Ein Raum für das Dazwischen

vrijdag 10 april 2026

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Was Rot. Markus Knoblauch vor mehr als 15 Jahren begann, hat bis heute Bestand: Der Jonas Treff in Rapperswil-Jona bietet Menschen mit seelischer Belastung einen Ort, an dem Grenzen weicher werden.

An einem gewöhnlichen Dienstag riecht es im evangelischen Zentrum von Rapperswil-Jona nach Kaffee und frischem Kuchen. Ein Billardball klackt leise, jemand lacht, draussen streift der Wind durch den Garten. Und mitten in dieser kleinen Alltagskulisse spürt man sofort, was den Jonas Treff ausmacht: Er ist ein Raum, in dem Grenzen weicher werden – leise, selbstverständlich und ohne grosse Worte.

Manche Grenzen sind sozialer Natur: unsichtbare Mauern, die Menschen mit seelischer Belastung vom Rest der Gesellschaft trennen. Scham, Rückzug, Überforderung – oft führt genau diese Gemengelage dazu, dass Betroffene kaum noch Orte finden, an denen sie einfach Mensch sein können. Der Jonas Treff setzt dort an, wo dieses «am Rand stehen» besonders schmerzt: bei der ersten Geste der Gastfreundschaft. Dienstags und donnerstags, jeweils am frühen Nachmittag, öffnet sich die Tür zu einem Raum ohne Bedingung. Freiwillige schenken Kaffee, Zeit und Zuwendung; eine Fachperson der Psychiatrie St. Gallen sorgt für Sicherheit, wenn Gespräche schwer werden. Niemand muss erzählen, warum er hier ist – die Zugehörigkeit beginnt mit dem Ankommen. Markus Knoblauch, Jahrgang 1935, rief das Projekt 2010 ins Leben – in seiner Zeit als Präsident der evangelischen Kirchgemeinde (2006 bis 2014). Sein Ziel war es, genau das zu ermöglichen: einen Ort, an dem keine Frage nach Herkunft, Religion oder Diagnose gestellt wird und an dem Solidarität nicht erzwungen, sondern erlebt wird.

Allein diese soziale Durchlässigkeit wirkt stärker, als man es auf den ersten Blick vermutet. Viele Besucher berichten, dass sie lange Zeit nur Orte kannten, an denen sie entweder funktionieren mussten – oder stören würden. Hier dürfen sie nicht nur sein, sie werden erwartet. Diese feine, aber wirkungsvolle Verschiebung macht den Jonas Treff zu einem Gegenentwurf zur Vereinzelung, die psychische Krisen oft begleitet. Und vielleicht erklärt das, warum die Stimmung trotz schwerer Themen so leicht sein kann: Wenn Menschen keinen Ausschluss mehr befürchten müssen, entsteht Platz für Humor, Wärme, Leichtigkeit.

Andere Grenzen sitzen tiefer: im Inneren, dort, wo die Türschwelle oft höher erscheint als jeder Berg. Viele, die heute regelmässig kommen, hatten Phasen hinter sich, in denen sie kaum jemanden gesehen haben. Der Jonas Treff nimmt diese innere Grenze ernst, indem er sie nicht zusätzlich auflädt. Keine Anmeldung, keine Aufgaben, kein «Programm», das absolviert werden muss. Wer kommt, darf reden oder schweigen, spielen oder nur dabeisitzen. Die Gespräche wandern von Therapien zu Politik, von Hobbys zu Familiengeschichten – und immer wieder bricht Lachen durch, wie ein unerwarteter Lichtstrahl.

Knoblauch brachte es einmal so auf den Punkt: Man müsse Menschen dort abholen, wo sie gerade stehen, und manchmal heisst das, ihnen einfach Ruhe zu schenken. In diesem Satz liegt das Herz des Treffs: Er gibt Menschen ihre eigene Geschwindigkeit zurück. Und gerade diese Freiheit führt dazu, dass die innere Grenze – jener kleine, unscheinbare Mut zur Tür – mit der Zeit weniger bedrohlich wirkt. Wer einmal erlebt hat, dass das eigene Tempo akzeptiert wird, öffnet sich oft von selbst. Manche beginnen nach Monaten wieder zu erzählen, andere finden langsam neue Routinen. Für einige ist der Treff sogar der erste Ort, an dem sie seit langem wieder echte Gespräche führen. Und diese Gespräche, so unspektakulär sie wirken, sind manchmal die entscheidenden kleinen Reparaturen am Selbstwert.

