An der Grenze der Geschichte

dinsdag 23 juni 2026

vmn

Eine Studienreise des ICC Schweiz–Rumänien/Moldawien führte Rotarier von Nordsiebenbürgen in die Bukowina und bis nach Czernowitz in der Ukraine. Zwischen Klöstern, Grenzübergängen und literarischen Spuren wurde sichtbar, was rotarische Begegnung ausmacht: nicht nur unterwegs sein, sondern verstehen wollen.

Es gibt Reisen, die führen von Ort zu Ort. Und es gibt Reisen, die führen durch Schichten: durch Landschaften, Sprachen, Erinnerungen, Brüche, Grenzen. Die Studienreise des ICC Schweiz–Rumänien/Moldawien im Frühjahr 2026 gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie. Sie begann in Cluj, führte durch Nordsiebenbürgen, über die Ostkarpaten in die Bukowina, weiter bis nach Czernowitz in der Westukraine – und zurück über Suceava, Klöster, Minderheiten, Betriebe und Begegnungen, wie sie in keinem gewöhnlichen Reiseprospekt stehen. 

Schon der Anspruch der Reise war ein anderer. Es ging nicht darum, eine Region abzuhaken, Sehenswürdigkeiten zu sammeln oder schöne Bilder mit nach Hause zu bringen. Das ICC formuliert seine Aufgabe grundsätzlich als Pflege der Freundschaft, Förderung des gegenseitigen Verständnisses, Verständigung zwischen Ländern und interkulturellen Dialog. Genau daraus wurde unterwegs ein Programm: hinschauen, zuhören, fragen, staunen – und auch aushalten, dass Europa an seinen Rändern nicht immer bequem, geordnet und glatt poliert erscheint. 

Die Bukowina ist dafür ein idealer, ja fast exemplarischer Ort. Einst österreichisch-ungarisches Kronland, später zwischen Rumänien und der Sowjetunion geteilt, heute im Süden rumänisch und im Norden ukrainisch, ist sie eine jener historischen Landschaften, die man auf der politischen Landkarte nur noch mühsam erkennt, kulturell aber sofort spürt. Rumänen, Ukrainer, Juden, Deutsche, Armenier, Polen: In dieser Region hat Europa nicht nebeneinander, sondern ineinander gelebt. Nicht zufällig wurde die Bukowina einst auch «die Schweiz des Ostens» genannt. 

Czernowitz: Kulturstadt im Schatten des Krieges

Der stärkste Moment der Reise lag in Czernowitz. Schon die Ankunft machte klar, dass diese Etappe nicht einfach ein kultureller Abstecher war. Kaum hatte der Bus vor dem Hotel am Zentralplatz gehalten, zog ein Wagenkonvoi vorbei: Musik, Sirenen, rot-schwarze Fahne, Nationalflagge. Es war das Begräbnis eines im Krieg gefallenen Soldaten. Im Westen der Ukraine wirkt das Leben auf den ersten Blick erstaunlich normal; und doch ist der Krieg da – in Ritualen, Verlusten, Gesichtern, in einem Land, das zugleich weiterleben muss. 

Gerade deshalb entfaltete Czernowitz seine besondere Kraft. Die Stadt war nie nur eine Stadt. Sie war Treffpunkt der Kulturen, Herz der Bukowina, literarischer Resonanzraum. Paul Celan und Rose Ausländer gehören zu den Namen, die mit ihr verbunden sind. Die Gruppe besuchte das Theater, das Deutsche Haus, das Polnische Haus, das Paul-Celan-Center, die armenische Kirche und die Universität im ehemaligen Metropolitenpalast. Dort gab Dr. Oxana Matiychuck Einblicke in das literarische Czernowitz – in eine Welt, in der Sprache, Erinnerung und Zugehörigkeit immer auch europäische Fragen waren. 

