Neue Zonen, neue Gewichte

utorak, 1. septembar 2026.

vmn / Interview: Rot. Florian Quanz

Rotary International vermisst seine Zonen neu. Die neue Ordnung wird schrittweise eingeführt: Die Schweiz und Liechtenstein verlassen die bisherige Zone 16, die sie gemeinsam mit Süddeutschland bildeten, und gehören künftig mit den Niederlanden, Spanien und Portugal zur Zone 20. Österreich bleibt in Zone 21. Was nach Verwaltung klingt, ordnet Einfluss und Mitsprache neu. Dazu äussern sich die Schweizer Past District Governors John Manning und Jouni Heinonen sowie Walter Ebner aus Österreich, der sechs Jahre als Membership Coordinator der Region 24 tätig war.

«Um das zu beschreiben, genügen zwei Worte: Gar nicht.» John Manning lässt keinen Zweifel daran, wie die drei Schweizer Distrikte in die Neuordnung einbezogen wurden. Informiert worden sei er persönlich erst nach dem Entscheid, und zwar per WhatsApp. Auch Jouni Heinonen bestätigt: RI-Direktorin Christine Büring habe die Schweizer Seite vorab nicht informiert. Walter Ebner berichtet aus Österreich von derselben Erfahrung: Weder die regionale Führungsebene, auf der er sechs Jahre tätig war, noch die Distrikte seien einbezogen worden. Kontakt habe es überhaupt keinen gegeben. 

Überraschend war damit weniger die Neueinteilung selbst als das Verfahren. «Indien wächst, Afrika wächst. Andere Länder und Kontinente schrumpfen», sagt Manning. Eine Anpassung sei absehbar gewesen. Mindestens alle acht Jahre wird die Zoneneinteilung umfassend überprüft; die weltweit 34 Zonen sollen jeweils ungefähr gleich viele Mitglieder umfassen. Ebner zufolge betont Rotary International stets, die Neueinteilung diene einem möglichst fairen Mengengerüst und folge keiner strategischen Ausrichtung.

Doch eine Zonenkarte ist mehr als Geometrie. Jeweils zwei Zonen werden zu einem Paar zusammengeführt, aus dem ein RI-Direktor hervorgeht. Die Grenzziehung legt damit zugleich fest, welche Zone wann den RI-Direktor stellt – für die kommenden acht Jahre. Gerade deshalb richtet sich Heinonens Kritik vor allem gegen die Kommunikation. Nach seinem Kenntnisstand sei der Wunsch, die bisherige Verbindung aufzulösen, von deutscher Seite ausgegangen: Durch die Neueinteilung werde Deutschland künftig stets einen RI-Direktor stellen. Heinonen hält diese Motivation für nachvollziehbar. 

Die aktuelle Neuordnung ist nur das jüngste Kapitel einer längeren Geschichte. In einer früheren Einteilung gehörten Süddeutschland, Österreich und die Schweiz gemeinsam zur Zone 19, erinnert Ebner. Später wechselte die Schweiz in Zone 16; Österreich wurde Zone 21 zugeteilt. Ebner zufolge umfasste diese 35 Länder und war mit den 54 Ländern Afrikas gepaart. Ein einziger RI-Direktor habe damit 89 Länder im Board vertreten müssen. Die Aufgaben in Afrika hätten so viel Zeit beansprucht, dass für Österreich kaum Raum geblieben sei. Für Heinonen funktioniert eine derart grosse Konstruktion in der Praxis nicht. Ebner nennt sie ein «Unding».

Dabei folgte die Regionalisierung ursprünglich einem nachvollziehbaren Gedanken: Gemeinsame Sprachen, Kulturen und organisatorische Möglichkeiten sollten berücksichtigt werden. Im süddeutschen Raum sei das gegeben gewesen, sagt Ebner. Die späteren Verschiebungen hätten Deutschland, Österreich und die Schweiz auf unterschiedliche Zonen verteilt – und damit jene Struktur zerrissen, die man einst habe schaffen wollen. Für ihn zeigt sich darin der Widerspruch zwischen dem offiziellen Bild der Zone als blossem Wahlinstrument und ihrer tatsächlichen Bedeutung als Raum für Kontakte, Funktionen und Einfluss.

