Wer hat eigentlich das Sagen?
Er begrüsst die Gäste, führt durch das Meeting und hat die Glocke in Reichweite: Der Präsident ist das sichtbarste Gesicht eines Rotary Clubs. Der Chef ist er trotzdem nur bedingt. Wer entscheidet also wirklich? Ein Blick auf eine Führungsstruktur, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig am Tisch sitzen.
Beim wöchentlichen Lunch sieht die Hierarchie ziemlich eindeutig aus. Vorn steht der Präsident oder die Präsidentin, eröffnet das Meeting, begrüsst die Gäste, macht Ansagen und beendet die Zusammenkunft. Ein Jahr lang trägt diese Person das sichtbarste Amt des Clubs. Wer deshalb an eine kleine Monarchie auf Zeit denkt, liegt allerdings daneben. Die Leitung eines Rotary Clubs liegt ausdrücklich beim Vorstand. Er beaufsichtigt die Amtsträger und Ausschüsse und entscheidet über die Angelegenheiten des Clubs. Der Präsident führt zwar den Vorsitz bei Club- und Vorstandssitzungen; allein regieren kann er jedoch nicht.
Interessant wird es schon bei der Zusammensetzung des Vorstands. Zu seinem festen Kern gehören Präsident, Immediate Past President, President-elect, Sekretär und Schatzmeister. Weitere Mitglieder können hinzukommen: etwa Vizepräsidenten, zusätzliche Vorstandsmitglieder oder der Clubmeister. Damit sitzen im Vorstand gleich drei Generationen der Präsidentschaft nebeneinander: der Amtsinhaber, sein unmittelbarer Vorgänger und sein Nachfolger. Das ist mehr als rotarische Titelfreude.
Heute führen, gestern kennen, morgen vorbereiten
Das jährliche Rotationsprinzip gehört zu den auffälligsten Eigenheiten von Rotary. Am 1. Juli wechselt die Präsidentschaft, nach einem Jahr ist grundsätzlich Schluss. Neue Person, neue Ideen, neue Akzente.
Damit ein Club nicht alle zwölf Monate sein Gedächtnis verliert, ist Kontinuität gleich mit eingebaut. Der Immediate Past President bringt die Erfahrungen des vergangenen Jahres mit. Der amtierende Präsident trägt Verantwortung für die Gegenwart. Und der President-elect weiss längst, dass am nächsten 1. Juli sein Stuhl an die Spitze rückt.
Tatsächlich beginnt die Nachfolgeplanung sogar noch früher. Der President-nominee wird frühestens zwei Jahre und spätestens 18 Monate vor seinem Amtsantritt gewählt. Am 1. Juli des Jahres vor seiner Präsidentschaft wird er zum President-elect. Mit anderen Worten: Wer am 1. Juli die Glocke übernimmt, ist in der Regel nicht erst am Vorabend vom Club überredet worden.
Auch die übrigen Vorstandsämter folgen nicht zwingend dem jährlichen Wechsel. Nur für den Präsidenten ist grundsätzlich eine Amtszeit von einem Jahr vorgegeben. Wie lange beispielsweise Sekretär, Schatzmeister oder Clubmeister im Amt bleiben, legt der jeweilige Club in seiner Satzung fest. Gerade diese Funktionen können deshalb zusätzliche Kontinuität schaffen.
Lässt man die offiziellen Dokumente einmal beiseite und blickt stattdessen auf den wöchentlichen Cluballtag, bekommen die Ämter schnell ein Gesicht. Der Sekretär entpuppt sich oft als das stille Gravitationszentrum: Bei ihm laufen nicht nur die unvermeidlichen Präsenzlisten zusammen, sondern vor allem die sozialen Fäden des rotarischen Miteinanders. Der Schatzmeister wiederum wacht als unbestechlicher Hüter über die Konten – stets darauf bedacht, das Budget für den Clubbetrieb säuberlich von den Geldern für die Dienstprojekte zu trennen. Und der Clubmeister agiert als der unsichtbare Regisseur im Hintergrund, der dafür sorgt, dass zwischen Vorspeise, Tischgespräch und Referat alles reibungslos gleitet.