Besonders eindrücklich war der nächste Morgen. Um neun Uhr blieb auf dem Zentralplatz das öffentliche Leben stehen. Eine Schweigeminute erinnerte an den Krieg im Osten des Landes: Lautsprecher, Musik, Gesang, Nationalhymne, Menschen, die innehalten, Verkehr, der ruht. Für die Schweizer Gäste wurde in diesem Moment greifbar, was sonst abstrakt bleibt: dass in einem Teil des Landes Alltag herrscht, während in einem anderen jeden Tag aufs Neue Menschen sterben, Familien auseinandergerissen und Heimatorte zerstört werden. 

Anschliessend führte der Weg ins jüdische Czernowitz. Das Museum war seit vier Jahren für Besucher geschlossen; dennoch empfing der Museumsdirektor Mykola Kuschnir die Gruppe zu einem Vortrag über jüdisches Leben in der Stadt. Es folgten das jüdische Viertel, die Synagoge und Sada Gora, einst Sitz einer chassidischen Dynastie und heute wieder ein Wallfahrtsort. Auch hier zeigte sich: Diese Reise suchte nicht die glatte Oberfläche, sondern die komplizierten, manchmal sperrigen, oft bewegenden Tiefenschichten einer Region. 

Begegnungen abseits der Standardroute

Zurück in Rumänien öffnete sich die Bukowina in weiteren Facetten. Die Gruppe besuchte Klöster, Betriebe, Dörfer und Orte, die nicht auf jeder touristischen Route liegen: das Kloster Putna, das UNESCO-Kloster Bogdana, die Salzmine von Cacica, Pătrăuți, Dragomirna, eine Lederwarenfabrik an der ukrainischen Grenze, ein staatliches Gestüt, ein Familienweingut, eine Backstube, in der am frühen Morgen Cozonac gebacken wurde. Gerade diese Mischung machte die Reise stark: grosse Geschichte und kleine Beobachtung, religiöses Erbe und wirtschaftliche Realität, Gastfreundschaft und Grenzerfahrung. 

Ein besonderer Akzent lag auf Begegnungen mit Minderheiten und lokalen Gemeinschaften. In Botoșani traf die Gruppe auf die Lipowaner, eine russische Minderheit mit eigener religiöser und kultureller Tradition. Brot und Salz, Musik, Tanz, Museum, Kirche: Was leicht folkloristisch wirken könnte, wurde hier zum direkten Einblick in eine Lebenswelt, die ihre Identität über Jahrhunderte bewahrt hat. Auch das religiöse Suceava zeigte sich vielstimmig: orthodoxe Kirchen, armenisches Kloster, Synagoge, evangelisch-lutherische Kirche und die Spuren der Bukowina-Deutschen. 

Der eigentliche rotarische Höhepunkt fand am Abend mit dem RC Suceava Cetate statt. Es gab Präsentationen, Faniontausch, persönliche Gespräche – und damit genau jene Form von Begegnung, für die rotarische Länderausschüsse geschaffen wurden. Daniel Hauri stellte das ICC Schweiz–Rumänien/Moldawien vor. Die Gastgeber hatten unter anderem Schüler aus einer Sprachschule eingeladen, die sich freuten, mit den Schweizer Gästen Deutsch zu sprechen. Kleine Szenen wie diese zeigen Rotary nicht als abstrakte Organisation, sondern als Netzwerk von Menschen, die einander Zeit, Aufmerksamkeit und Vertrauen schenken.

Am Ende blieb mehr als ein dichtes Programm. Die Reise führte in eine Region, in der europäische Geschichte nicht museal wirkt, sondern gegenwärtig: in Grenzorten, Minderheiten, Sprachen, Kirchen, Synagogen, Friedhöfen, Familienbetrieben, Weingütern – und in der Ukraine auch im Bewusstsein eines Krieges, der nahe ist, selbst wenn er nicht überall sichtbar scheint.

Für die neue Serie «Rotary unterwegs» ist diese Reise damit ein idealer Auftakt. Sie zeigt, was rotarisches Reisen sein kann, wenn es mehr will als schöne Aussichten: ein Blick über Grenzen, ein Gespräch auf Augenhöhe, eine Schule des Verstehens.