Katastrophen treffen plötzlich und verlangen schnelle Antworten. Rotary reagiert mit einem weltweiten Netzwerk, das lokal verankert ist und Hilfe über den Moment hinaus organisiert.
Katastrophen kommen selten mit Ansage. Oft
beginnen sie unscheinbar: ein Zittern, ein steigender Pegel, ein Sturm, der
stärker wird als erwartet. Das eigentliche Ausmass zeigt sich erst hinterher –
wenn Strassen unpassierbar sind, wenn grundlegende Abläufe nicht mehr greifen
und der Alltag nicht mehr funktioniert.
Was dann folgt, ist weniger ein einzelnes
Ereignis als ein Prozess – und genau hier setzt rotarische Katastrophenhilfe
an.
Mit mehr als 1,2 Millionen Mitgliedern
weltweit verfügt Rotary über ein Netzwerk, das nicht erst aufgebaut werden
muss. Es existiert bereits – in Form von lokalen Clubs, gewachsenen Beziehungen
und Menschen, die ihre Region kennen. Diese Nähe ist die Voraussetzung dafür,
dass Hilfe nicht nur schnell, sondern auch passend erfolgt.
Drei Phasen – und ihre Übergänge
Rotary unterscheidet in der
Katastrophenhilfe drei Phasen: Soforthilfe, kurzfristige Stabilisierung und
langfristiger Wiederaufbau. In der Praxis verlaufen diese Übergänge fliessend
und verlangen jeweils unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit.
In der unmittelbaren Phase nach einer
Katastrophe stehen Versorgung und Orientierung im Vordergrund. Lokale Clubs
organisieren Wasser, Nahrungsmittel, medizinische Hilfe und Unterkünfte, häufig
in Zusammenarbeit mit spezialisierten Partnern wie ShelterBox
und Water Survival Box. Entscheidend ist die Fähigkeit, rasch zu handeln
und vorhandene Strukturen zu nutzen.
Mit dem Abklingen der akuten Not
verschiebt sich der Fokus. Provisorien müssen stabilisiert, erste Abläufe
wiederhergestellt werden. Diese Phase ist weniger sichtbar, aber
ausschlaggebend dafür, ob ein Gemeinwesen wieder funktionieren kann.
Der langfristige Wiederaufbau erfordert
Planung, Koordination und verlässliche Finanzierung. Hier übernimmt die Rotary
Foundation eine zentrale
Rolle, indem sie lokale Projekte mit internationalen Mitteln verbindet.
Ein konkreter Fall: Hurrikan Melissa
Wie dieses Zusammenspiel in der Realität
funktioniert, lässt sich am Hurrikan Melissa zeigen, der im Oktober 2025 die
Karibik traf. Der Sturm erreichte Windgeschwindigkeiten von bis zu 305
Kilometern pro Stunde und traf insbesondere Jamaika mit voller Wucht. Dächer
wurden abgedeckt, Strom- und Wasserversorgung brachen über Wochen hinweg zusammen,
ganze Küstenregionen wurden verwüstet.
Aus Sicht der betroffenen Clubs stellte
sich die Lage entsprechend konkret dar: zerstörte Häuser, unterbrochene Strom-
und Wasserversorgung, eingeschränkte Kommunikation. Sobald erste Verbindungen
wieder möglich waren, begann die abgestimmte Hilfe. Gemeinsam mit Clubs in
Kingston und Ocho Rios sowie Partnerorganisationen wurden Hilfspakete
zusammengestellt und besonders betroffene Gemeinden identifiziert.
Parallel dazu richteten die Trustees der Rotary
Foundation den Hurricane Melissa Response Fund ein. Über diesen konnten Spenden
gebündelt und als Disaster Response Grants in konkrete Projekte überführt
werden – mit klar definierten Förderrahmen und Zuständigkeiten im betroffenen
Distrikt.
Auffällig ist dabei die Rollenverteilung:
Während klassische Ersthelferorganisationen die unmittelbare Notversorgung
übernehmen, setzt Rotary bewusst in der Phase danach an – dort, wo Wiederaufbau
organisiert, koordiniert und über längere Zeit begleitet werden muss.
Neben baulichen Massnahmen rücken dabei
auch weniger sichtbare Aspekte in den Fokus: die Stabilisierung von
Gemeinschaften, die Unterstützung von Familien, die Verarbeitung von Verlust
und Unsicherheit.
Katastrophenhilfe im eigenen Land
Dass Katastrophenhilfe kein fernes Thema
ist, zeigt ein Blick in die Schweiz. Die Überschwemmungen im Tessin, im Wallis
und in Graubünden im Sommer 2024, insbesondere im Maggiatal, haben eindrücklich
vor Augen geführt, wie verletzlich selbst gut ausgebaute Versorgungssysteme
sind.