 Für Österreich sei es innerhalb der grossen Zone 21 schwierig gewesen, eine vergleichbar enge organisatorische Verbindung aufzubauen. Ebner verantwortete deren nördlichen Teil, die Region 24; für die Region 25 mit dem Mittleren und Nahen Osten war eine andere Person zuständig. Direkte Treffen mit der Schweiz und Deutschland hätten vor allem dank der historisch gewachsenen Kontakte stattgefunden. Zur Zone 18, mit der Zone 21 nun gepaart ist und die die nordischen Länder einschliesslich Island und Grönland umfasst, habe es zuvor keinen Kontakt gegeben. Ebner sieht darin eine Aufgabe: Die Regional Leaders müssten sich enger und auch zonenübergreifend vernetzen. Zonen allein schafften noch keine Zusammenarbeit; dafür brauche es verlässliche Strukturen und regelmässige Begegnungen.

 Neue Partner, alte Machtfragen

 Die Kritik am Verfahren ist scharf. Das Urteil über das Ergebnis fällt aus Schweizer Sicht deutlich milder aus. «Wir in der Schweiz sind nicht traurig über die Neueinteilung», stellt Manning klar. In der neuen Konstellation werde die Schweiz mehr Einfluss haben als zuvor mit Deutschland; auf Zonenebene sei es in den vergangenen Jahren fast ausschliesslich um deutsche Themen gegangen. Ebner spricht sogar von einer «wunderbaren Einteilung»: Je etwa ein Drittel der Mitglieder kommt aus der Schweiz, aus den Niederlanden sowie aus Spanien und Portugal. Gemessen an der Mitgliederstärke ist die neue Zone damit bemerkenswert ausgewogen. Für die Wahl des RI-Direktors ist allerdings die Zahl der Distrikte massgeblich – und auch hier verfügt kein Land allein über die Mehrheit.

Völliges Neuland sind die neuen Partner nicht. Mit Clubs aus Portugal bestehen bereits gemeinsame Projekte, darunter Mare Nostrum. Heinonen plädiert dafür, pragmatisch auf das zu schauen, was funktioniert: auf Vorhaben mit Österreich und Süddeutschland ebenso wie auf die Zusammenarbeit mit Portugal, Spanien und den Niederlanden. Die neue Zone müsse also nicht bei null beginnen; sie könne an vorhandene Beziehungen anknüpfen und zugleich neue Netzwerke aufbauen.

Gewachsene Beziehungen lassen sich ohnehin nicht mit einer neuen Linie auf der Karte kappen. Manning sieht die zahlreichen Partnerclubs in Deutschland und Österreich nicht gefährdet. Als Beispiel nennt er die Flutkatastrophe im Ahrtal: Die Schweizer Hilfe habe auf der gelebten Freundschaft zwischen Clubs beruht. Solche Verbindungen blieben bestehen – unabhängig davon, welche Zonenzahl künftig über ihnen steht. Katastrophen berührten so unmittelbar, sagt Manning, dass aus Freundschaft auch künftig konkrete Hilfe erwachsen werde.

Trotzdem muss die Schweiz entscheiden, welche Kooperationen sie gezielt fortführt. Manning verweist auf PolioPlus und lobt die Arbeit von Christian Schleuss aus Deutschland ausdrücklich. Diese Zusammenarbeit dürfe nicht auseinandergerissen werden. Die Schweiz werde gewissermassen «Rosinen picken», um zu bewahren, was sich in der Vergangenheit bewährt habe. Gemeinsame Projekte gehörten für ihn zu jeder künftigen europäischen Strategie.

Rotary International verweise stets darauf, dass Zonen lediglich ein Wahlinstrument seien und man sich nicht an ihren Grenzen festhalten solle, berichtet Ebner. Er hält das für ein vorgeschobenes Argument. Ihm fehlt oberhalb der Distrikte eine belastbare europäische Verbindung. Viele Themen könnten die Länder gemeinsam wirksamer angehen – von der Mitgliederentwicklung bis zur Vertretung ihrer Interessen gegenüber Rotary International. Gerade weil die Zone formell über Wahlen definiert ist, beeinflusst sie informell, wer einander begegnet, welche Themen zirkulieren und welche Allianzen entstehen.

Wer zählt, wer entscheidet?

