Hilfe für den Libanon

måndag 16 mars 2026

vmn

Die Eskalation im Nahen Osten hat eine humanitäre Lawine ausgelöst. Allein im Libanon sind mehr als 800000 Menschen auf der Flucht, die Infrastruktur erodiert. Mit einem direkten Hilferuf wenden sich Rot. Emil J. Moawad und die libanesischen Clubs an die rotarische Gemeinschaft in der Schweiz. 

Manche Nachrichten erreichen uns nicht über die offiziellen Ticker der internationalen Presseagenturen. Sie kommen direkt, ungefiltert und ohne das schützende Protokoll diplomatischer Distanz. Es sind kurze Videos von eingestürzten Fassaden, Sprachnachrichten mit dem Unterton der Erschütterung und WhatsApp-Bilder von Familien, die unter offenem Himmel in den Straßen Beiruts schlafen. Mit dem Hilferuf, den Emil J. Moawad (RC Beirut Cosmopolitan) Mitte März an das rotarische Netzwerk richtete, wird die ferne Krise im Nahen Osten schlagartig zur persönlichen Angelegenheit. Er ist die schmerzhafte Erinnerung daran, dass Fellowship keine Vokabel für Schönwetterperioden ist, sondern ein Versprechen, das gerade dann halten muss, wenn die Welt aus den Fugen gerät.

Der Libanon, einst als kulturelles Kraftzentrum und finanzielle Drehscheibe gefeiert, gleicht im März 2026 einem Scherbenhaufen. Die nackten Zahlen der aktuellen Eskalation sind monströs: Weit über 800000 Vertriebene irren durch das Land, hunderte Tote sind zu beklagen, und die medizinische Versorgung steht kurz vor dem Kollaps. 

Für uns Rotarier werden diese Statistiken durch Gesichter und Biografien ersetzt. Wenn Moawad die Bilder der Zerstörung teilt, sehen wir nicht nur anonymen Schutt – wir sehen das gefährdete Lebenswerk von Freunden, die eben noch Projekte zur Wasserversorgung oder Solarenergie planten und nun selbst nach Notunterkünften für ihre Familien suchen. In seinem Video-Appell findet Emil J. Moawad Worte, die die Ohnmacht und zugleich die unbedingte Entschlossenheit vor Ort einfangen: «Die Situation ist mittlerweile jenseits von katastrophal. Es gibt keine sicheren Zonen mehr. Wir schlafen in Schulen, in Gärten, auf den Gehwegen. Wir bitten nicht um Mitleid, wir bitten unsere rotarische Familie um den Handlungsspielraum, um das nackte Überleben zu sichern.»

Die moralische Infrastruktur des Vertrauens

Warum trifft uns dieser Ruf so unmittelbar? Vielleicht, weil Rotary im Libanon eine Geschichte hat, die weit über kurzfristige Interventionen hinausgeht. Der Libanon ist Teil des Distrikts 2452 – ein organisatorisches Kraftzentrum mit mehr als 1200 Mitgliedern in 74 Clubs. Dass wir heute überhaupt so präzise reagieren können, liegt an der jahrzehntelangen Vorarbeit vor Ort. Allein in den letzten Jahren hat die globale Rotary-Gemeinschaft im Libanon Projekte im Wert von Millionen Dollar realisiert: Wasserfiltersystemen für über 1200 öffentliche Schulen, Solaranlagen für Krankenhäuser und Bildungszentren sowie die massive Sanierung von Gesundheitseinrichtungen nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut. Diese bestehende Infrastruktur ist es, die nun als Basis für die aktuelle Hilfe dient. Wir fangen nicht bei Null an; wir bauen auf einem Netzwerk aus Vertrauen und bewährter Kompetenz auf.

Auf dieses Fundament setzt die Initiative Unite for Lebanon auf. Initiiert vom Rotaract Club Beirut Cosmopolitan und getragen von der gesamten rotarischen Familie des Landes, ist das Ziel so schlicht wie effizient: Die direkte Vernetzung lokaler Clubs mit internationalen Gebern über die Plattform unite4leb.com. In einer Region, in der staatliche Strukturen oft von Instabilität geprägt sind, wird radikale Transparenz zur wichtigsten Währung. Die Initiative ermöglicht es, Hilfe ohne bürokratische Umwege dorthin zu bringen, wo sie heute Nacht gebraucht wird: bei den Familien, die in Fußballstadien oder Notlagern untergekommen sind. Dabei geht es um die elementarsten Dinge – Matratzen, Decken, Medikamente und sauberes Wasser.

Die Verantwortung des Hinterlassens

«Vertreibung ist ein abstrakter Begriff», hiess es neulich in einem soziologischen Diskurs über moderne Krisen. Im Libanon verliert er im März 2026 jede Abstraktheit. Er bedeutet den Verlust der Privatsphäre, den Verlust der Sicherheit und – am schwersten wiegend – den Verlust der Planbarkeit. Für uns in der Schweiz und in Liechtenstein ist dieser Hilferuf auch eine Einladung, den Kern unseres eigenen Selbstverständnisses zu prüfen. Wenn wir vom «Erbe» Rotarys sprechen, meinen wir selten materielle Besitztümer. Wir meinen eine bewusste Entscheidung. Es geht nicht um das «Haben», sondern um das «Hinterlassen» von Wirkung. Engagement in diesen Zeiten bedeutet, die eigene Ohnmacht auszuhalten und dennoch den nächsten logistischen Schritt zu planen.

Dass Menschen im Libanon heute unter freiem Himmel schlafen, während wir über Termine und To-do-Listen nachdenken, erzeugt eine Reibung, die wir nicht auflösen können – aber wir können sie nutzen. Der Four-Way-Test ist hier kein theoretisches Konstrukt für den Konferenztisch, sondern die tägliche Frage nach der Fairness und dem Wohl aller Beteiligten. Es ist das schlichte, notwendige Tun von Freunden für Freunde. Und vielleicht ist genau das die stärkste Antwort, die wir einem Krieg entgegensetzen können: die unermüdliche Instandhaltung menschlicher Verbindungen, die auch dann nicht reissen, wenn der Boden unter den Füssen nachgibt.

 

Ihre Hilfe zählt: Unite for Lebanon 
Die Initiative auf unite4leb.com bietet drei gezielte Wege der Unterstützung:

1.     Finanzielle Direkthilfe: Für den Nothilfefonds zur Versorgung vertriebener Familien.

2.     Sachwert-Missionen: Unterstützung bei der Beschaffung kritischer Güter (Betten, Hygiene).

3.     Medical Support: Finanzierung mobiler Kliniken für die Versorgung in Notlagern.

Besuchen Sie unite4leb.com für detaillierte Projektberichte und direkte Spendenmöglichkeiten.

 



Der Zugang zum Grenzgebiet im Süden des Libanon ist nur mit militärischem Passierschein möglich (Foto: vmn)