Die Dimension dieser Ereignisse lässt sich
inzwischen auch beziffern: Naturgefahren verursachten im Jahr 2024 schweizweit
Schäden von rund 905 Millionen Franken. Damit zählt das Jahr zu den teuersten
seit Beginn der systematischen Erfassung vor über fünf Jahrzehnten. Der grösste
Teil der Schäden entstand innerhalb weniger Wochen im Juni, als Dauerregen,
Gewitter und Schneeschmelze zusammenwirkten und in mehreren Regionen
gleichzeitig zu Hochwasser, Murgängen und Rutschungen führten.
Die Auswirkungen solcher Ereignisse zeigen
sich nicht nur in Zahlen. Im Maggiatal etwa fielen nach den Unwettern zeitweise
Strom und Trinkwasserversorgung aus, auch das Mobilfunknetz war unterbrochen.
Ganze Täler waren abgeschnitten, erst mit provisorischen Lösungen – etwa einer
vom Militär errichteten Ersatzbrücke bei Cevio – wurde die Region wieder
zugänglich.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass
Wiederaufbau mehr bedeutet als technische Reparaturen. Neben den sichtbaren
Schäden bleibt vielerorts auch die Belastung für die betroffenen Menschen
spürbar. Der Schock sitzt tief, während gleichzeitig der Wille wächst, das
Verlorene wieder aufzubauen.
Der Wiederaufbau in den betroffenen
Regionen wurde von unterschiedlichen Akteuren getragen – von Gemeinden,
Kantonen, dem Bund, Versicherungen und privaten Initiativen.
In diesem Rahmen engagierte sich auch die Rotary
Stiftung Schweiz gemeinsam
mit lokalen Rotary Clubs in einzelnen Projekten. So wurde im Bavonatal ein
Beitrag zum Wiederaufbau der Wasserversorgung geleistet, konkret zur neuen
Wasserfassung einer Quelle sowie zur Verbindungsleitung nach Cevio.
Ein weiteres Engagement betraf die
Sicherung einer historischen Brücke in Cevio, deren Fundament durch die Fluten
unterspült worden war und nun verstärkt werden musste. Die Arbeiten wurden mit
Unterstützung der Rotary Stiftung Schweiz und der fünf Tessiner Clubs
finanziert.
Diese Beispiele stehen nicht für den
Wiederaufbau als Ganzes, sondern für Eingriffe dort, wo einzelne Massnahmen
besonders viel bewirken. Sie zeigen, wie rotarische Katastrophenhilfe
funktioniert: nicht flächendeckend, sondern dort, wo Projekte rasch umgesetzt
werden können und unmittelbare Wirkung entfalten.
Auch hier zeigt sich ein vertrautes
Muster: Die Initiative entsteht lokal, die Umsetzung erfolgt in enger
Abstimmung vor Ort – getragen von einem Netzwerk, das Ressourcen schnell
verfügbar machen kann.
Zwischen Improvisation und System
Katastrophenhilfe bewegt sich im
Spannungsfeld zwischen schneller Reaktion und strukturierter Umsetzung. Zu viel
Improvisation führt zu Reibungsverlusten, zu viel Formalismus zu Verzögerung.
Rotary versucht, dieses Gleichgewicht zu
halten. Finanzielle Mittel können rasch mobilisiert werden, gleichzeitig gelten
klare Anforderungen an deren Einsatz. Projekte werden definiert, dokumentiert
und abgestimmt.
Das ist kein Selbstzweck, sondern
Voraussetzung für wirksame Hilfe. Denn entscheidend ist nicht, dass Hilfe
geleistet wird, sondern dass sie dort ankommt, wo sie gebraucht wird.
Kontinuität statt Momentaufnahme
Mit zunehmendem zeitlichen Abstand
verschwinden Katastrophen aus der öffentlichen Wahrnehmung. Für die betroffenen
Regionen beginnt dann oft die schwierigste Phase.
Rotary versteht Katastrophenhilfe deshalb
nicht als einmalige Intervention, sondern als fortlaufenden Prozess. Projekte
entwickeln sich über Monate oder Jahre, Beziehungen bleiben bestehen,
Engagement wird verstetigt.
Im Fall von Hurrikan Melissa ebenso wie im Maggiatal wird deutlich:
Wiederaufbau ist kein klar begrenztes Kapitel, sondern ein längerfristiges
Vorhaben, das technisches Wissen, finanzielle Mittel und lokale Verankerung
erfordert.
Vielleicht liegt genau darin die besondere Qualität
rotarischer Katastrophenhilfe: Sie reagiert auf akute Ereignisse – und bleibt,
wenn es darum geht, Strukturen wieder tragfähig zu machen.