Was danach kommt

dinsdag 7 juli 2026

vmn

Katastrophen treffen plötzlich und verlangen schnelle Antworten. Rotary reagiert mit einem weltweiten Netzwerk, das lokal verankert ist und Hilfe über den Moment hinaus organisiert.

Katastrophen kommen selten mit Ansage. Oft beginnen sie unscheinbar: ein Zittern, ein steigender Pegel, ein Sturm, der stärker wird als erwartet. Das eigentliche Ausmass zeigt sich erst hinterher – wenn Strassen unpassierbar sind, wenn grundlegende Abläufe nicht mehr greifen und der Alltag nicht mehr funktioniert.

Was dann folgt, ist weniger ein einzelnes Ereignis als ein Prozess – und genau hier setzt rotarische Katastrophenhilfe an.

Mit mehr als 1,2 Millionen Mitgliedern weltweit verfügt Rotary über ein Netzwerk, das nicht erst aufgebaut werden muss. Es existiert bereits – in Form von lokalen Clubs, gewachsenen Beziehungen und Menschen, die ihre Region kennen. Diese Nähe ist die Voraussetzung dafür, dass Hilfe nicht nur schnell, sondern auch passend erfolgt.

Drei Phasen – und ihre Übergänge

Rotary unterscheidet in der Katastrophenhilfe drei Phasen: Soforthilfe, kurzfristige Stabilisierung und langfristiger Wiederaufbau. In der Praxis verlaufen diese Übergänge fliessend und verlangen jeweils unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit.

In der unmittelbaren Phase nach einer Katastrophe stehen Versorgung und Orientierung im Vordergrund. Lokale Clubs organisieren Wasser, Nahrungsmittel, medizinische Hilfe und Unterkünfte, häufig in Zusammenarbeit mit spezialisierten Partnern wie ShelterBox und Water Survival Box. Entscheidend ist die Fähigkeit, rasch zu handeln und vorhandene Strukturen zu nutzen.

Mit dem Abklingen der akuten Not verschiebt sich der Fokus. Provisorien müssen stabilisiert, erste Abläufe wiederhergestellt werden. Diese Phase ist weniger sichtbar, aber ausschlaggebend dafür, ob ein Gemeinwesen wieder funktionieren kann.

Der langfristige Wiederaufbau erfordert Planung, Koordination und verlässliche Finanzierung. Hier übernimmt die Rotary Foundation eine zentrale Rolle, indem sie lokale Projekte mit internationalen Mitteln verbindet.

Ein konkreter Fall: Hurrikan Melissa

Wie dieses Zusammenspiel in der Realität funktioniert, lässt sich am Hurrikan Melissa zeigen, der im Oktober 2025 die Karibik traf. Der Sturm erreichte Windgeschwindigkeiten von bis zu 305 Kilometern pro Stunde und traf insbesondere Jamaika mit voller Wucht. Dächer wurden abgedeckt, Strom- und Wasserversorgung brachen über Wochen hinweg zusammen, ganze Küstenregionen wurden verwüstet.

Aus Sicht der betroffenen Clubs stellte sich die Lage entsprechend konkret dar: zerstörte Häuser, unterbrochene Strom- und Wasserversorgung, eingeschränkte Kommunikation. Sobald erste Verbindungen wieder möglich waren, begann die abgestimmte Hilfe. Gemeinsam mit Clubs in Kingston und Ocho Rios sowie Partnerorganisationen wurden Hilfspakete zusammengestellt und besonders betroffene Gemeinden identifiziert.

Parallel dazu richteten die Trustees der Rotary Foundation den Hurricane Melissa Response Fund ein. Über diesen konnten Spenden gebündelt und als Disaster Response Grants in konkrete Projekte überführt werden – mit klar definierten Förderrahmen und Zuständigkeiten im betroffenen Distrikt.

Auffällig ist dabei die Rollenverteilung: Während klassische Ersthelferorganisationen die unmittelbare Notversorgung übernehmen, setzt Rotary bewusst in der Phase danach an – dort, wo Wiederaufbau organisiert, koordiniert und über längere Zeit begleitet werden muss.

Neben baulichen Massnahmen rücken dabei auch weniger sichtbare Aspekte in den Fokus: die Stabilisierung von Gemeinschaften, die Unterstützung von Familien, die Verarbeitung von Verlust und Unsicherheit.

Katastrophenhilfe im eigenen Land

Dass Katastrophenhilfe kein fernes Thema ist, zeigt ein Blick in die Schweiz. Die Überschwemmungen im Tessin, im Wallis und in Graubünden im Sommer 2024, insbesondere im Maggiatal, haben eindrücklich vor Augen geführt, wie verletzlich selbst gut ausgebaute Versorgungssysteme sind.

