Jugenddienst: Wo Zukunft beginnt

fredag 10 april 2026

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Was heisst «Jugenddienst» im 21. Jahrhundert? Er bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, ehe sich Benachteiligung verfestigt. In unserer Serie über die fünf rotarischen Dienste steht diesmal ROKJ im Fokus – ein Engagement, das Kindern und Jugendlichen in der Schweiz konkrete Perspektiven eröffnet.

Jugenddienst konkret: ROKJ – Rotary für Kinder und Jugendliche

Levin Müller, Jahrgang 2008, sitzt am Schlagzeug und macht etwas, das man ihm sofort ansieht: Er meint es ernst. Der junge Mann hat nicht «einfach ein bisschen Talent», ist nicht nur «einfach nur musikalisch», sondern er verkörpert diese seltene Mischung aus Konzentration, Sturheit und Freude – jene Energie, bei der man sofort spürt: Der Jugendliche hat in seinem Instrument nicht bloss ein Hobby gefunden, sondern eine eigene Sprache. Und vielleicht auch eine Art Halt.

Fünf Kinder wachsen in Levins Familie auf, und für alle ist Musik eine Selbstverständlichkeit. Es gibt Unterricht, Proben, gemeinsame Auftritte und sogar eine Familienband. Man kann sich das gut vorstellen: ein Wohnzimmer, in dem es selten ganz still ist, Instrumente am Boden und an den Wänden, Noten auf dem Tisch, ein fröhliches Durcheinander, viel ausgelassenes Lachen. Und mittendrin dieser Junge, der am Schlagzeug nicht nur den Takt hält, sondern sich selbst sortiert.

Zuhause ist die musikbegeisterte Familie in Lohn, einer kleinen Gemeinde auf den Reiathöhen, rund 15 Minuten von Schaffhausen entfernt. Auf 640 Metern über Meer gelegen, ruhig, überschaubar, mit Kindergarten im Dorf und den weiterführenden Schulen in der Stadt. Von hier aus wirkt die Welt nah – und ist doch jedes Mal ein gutes Stück entfernt. Wer spezielle Förderung sucht, muss daher mobil sein. Und wer ein Begabtenprogramm absolviert, braucht nicht nur Talent, sondern auch Organisation, Zeit und finanzielle Mittel.

Gerade in solchen ländlichen Gemeinden entscheidet die Distanz zur nächsten Stadt oft darüber, ob ein Talent sichtbar wird oder im Verborgenen bleibt.

In Schaffhausen fand sich kein Lehrer, der Levin auf dem hohen Niveau hätte begleiten können. Also wurde es Winterthur. Was bedeutet: pendeln, organisieren, dranbleiben und vor allem: bezahlen. Früh am Nachmittag steigt der junge Schlagzeuger in den Zug, die Drumsticks ragen aus dem Rucksack. Im Konservatorium Winterthur, wo in den Gängen Tonleitern ineinanderfliessen und aus geschlossenen Türen Schlagfolgen dringen, besucht er seit vier Jahren ein Förderprogramm der höchsten Stufe. Es handelt sich um eine strukturierte Begabtenförderung mit klaren Anforderungen – ein Weg, der Verlässlichkeit verlangt, von ihm ebenso wie von jenen, die an ihn glauben.

Möglich wird Levins Begabtenförderung durch ROKJ Schaffhausen–Zürcher Weinland. Die rotarische Initiative sorgt dafür, dass sein Talent nicht an finanziellen Grenzen scheitert, und sich entfalten darf. 

Wenn Teilhabe keine Selbstverständlichkeit ist

Fast jedes zehnte Kind in der Schweiz wächst in Armut auf. Diese Zahl steht im Widerspruch zu dem Bild, das man gemeinhin von unserem wohlhabenden Land hat. Doch Armut zeigt sich hier selten spektakulär. Sie ist diskret, leise – und gerade deshalb folgenreich.

