Eine Studienreise des ICC Schweiz–Rumänien/Moldawien führte
Rotarier von Nordsiebenbürgen in die Bukowina und bis nach Czernowitz in der
Ukraine. Zwischen Klöstern, Grenzübergängen und literarischen Spuren wurde
sichtbar, was rotarische Begegnung ausmacht: nicht nur unterwegs sein, sondern
verstehen wollen.
Es gibt Reisen, die führen von Ort zu Ort.
Und es gibt Reisen, die führen durch Schichten: durch Landschaften, Sprachen,
Erinnerungen, Brüche, Grenzen. Die Studienreise des ICC
Schweiz–Rumänien/Moldawien im Frühjahr 2026 gehörte eindeutig zur zweiten Kategorie.
Sie begann in Cluj, führte durch Nordsiebenbürgen, über die Ostkarpaten in die
Bukowina, weiter bis nach Czernowitz in der Westukraine – und zurück über
Suceava, Klöster, Minderheiten, Betriebe und Begegnungen, wie sie in keinem
gewöhnlichen Reiseprospekt stehen.
Schon der Anspruch der Reise war ein
anderer. Es ging nicht darum, eine Region abzuhaken, Sehenswürdigkeiten zu
sammeln oder schöne Bilder mit nach Hause zu bringen. Das ICC formuliert seine
Aufgabe grundsätzlich als Pflege der Freundschaft, Förderung des gegenseitigen
Verständnisses, Verständigung zwischen Ländern und interkulturellen Dialog.
Genau daraus wurde unterwegs ein Programm: hinschauen, zuhören, fragen, staunen
– und auch aushalten, dass Europa an seinen Rändern nicht immer bequem,
geordnet und glatt poliert erscheint.
Die Bukowina ist dafür ein idealer, ja
fast exemplarischer Ort. Einst österreichisch-ungarisches Kronland, später
zwischen Rumänien und der Sowjetunion geteilt, heute im Süden rumänisch und im
Norden ukrainisch, ist sie eine jener historischen Landschaften, die man auf
der politischen Landkarte nur noch mühsam erkennt, kulturell aber sofort spürt.
Rumänen, Ukrainer, Juden, Deutsche, Armenier, Polen: In dieser Region hat
Europa nicht nebeneinander, sondern ineinander gelebt. Nicht zufällig wurde die
Bukowina einst auch «die Schweiz des Ostens» genannt.
Czernowitz: Kulturstadt im Schatten des Krieges
Der stärkste Moment der Reise lag in
Czernowitz. Schon die Ankunft machte klar, dass diese Etappe nicht einfach ein
kultureller Abstecher war. Kaum hatte der Bus vor dem Hotel am Zentralplatz
gehalten, zog ein Wagenkonvoi vorbei: Musik, Sirenen, rot-schwarze Fahne,
Nationalflagge. Es war das Begräbnis eines im Krieg gefallenen Soldaten. Im
Westen der Ukraine wirkt das Leben auf den ersten Blick erstaunlich normal; und
doch ist der Krieg da – in Ritualen, Verlusten, Gesichtern, in einem Land, das
zugleich weiterleben muss.
Gerade deshalb entfaltete Czernowitz seine
besondere Kraft. Die Stadt war nie nur eine Stadt. Sie war Treffpunkt der
Kulturen, Herz der Bukowina, literarischer Resonanzraum. Paul Celan und Rose
Ausländer gehören zu den Namen, die mit ihr verbunden sind. Die Gruppe besuchte
das Theater, das Deutsche Haus, das Polnische Haus, das Paul-Celan-Center, die
armenische Kirche und die Universität im ehemaligen Metropolitenpalast. Dort
gab Dr. Oxana Matiychuck Einblicke in das literarische Czernowitz – in eine Welt,
in der Sprache, Erinnerung und Zugehörigkeit immer auch europäische Fragen
waren.
Besonders eindrücklich war der nächste
Morgen. Um neun Uhr blieb auf dem Zentralplatz das öffentliche Leben stehen.