Wie ungleich die Strukturen wirken können, zeigt Ebner am eigenen Beispiel. Im nördlichen Teil seiner Region leben rund 24 000 Rotarierinnen und Rotarier in 13 Ländern und neun Distrikten. Österreich verfügt über zwei grosse Distrikte mit rund 5200 beziehungsweise mehr als 4000 Mitgliedern. Ihnen stehen sechs kleine Distrikte mit jeweils etwa 1000 bis 1500 Mitgliedern gegenüber. Bei der Wahl eines Direktors zählt dennoch pro Distrikt eine Stimme. Die kleinen Länder und Distrikte könnten sich deshalb vorab verständigen und Österreich überstimmen. Eigene Anliegen an Rotary International heranzutragen, werde dadurch erheblich schwieriger.

In der neuen Zone 20 sieht die Rechnung anders aus. Die Schweiz zählt ungefähr so viele Mitglieder wie die Niederlande, verfügt jedoch über drei Distrikte – und damit über drei Stimmen bei der Wahl des RI-Direktors. Die Niederlande haben sieben Distrikte und sieben Stimmen, Spanien und Portugal gemeinsam fünf Distrikte und fünf Stimmen. Mit sieben von insgesamt 15 Stimmen können die Niederlande die Wahl nicht allein entscheiden. Ebner erwartet deshalb ein verlässliches Rotationsprinzip. Auch die Schweizer Distrikte selbst sind gross; laut Manning zählt der kleinste rund 4500 Mitglieder.

Beim letzten Council on Legislation versuchte Ebner, das Stimmgewicht stärker an die Mitgliederzahlen zu binden: ein Votum pro 1000 Mitglieder. Der Vorschlag scheiterte bereits in der Vorrunde. Als Gegenargument wurde angeführt, kleinere Distrikte hätten dann weniger Chancen. Die heutige Regelung frustriert Österreich. In 30 Jahren habe das Land nur einmal einen Direktor gestellt. Auch ein über RI-Direktor Daniel Tanase eingebrachter Vorschlag, die Sektionierung der Zone 21 zu ändern, sei nicht berücksichtigt worden. «Es zählt nicht, was du in dieser Ebene einbringst», kritisiert Ebner. Ein Rotationsprinzip nach Schweizer Vorbild wäre für Heinonen ein möglicher Weg. Der Streit berührt damit eine klassische Repräsentationsfrage: Soll jeder Distrikt gleich zählen – oder soll auch seine Mitgliederstärke ins Gewicht fallen?

Ebner verbindet diese Kritik mit einem grundsätzlichen Einwand: Rotary werde zu stark aus Evanston gesteuert. Seit Langem plädiert er für drei auch an den Zeitzonen ausgerichtete Säulen – Amerika, Europa und Afrika sowie Asien und Australien – und für mehr Verwaltungsverantwortung in den Regionen. Das RI-Büro in Zürich habe zahlreiche Aufgaben, dürfe sinngemäss aber «nicht über einen Bleistift entscheiden» und müsse immer wieder Genehmigungen in Evanston einholen. Das sei mühsam und ineffizient. Manning befürwortet stärkere Regionalisierung und Europäisierung, hält aber fest: Das sei mit der Zoneneinteilung nicht gleichzusetzen.

Auch bei der Mitgliederentwicklung sieht Ebner Anlass für einen engeren europäischen Austausch. Europa entwickle sich vergleichsweise stabil. In den USA, Australien und Grossbritannien verlören traditionelle Clubs dagegen Mitglieder, weil sie zu wenig Anschluss an jüngere Menschen fänden. Werde der Altersabstand zu gross und liege das Durchschnittsalter bei 70 oder 75 Jahren, brauche es neue Formen und Neugründungen. Rotary müsse Menschen ansprechen, die mitten im Berufsleben stehen, ohne auf die Erfahrung älterer Mitglieder zu verzichten. Als einfachen Anfang schlägt Ebner alle drei Monate ein digitales Treffen der europäischen Länder vor: einander kennenlernen, Erfahrungen austauschen, voneinander lernen.