Armut bedeutet oft nicht den völligen Mangel, sondern das wiederholte Ausgeschlossensein: vom Sportverein, vom Musikunterricht, vom Klassenlager, vom Förderkurs. Sie bedeutet, dass Eltern rechnen müssen, bevor sie zusagen. Und dass Kinder lernen, Wünsche verlegen und nur mit grösster Vorsicht zu formulieren.

Wer in jungen Jahren nicht teilhaben kann, verpasst mehr als einzelne Aktivitäten. Es fehlen Erfahrungen, soziale Kontakte, Erfolgserlebnisse. Studien zeigen, dass Kinder aus wirtschaftlich benachteiligten Familien häufiger mit Bildungsdefiziten, gesundheitlichen Belastungen oder psychischer Unsicherheit konfrontiert sind. Unterversorgung addiert sich in kleinen, aber wirksamen Schritten.

Gerade deshalb ist frühe Förderung entscheidend. Die ersten Lebensjahre gelten als sensible Phase für kognitive, emotionale und soziale Entwicklung. Was hier unterstützt wird, trägt langfristig. Was hier unterbleibt, hinterlässt Spuren.

Rotary für Kinder und Jugendliche, kurz: ROKJ, setzt just an dieser Stelle an. Die Organisation versteht sich nicht als Ersatz staatlicher Leistungen, sondern als Ergänzung dort, wo diese an ihre Grenzen stossen. Unterstützt werden Aktivitäten in den Bereichen Schule, Musik, Sport, Lager, Mobilität, Gesundheit und Betreuung – also jene Bereiche, die jungen Menschen ermöglichen, sich als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft zu sehen. 

Regional verankert, national wirksam

ROKJ ist gesamtschweizerisch tätig und zugleich bewusst regional organisiert. 37 Regionen tragen das Engagement vor Ort, entscheiden eigenständig über Gesuche und arbeiten eng mit Schulen, Sozialdiensten und Vereinen zusammen. Dieses Prinzip der Nachbarschaftshilfe schafft Nähe, und Nähe wiederum ermöglicht Präzision.

Die ROKJ-Region Schaffhausen–Zürcher Weinland besteht seit 2010. In diesen Jahren wurden dort mehr als 1000 Gesuche geprüft und rund 650000 Franken an gezielter Unterstützung gesprochen. Aktuell präsidiert Javier Horrach vom RC Schaffhausen die Region. 

Schweizweit wurden seit der Gründung von ROKJ mehr als 13650 Kinder und Jugendliche mit über 7,6 Millionen Franken unterstützt. Hinter diesen Zahlen stehen keine abstrakten Förderfälle, sondern konkrete Biografien – Kinder, die im Sport bleiben konnten, Jugendliche, die einen Vorbereitungskurs besuchen durften, junge Menschen, die dank finanzieller Unterstützung einen Weg weitergehen konnten, der sonst verbaut geblieben wäre. 

Die Hilfe erfolgt diskret und direkt. Beiträge werden nach sorgfältiger Prüfung an Anbieter ausbezahlt, immer mit dem Blick nach vorn. Diese Struktur verbindet Verantwortung mit Respekt; sie schützt die Würde der Familien und schafft zugleich Transparenz.

Und damit zurück zu Levin.

Ob er eines Tages auf grossen Bühnen spielen wird, ist offen. Vielleicht führt ihn sein Weg in eine ganz andere berufliche Richtung. Entscheidend ist etwas anderes: Dass er die Möglichkeit hat, sein Talent ernst zu nehmen, ohne an finanzielle Grenzen zu stossen.

Wenn er in Winterthur den Proberaum betritt, zählt nur noch der Rhythmus. Niemand fragt nach dem Einkommen seiner Eltern, niemand rechnet im Takt mit. Es geht um Klang, Technik und Ausdruck.

ROKJ sorgt dafür, dass dieser Raum offenbleibt.

Darin zeigt sich der Kern des rotarischen Jugenddienstes: Möglichkeiten zu schaffen statt Aufmerksamkeit zu suchen – lokal verankert, langfristig gedacht und getragen von der Überzeugung, dass Zukunft dort beginnt, wo kein Kind am Rand stehen muss.


Ein junger Musiker mit klarem Fokus und spürbarer Freude: Levin Müller