, und vermehren sich im Darm. Viele Infizierte zeigen keine oder lediglich unspezifische Symptome, scheiden das Virus aber noch mehrere Wochen mit dem Stuhl aus und können es so unbemerkt weitergeben. Eine heilende Behandlung gibt es nicht; Schutz bietet die Impfung.
Darum beginnt die Suche lange vor einem Lähmungsfall. Gesundheitsdienste erfassen akute schlaffe Lähmungen, untersuchen Stuhlproben und lassen verdächtige Viren in spezialisierten Laboren genetisch bestimmen. Ergänzend zeigt die Abwasserüberwachung, ob Polioviren in einer Bevölkerung zirkulieren. Im Herbst 2025 wurde bei Routineproben in Hamburg Wildpoliovirus Typ 1 entdeckt. Die Genanalyse verband es mit einem Virus, das im August desselben Jahres in Kandahar nachgewiesen worden war. In Deutschland trat kein Lähmungsfall auf. Der Fund machte dennoch sichtbar, wie weit ein Virus reisen kann, bevor eine Erkrankung auffällt.
Zwei Impfstoffe, zwei Aufgaben
Für den Schutz stehen zwei Impfstoffarten zur Verfügung. Der injizierte IPV enthält abgetötete Viren. Er erzeugt Antikörper im Blut und schützt zuverlässig vor Lähmung, muss aber von geschultem Personal verabreicht werden. Der orale Impfstoff OPV enthält abgeschwächte, vermehrungsfähige Viren. Zwei Tropfen genügen; das erleichtert grosse Kampagnen und stärkt die Immunität im Darm, wo die Übertragung beginnt.
Diese Stärke verlangt eine hohe Impfquote. In Gemeinschaften mit vielen ungeimpften Kindern kann das abgeschwächte Impfvirus über 12 bis 18 Monate weitergegeben werden und sich dabei genetisch verändern. Im seltenen Fall entsteht ein zirkulierendes Variantenvirus, das wiederum Lähmungen verursachen kann. Die wirksamste Gegenmassnahme bleibt eine rasche, flächendeckende Impfung. Für Ausbrüche des Typs 2 wird seit 2021 zunehmend nOPV2 eingesetzt. Mehr als zwei Milliarden Dosen wurden bereits verabreicht. Nach Angaben der Global Polio Eradication Initiative ist das Risiko neuer Typ-2-Varianten-Ausbrüche bei vergleichbarem Einsatz rund 80 Prozent niedriger als mit dem früher verwendeten mOPV2.
Der Fortschritt ist messbar: Das wilde Poliovirus Typ 2 wurde 2015 für ausgerottet erklärt, Typ 3 folgte 2019. In freier Zirkulation verbleibt nur Typ 1, endemisch ausschliesslich in Afghanistan und Pakistan. Gleichzeitig zeigen Varianten-Ausbrüche in anderen Ländern, weshalb eine hohe Immunisierung und eine engmaschige Überwachung auch ausserhalb der beiden Endemieländer nötig bleiben.
Die letzten Meter führen durch den Alltag
Afghanistan und Pakistan bilden epidemiologisch einen zusammenhängenden Raum. Familien, Händler und Saisonarbeiter überqueren eine durchlässige Grenze; Unsicherheit, Konflikte und schwer zugängliche Gebiete erschweren die Arbeit der Impfteams. An Hunderten Transitpunkten werden Kinder in Bussen, Zügen und an Strassenübergängen geimpft. Rotary Pakistan stellte dafür 48 umgebaute Frachtcontainer bereit. Sie bieten Platz für Impfstoffkühlung, Material und Schutz vor Hitze oder Regen.
Wie eng medizinischer Schutz und Lebensbedingungen zusammenhängen, zeigte sich im Karatschi-Bezirk Gadap Town. Dort lebten 2013 rund 400000 Menschen mit einer einzigen einfachen Klinik, ohne verlässliche Sanitärversorgung und ohne Wasseraufbereitung. Zu den Impfkampagnen kamen Untersuchungen auf Mangelernährung, therapeutische Nahrung, Routineimpfungen, Hygieneaufklärung und sauberes Wasser. Das pakistanische PolioPlus-Komitee hat seit 2013 rund 60 Filteranlagen ermöglicht. In Khadim Solangi Goth, wo Impfungen zuvor breit abgelehnt worden waren, wuchs mit diesen sichtbaren Leistungen auch das Vertrauen in die Gesundheitsangebote.
