Das Akronym DEI wird bei Rotary International heute weniger prominent verwendet; die Organisation spricht stattdessen stärker von Zugehörigkeit und Engagement. An den zugrundeliegenden Zielen – Vielfalt, Chancengleichheit und Inklusion – hält Rotary jedoch ausdrücklich fest. Ein Standpunkt von RI-Direktorin Christine Büring.
«Das können wir nicht mitmachen! Rotary ist zu amerikanisch – damit wollen wir uns nicht mehr identifizieren!» Sätze wie diese höre ich immer wieder. Die Diskussion um die Umbenennung von DEI und den Eindruck von Bevormundung aus unserer Verwaltung in Evanston wird leidenschaftlich geführt. Gibt es einen Verlust unserer Werte? Brauchen wir eine Positionierung gegenüber den USA und damit gegenüber unserer eigenen Organisation?
Mitte Januar war ich gemeinsam mit 500 Governors elect bei der International Assembly, dem Training für das Jahr 2026/27 mit dem Nigerianer Yinka Babaola als RI-Präsidenten. Das Board tagte anschliessend zwei Tage. Wir waren im MAGA Staat Florida, und ich erwartete ein eher behutsames Umgehen mit den «heissen» Themen. Weit gefehlt. Diversity, gleiche Chancen zur Mitwirkung für alle, mutig Zeichen setzen – all dies wurde auf der Bühne ausgesprochen, eingefordert und in den Diskussionen und Begegnungen gelebt. Unterschiedliche Perspektiven, jung, bunt, oft weiblich, aus allen Kontinenten.
Strukturell ist Rotary nicht mehr «Amerika mit Anhang». Die USA stellt 25 Prozent der Mitglieder weltweit, Europa/Afrika 29 Prozent und Asien/Ozeanien 38 Prozent. Wie in der Politik brauchen wir neue Allianzen – ich suche sie.
Ja, noch immer kommen die meisten Spenden aus den USA. Aber auch das ändert sich. Ravishankar Dakoju aus Indien und seine Frau Paola haben in Orlando eine Spendenzusage über 50 Millionen US-Dollar gemacht.
In diesem Jahr sind viele Schlüsselpositionen im RI-Board aus Europa-Afrika besetzt: ein RI-Präsident aus Italien, sein Vize aus Belgien, der Vorsitzende des Executive Committee aus Rumänien, insgesamt fünf Direktoren aus Europa gegenüber vier Direktoren aus den USA. Nächstes Jahr folgen ein afrikanischer Präsident, ein indischer Vize und eine niederländische Vorsitzende des Executive Committee. Die nächsten Conventions sind in Taipeh, Dubai und Minneapolis. Für 2029 und 2031 wurden Barcelona und Dublin ausgewählt.
Wir sind amerikanisch und werden international. Amerikanisch, weil wir mit Sitz in den USA die Gesetze des Landes mit allen Kapriolen befolgen müssen. International sind wir in der Art, wie wir Rotary vor Ort leben – und in der Art, wie wir Rotary in unserer Gesellschaft positionieren.
Das Wegfallen des Akronyms DEI ist aus Vorsicht geschehen, um unseren Status als steuerbegünstigte Organisation in den USA nicht zu gefährden. Nicht, weil Rotary die Ziele Vielfalt, Miteinander und gleichen Chancen für alle aufgegeben hat, im Gegenteil. Genau jetzt sollten wir diskutieren, was DEI für uns heisst. Wo sind die dunklen Ecken in Clubentscheidungen, die verhindern, dass Menschen, die nicht so sind wie wir, einen Zugang in unsere Clubs finden? Rotary hat als zentrales Ziel, Brücken zu bauen zwischen Menschen, die sonst nicht miteinander reden würden.
Mit moralischen Fingerzeigen verändern wir die Welt nicht. Wir sollten sie nehmen, wie sie ist. Und überlegen, wie wir mit dem Ruf «Unite for Good» unser eigenes und unser internationales Netzwerk nutzen. Damit wir nicht Zuschauer, sondern Akteure einer Zeit im Wandel sind.
Unsere rotarischen Werten sind starke Instrumente: Diversity, Integrity, Service, Leadership, Fellowship – oder Vielfalt, Integrität, aktive Hilfsbereitschaft, Bereitschaft sich persönlich einzusetzen, und echte Freundschaft. Wenn wir dies leben, ist es mir Haltung genug – auch gegenüber den USA unter ihrem derzeitigen Präsidenten.