Hinter der Zonendebatte steht damit eine grössere Frage: Wie findet Europa innerhalb Rotarys Gewicht? Manning unterscheidet zwischen schnelllebigen Ländern mit schrumpfender Mitgliedschaft, stark wachsenden Regionen in Indien und Afrika sowie einer stabilen Mitte, zu der Europa gehöre. Ebner sieht Amerika weiterhin in einer dominierenden Rolle, während Asien mit seinem Wachstum zunehmend Einfluss gewinnt. Die europäischen Länder müssten ihre Kräfte bündeln und ihre Anliegen gemeinsam vertreten. Stabilität allein verschafft noch keine Stimme; sie muss politisch und organisatorisch übersetzt werden.

Noch gelinge es den Europäern nicht, eine gemeinsame Identität nach aussen zu tragen, sagt Manning. Ebner fordert eine Verständigung darüber, wohin sich Europa in den kommenden zehn Jahren entwickeln soll – samt Strategiepapier, gemeinsamen Projekten und klaren Prioritäten. Ebenso wichtig sei eine bessere Informationspolitik; für Ebner beginnt jede Veränderung mit ihr. Manning zieht aus dem Verfahren eine unmittelbare Konsequenz: Bei künftigen Neueinteilungen müssten die Betroffenen einbezogen werden.

Erste Ansätze erkennt Ebner in den European Summits in Rom, Bonn und Rotterdam. Die Treffen stärkten das Zusammengehörigkeitsgefühl und sollten zu einem regelmässigen Format werden. Dann könne Europa innerhalb Rotarys stärker an der Richtung mitwirken, statt lediglich auf Beschlüsse aus Evanston zu reagieren. Auch die für Barcelona geplante RI Convention könne zusätzliche Dynamik auslösen, sagt Manning. Ebner sieht darin eine Gelegenheit, die Stimme Europas hörbar zu machen. 

Bei all diesen Überlegungen mahnt Heinonen, die Perspektive der Basis nicht zu verlieren. Die Clubs interessierten sich kaum für Zoneneinteilungen; Manning ergänzt trocken, es sei schon gut, wenn sie sich für den Distrikt interessierten. Die Grundarbeit werde in den Clubs geleistet, betont Heinonen. Dort bestehen die Freundschaften und Partnerschaften, von denen Rotary lebt.

Auf den Karten stehen künftig andere Zahlen. Die entscheidenden Koordinaten bleiben dieselben. «Die Musik spielt in den Clubs», sagt Manning. Dort entstehen Projekte, dort wächst Hilfe aus Freundschaft, dort überdauern Verbindungen jede Neuvermessung. Zonen ordnen Macht. Verbundenheit können sie weder herstellen noch abschaffen.

Der Artikel beruht auf einem Interview, das Rot. Florian Quanz, Redakteur des Rotary Magazins für Deutschland und Österreich, geführt hat.

Was ist eine Rotary-Zone?

Die rotarische Welt gliedert sich in insgesamt 34 Zonen. Sie bilden unter anderem die Grundlage für die Wahl der Directors in den Vorstand von Rotary International. Mindestens alle acht Jahre werden die Zonengrenzen umfassend überprüft, damit die Zonen jeweils ungefähr gleich viele Mitglieder umfassen.

Der weltweite Plan für die aktuelle Neueinteilung wurde im Januar 2026 genehmigt; Sektionierung, Paarung und Rotation folgten im April. Die neue Struktur wird schrittweise wirksam: in ausgewählten Nominierungsverfahren ab 2026, für die Rotary Institutes ab 2028. Die nach ihr bestimmten RI-Direktoren treten ihr Amt am 1. Juli 2029 an.

In der bisherigen Struktur bildeten Süddeutschland (Sektion A) sowie die Schweiz und Liechtenstein (Sektion B) gemeinsam die Zone 16. In der neuen Struktur gehören die Schweizer und Liechtensteiner Distrikte zusammen mit den Niederlanden, Spanien und Portugal zur Zone 20. Österreich bleibt in Zone 21, die nun mit Zone 18 gepaart ist.

Für die Clubs ändert sich dadurch im Alltag wenig. Clubpartnerschaften und gemeinsame Projekte bestehen unabhängig von den Zonengrenzen fort. Auswirkungen hat die Neuordnung vor allem auf die internationale Zusammenarbeit und die Vertretung im Board von Rotary International.  


Die Past District Governors Jouni Heinonen und John Manning im Gespräch über die Neuordnung der Rotary-Zonen.