Digitale Register und Karten helfen heute, übersehene Kinder zu identifizieren. Auf diese Weise konnten zwei Millionen sogenannte Zero-Dose-Kinder erreicht werden, die zuvor noch keine Routineimpfung erhalten hatten. Ende 2025 verband Pakistan eine Masern-Röteln-Kampagne mit Polioimpfungen: 34 Millionen Kinder erhielten Schutz gegen Masern und Röteln; 19 Millionen von ihnen bekamen in 88 Hochrisikodistrikten zusätzlich Poliotropfen. Bei Monsunüberschwemmungen gehören Polio-Teams häufig zu den ersten Gesundheitskräften vor Ort. Seit 1998 wurde über nationale Impftage zudem Vitamin A verteilt; dadurch konnten schätzungsweise 1,5 Millionen Todesfälle bei Kindern verhindert werden.
Eine Dosis des oralen Impfstoffs kostet im Durchschnitt rund 15 US-Cent. Bis sie ein Kind erreicht, kommen Transport, Kühlung, Markierung und Dokumentation hinzu. Für eine einzelne Impfung wurden zuletzt etwa 73 Cent in Afghanistan und 52 Cent in Pakistan veranschlagt. Weil mehrere Dosen nötig sind, wächst daraus eine enorme Logistik: 2025 wurden weltweit mehr als 350 Millionen Kinder mehrfach geimpft. In 117 ergänzenden Impfaktionen in 28 Ländern kamen 924 Millionen Dosen zum Einsatz.
Rotary finanziert Impfstoffe und ihre Verteilung, unterstützt Freiwillige bei Hausbesuchen und sozialer Mobilisierung und trägt zu Überwachung, Laborarbeit, Forschung, technischem Fachwissen und Ausbruchsreaktionen bei. Zuschüsse an WHO und UNICEF werden einzeln ausgewiesen und abgerechnet. Seit dem Start von PolioPlus stellte Rotary mehr als 2,9 Milliarden US-Dollar bereit; mehr als drei Milliarden Kinder in 122 Ländern wurden geimpft. Bis Ende 2029 dürften die Rotary-bezogenen Beiträge einschliesslich der Verdoppelung durch die Gates Foundation auf mehr als 3,6 Milliarden US-Dollar steigen. Rotarische Interessenvertretung mobilisierte bei Regierungen zusätzlich über elf Milliarden US-Dollar.
Die Global Polio Eradication Initiative hat ihre Ziele angepasst: Die weltweite Zertifizierung der Ausrottung des wilden Poliovirus Typ 1 ist nun bis Ende 2027 vorgesehen, die Beendigung der zirkulierenden Typ-2-Varianten bis Ende 2029. Der längere Zeithorizont ist kein Grund, den Einsatz zu verringern. Würde die Ausrottung abgebrochen, könnten Modellrechnungen zufolge innerhalb von zehn Jahren wieder bis zu 200000 Kinder pro Jahr gelähmt werden.
Mehr als 22 Millionen Menschen können heute gehen, die ohne die globale Polio-Initiative voraussichtlich gelähmt wären. Jährlich werden über 650'000 Lähmungen verhindert. Diese Bilanz zeigt, was erreicht ist und was auf dem Spiel steht. Bei einer ausrottbaren Krankheit sind 99,9 Prozent ein gewaltiger Weg – und ein ungenügendes Ergebnis. Das Ziel bleibt null.
Polio in Zahlen2026: Bis 17. August wurden 22 Fälle durch das wilde Poliovirus und 124 Fälle durch zirkulierende Variantenviren bestätigt. 2025: 52 Wildvirusfälle; mehr als 350 Millionen mehrfach geimpfte Kinder und 924 Millionen verabreichte Dosen in zusätzlichen Kampagnen. Wirkung: Mehr als 22 Millionen Menschen, die sonst gelähmt worden wären, können gehen. Jährlich werden heute über 650'000 Lähmungsfälle verhindert. Finanzierung: Bis Ende 2029 sollen die durch Rotary mobilisierten Beiträge 3,6 Milliarden US-Dollar übersteigen; darin enthalten sind 1,9 Milliarden US-Dollar an Matching Funds der Gates Foundation. Welt-Polio-Tag: Der offizielle Aktionstag ist am 24. Oktober. Bereits am 22. Oktober 2026 findet von 16 bis 18 Uhr bei der WHO in Genf eine Veranstaltung mit WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus statt. Leitgedanke: «Die Ausrottung der Kinderlähmung – ein verbindendes Element in einer sich wandelnden Welt.» |