Eine Schweigeminute erinnerte an den Krieg im Osten des Landes: Lautsprecher,
Musik, Gesang, Nationalhymne, Menschen, die innehalten, Verkehr, der ruht. Für
die Schweizer Gäste wurde in diesem Moment greifbar, was sonst abstrakt bleibt:
dass in einem Teil des Landes Alltag herrscht, während in einem anderen jeden
Tag aufs Neue Menschen sterben, Familien auseinandergerissen und Heimatorte zerstört
werden.
Anschliessend führte der Weg ins jüdische
Czernowitz. Das Museum war seit vier Jahren für Besucher geschlossen; dennoch
empfing der Museumsdirektor Mykola Kuschnir die Gruppe zu einem Vortrag über
jüdisches Leben in der Stadt. Es folgten das jüdische Viertel, die Synagoge und
Sada Gora, einst Sitz einer chassidischen Dynastie und heute wieder ein
Wallfahrtsort. Auch hier zeigte sich: Diese Reise suchte nicht die glatte
Oberfläche, sondern die komplizierten, manchmal sperrigen, oft bewegenden
Tiefenschichten einer Region.
Begegnungen abseits der Standardroute
Zurück in Rumänien öffnete sich die
Bukowina in weiteren Facetten. Die Gruppe besuchte Klöster, Betriebe, Dörfer
und Orte, die nicht auf jeder touristischen Route liegen: das Kloster Putna,
das UNESCO-Kloster Bogdana, die Salzmine von Cacica, Pătrăuți, Dragomirna, eine
Lederwarenfabrik an der ukrainischen Grenze, ein staatliches Gestüt, ein
Familienweingut, eine Backstube, in der am frühen Morgen Cozonac gebacken
wurde. Gerade diese Mischung machte die Reise stark: grosse Geschichte und
kleine Beobachtung, religiöses Erbe und wirtschaftliche Realität,
Gastfreundschaft und Grenzerfahrung.
Ein besonderer Akzent lag auf Begegnungen
mit Minderheiten und lokalen Gemeinschaften. In Botoșani traf die Gruppe auf
die Lipowaner, eine russische Minderheit mit eigener religiöser und kultureller
Tradition. Brot und Salz, Musik, Tanz, Museum, Kirche: Was leicht
folkloristisch wirken könnte, wurde hier zum direkten Einblick in eine
Lebenswelt, die ihre Identität über Jahrhunderte bewahrt hat. Auch das
religiöse Suceava zeigte sich vielstimmig: orthodoxe Kirchen, armenisches
Kloster, Synagoge, evangelisch-lutherische Kirche und die Spuren der
Bukowina-Deutschen.
Der eigentliche rotarische Höhepunkt fand
am Abend mit dem RC Suceava Cetate statt. Es gab Präsentationen, Faniontausch,
persönliche Gespräche – und damit genau jene Form von Begegnung, für die
rotarische Länderausschüsse geschaffen wurden. Daniel Hauri stellte das ICC
Schweiz–Rumänien/Moldawien vor. Die Gastgeber hatten unter anderem Schüler aus
einer Sprachschule eingeladen, die sich freuten, mit den Schweizer Gästen
Deutsch zu sprechen. Kleine Szenen wie diese zeigen Rotary nicht als abstrakte
Organisation, sondern als Netzwerk von Menschen, die einander Zeit,
Aufmerksamkeit und Vertrauen schenken.
Am Ende blieb mehr als ein dichtes
Programm. Die Reise führte in eine Region, in der europäische Geschichte nicht
museal wirkt, sondern gegenwärtig: in Grenzorten, Minderheiten, Sprachen,
Kirchen, Synagogen, Friedhöfen, Familienbetrieben, Weingütern – und in der
Ukraine auch im Bewusstsein eines Krieges, der nahe ist, selbst wenn er nicht
überall sichtbar scheint.
Für die neue Serie «Rotary unterwegs» ist
diese Reise damit ein idealer Auftakt. Sie zeigt, was rotarisches Reisen sein
kann, wenn es mehr will als schöne Aussichten: ein Blick über Grenzen, ein
Gespräch auf Augenhöhe, eine Schule des Verstehens.