Die Dimension dieser Ereignisse lässt sich inzwischen auch beziffern: Naturgefahren verursachten im Jahr 2024 schweizweit Schäden von rund 905 Millionen Franken. Damit zählt das Jahr zu den teuersten seit Beginn der systematischen Erfassung vor über fünf Jahrzehnten. Der grösste Teil der Schäden entstand innerhalb weniger Wochen im Juni, als Dauerregen, Gewitter und Schneeschmelze zusammenwirkten und in mehreren Regionen gleichzeitig zu Hochwasser, Murgängen und Rutschungen führten.

Die Auswirkungen solcher Ereignisse zeigen sich nicht nur in Zahlen. Im Maggiatal etwa fielen nach den Unwettern zeitweise Strom und Trinkwasserversorgung aus, auch das Mobilfunknetz war unterbrochen. Ganze Täler waren abgeschnitten, erst mit provisorischen Lösungen – etwa einer vom Militär errichteten Ersatzbrücke bei Cevio – wurde die Region wieder zugänglich.

Gleichzeitig wurde deutlich, dass Wiederaufbau mehr bedeutet als technische Reparaturen. Neben den sichtbaren Schäden bleibt vielerorts auch die Belastung für die betroffenen Menschen spürbar. Der Schock sitzt tief, während gleichzeitig der Wille wächst, das Verlorene wieder aufzubauen.

Der Wiederaufbau in den betroffenen Regionen wurde von unterschiedlichen Akteuren getragen – von Gemeinden, Kantonen, dem Bund, Versicherungen und privaten Initiativen.

In diesem Rahmen engagierte sich auch die Rotary Stiftung Schweiz gemeinsam mit lokalen Rotary Clubs in einzelnen Projekten. So wurde im Bavonatal ein Beitrag zum Wiederaufbau der Wasserversorgung geleistet, konkret zur neuen Wasserfassung einer Quelle sowie zur Verbindungsleitung nach Cevio.

Ein weiteres Engagement betraf die Sicherung einer historischen Brücke in Cevio, deren Fundament durch die Fluten unterspült worden war und nun verstärkt werden musste. Die Arbeiten wurden mit Unterstützung der Rotary Stiftung Schweiz und der fünf Tessiner Clubs finanziert.

Diese Beispiele stehen nicht für den Wiederaufbau als Ganzes, sondern für Eingriffe dort, wo einzelne Massnahmen besonders viel bewirken. Sie zeigen, wie rotarische Katastrophenhilfe funktioniert: nicht flächendeckend, sondern dort, wo Projekte rasch umgesetzt werden können und unmittelbare Wirkung entfalten.

Auch hier zeigt sich ein vertrautes Muster: Die Initiative entsteht lokal, die Umsetzung erfolgt in enger Abstimmung vor Ort – getragen von einem Netzwerk, das Ressourcen schnell verfügbar machen kann.

Zwischen Improvisation und System

Katastrophenhilfe bewegt sich im Spannungsfeld zwischen schneller Reaktion und strukturierter Umsetzung. Zu viel Improvisation führt zu Reibungsverlusten, zu viel Formalismus zu Verzögerung.

Rotary versucht, dieses Gleichgewicht zu halten. Finanzielle Mittel können rasch mobilisiert werden, gleichzeitig gelten klare Anforderungen an deren Einsatz. Projekte werden definiert, dokumentiert und abgestimmt.

Das ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für wirksame Hilfe. Denn entscheidend ist nicht, dass Hilfe geleistet wird, sondern dass sie dort ankommt, wo sie gebraucht wird.

Kontinuität statt Momentaufnahme

Mit zunehmendem zeitlichen Abstand verschwinden Katastrophen aus der öffentlichen Wahrnehmung. Für die betroffenen Regionen beginnt dann oft die schwierigste Phase.

Rotary versteht Katastrophenhilfe deshalb nicht als einmalige Intervention, sondern als fortlaufenden Prozess. Projekte entwickeln sich über Monate oder Jahre, Beziehungen bleiben bestehen, Engagement wird verstetigt.

Im Fall von Hurrikan Melissa ebenso wie im Maggiatal wird deutlich: Wiederaufbau ist kein klar begrenztes Kapitel, sondern ein längerfristiges Vorhaben, das technisches Wissen, finanzielle Mittel und lokale Verankerung erfordert.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Qualität rotarischer Katastrophenhilfe: Sie reagiert auf akute Ereignisse – und bleibt, wenn es darum geht, Strukturen wieder tragfähig zu machen.    

Wo das Wasser zuvor zerstörte, beginnt der Wiederaufbau: Aufräumarbeiten im Flussbett der Maggia bei Prato (TI)