Wer die alljährliche Präsentation der Clubfinanzen oder die detaillierte Vorbereitung eines Meetings miterlebt, ahnt schnell: Dieser Vorstand hat erheblich mehr zu tun, als bloss das Referentenprogramm abzunicken und über das nächste Weihnachtsessen zu beraten.
Und wenn der Club anderer Meinung ist?
Auch hier hält Rotary eine kleine Überraschung bereit. Die Entscheidungen des Vorstands über Clubangelegenheiten sind grundsätzlich endgültig. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Vorstand über dem Club steht. Gegen einen Beschluss kann vor dem gesamten Club Einspruch erhoben werden. Sind die formalen Voraussetzungen erfüllt, kann der Club die Entscheidung mit einer Zweidrittelmehrheit der anwesenden Mitglieder aufheben. Das Machtgefüge ist also fein austariert: Der Vorstand führt. Der Präsident leitet. Die Mitglieder wählen – und behalten in wichtigen Fragen ein letztes Wort.
Ähnlich verhält es sich mit den Ausschüssen. Sie bearbeiten einzelne Themenfelder und berichten dem Vorstand. Die einheitliche Clubverfassung nennt Clubverwaltung, Mitgliedschaft, Öffentlichkeitsarbeit, Rotary Foundation und Serviceprojekte als empfohlene Ausschüsse. Weitere können Vorstand oder Präsident nach Bedarf einrichten.
Und die fünf rotarischen Dienste? Sie sind etwas anderes. Clubdienst, Berufsdienst, Gemeindienst, internationaler Dienst und Jugenddienst bilden den philosophischen und praktischen Rahmen der Clubarbeit. Sie müssen keineswegs eins zu eins als fünf Vorstandsressorts organisiert sein.
So bleibt jedem Club erheblicher Spielraum, seine Arbeit nach den eigenen Bedürfnissen zu organisieren. Der Rahmen ist international vorgegeben, die konkrete Ausgestaltung entsteht vor Ort.
Selbst für die wichtigste Position gibt es Regeln, die vermutlich nicht jedes Mitglied kennt. Wer Clubpräsident werden möchte, soll vor der Nominierung grundsätzlich mindestens ein Jahr dem Club angehört haben. Der Governor kann allerdings auch ein Mitglied mit kürzerer Clubzugehörigkeit für geeignet halten.
Und der President-elect muss sich vorbereiten – insbesondere am obligatorischen Presidents-elect Learning Seminar (PELS). Einfach schwänzen und am 1. Juli die Glocke übernehmen, ist nicht vorgesehen; wer fehlt, braucht eine offizielle Ausnahmeregelung oder entsendet einen Vertreter, andernfalls bleibt das Amt verwehrt.
Die rotarische Präsidentschaft ist also weder Ehrenplatz noch Solonummer. Sie ist Teil eines Systems, das Macht verteilt, Wechsel organisiert und Erfahrung weitergibt. Vielleicht ist das die interessanteste Erkenntnis über einen Rotary Club: Jedes Jahr wechselt sein sichtbarstes Gesicht. Das Gedächtnis des Clubs bleibt sitzen.
Hätten Sie’s gewusst?Wer war der erste Rotary-Präsident der Welt? Nicht der Gründer Paul Harris, wie oft vermutet wird. Es war der Kohlenhändler Silvester Schiele, der 1905 den allerersten Rotary Club in Chicago präsidierte. Wie viele amtierende Clubpräsidenten gibt es derzeit? Weltweit wechseln jedes Jahr mehr als 45 000 Präsidentinnen und Präsidenten ins Amt – eine gewaltige logistische Rotation, die am 1. Juli auf dem gesamten Globus stattfindet. Wer stellt eigentlich das Clubbudget auf? Der Vorstand. Die von RI empfohlene Clubsatzung sieht ausserdem getrennte Konten für Clubbetrieb und Dienstprojekte sowie eine jährliche Buchprüfung vor. |
| Hand aufs Herz: Wissen Sie, wie Ihr Governor heisst? Was ein RI Director macht? Oder wer bei Rotary eigentlich wem etwas zu sagen hat? Falls nicht: Willkommen im Club. In unserer neuen Serie «Rotary entschlüsselt» räumen wir mit rotarischem Halbwissen auf – kurz, verständlich und ohne Handbuchton. Nächstes Mal knöpfen wir uns das Thema Mitgliedschaft vor. |