Wieder andere Grenzen entstehen durch Strukturen: jene Barrieren, die zwischen Institutionen verlaufen. Dass eine Kirchgemeinde und ein psychiatrisches Zentrum ein gemeinsames Projekt tragen, ist keine Selbstverständlichkeit. Doch gerade diese Kooperation verleiht dem Jonas Treff seine besondere Kraft. Die reformierte Kirchgemeinde stellt Räume, Herzblut, ein engagiertes Netz an freiwilligen Gastgebern sowie 30000 Franken jährlich zur Verfügung. Die Psychiatrie St. Gallen bringt Fachwissen und verlässliche Präsenz ein und sichert die professionelle Beratung vor Ort.

Während die Freiwilligen mit Wärme und Unvoreingenommenheit den sozialen Rahmen bilden, sorgt die Fachperson dafür, dass auch schwierige Gesprächsmomente aufgefangen werden. Sie triagiert im Hintergrund, unterstützt, wenn sich Krisen ankündigen, und hält die Balance zwischen Nähe und professioneller Distanz. Dazu kommt ein Team aus rund fünfzehn Menschen, das sich regelmässig weiterbildet – mit Supervisionen, internen Reflexionen und Fortbildungen, die das Zusammenspiel von Psychiatrie und Ehrenamt stärken. Diese Mischung schafft eine Atmosphäre, die selten ist: emotional offen, aber gleichzeitig fachlich gesichert. Für viele Gäste ist sie der Grund, warum sie wiederkommen. Weil sie wissen, dass beides Platz hat: Verletzbarkeit und Stabilität.

Und dann gibt es jene zeitlichen Grenzen, die paradoxerweise Halt geben. Zweimal pro Woche, von 13:30 bis 17:00 Uhr. Dieses schlichte Zeitfenster wirkt für viele wie eine Insel im Alltag. 2024 wurden an exakt 100 Nachmittagen insgesamt 1018 Besuche gezählt; durchschnittlich finden sich zehn bis zwölf Gäste ein. Manche kommen seit Jahren. Diese Verlässlichkeit ist ein stilles Versprechen: Man weiss, dass jemand da ist. Dass man willkommen ist. Und dass man nicht erklären muss, warum heute weniger gelingt als gestern.

Dass Zeit so viel Wirkung haben kann, zeigt sich auch darin, wie regelmässiges Kommen Beziehungen wachsen lässt – langsam, zart und doch solide. Aus zufälligen Tischgesprächen werden Rituale, aus unverbundenen Nachmittagen ein Wochenrhythmus. Und wie so oft im Leben sind es nicht selten die kleinen Konstanten, die uns durch schwierige Phasen tragen.

Am Ende bleibt ein Ort, der weder laut ist noch spektakulär – und der deshalb wirkt. Ein Raum, in dem Zugehörigkeit wächst, an dem Fremdheit sich löst und Nähe entstehen darf, ohne etwas zu fordern. Für Markus Knoblauch, der den Treff vor vielen Jahren ins Leben rief und ihn heute nur noch selten besucht, ist es ein leises Vermächtnis. «Es ist gut zu sehen, wenn etwas weiterlebt, weil es gebraucht wird», sagt er. Im vergangenen Herbst wurde der Jonas Treff mit dem Zwingli-Preis ausgezeichnet – eine Anerkennung, die das sichtbar macht, was hier seit Jahren im Stillen entsteht. Vielleicht ist genau das die schönste Grenzüberschreitung, die der Jonas Treff möglich macht: Er gibt Menschen, die lange am Rand standen, einen Platz, an dem sie ganz selbstverständlich dazugehören.


Zur Person
Markus Knoblauch (Jg. 1935), Mitglied im RC Meilen seit 1980, Präsident im Jahr 2001/02 bei der Pensionierung, viele Jahre in der Kulturkommission; 

War Chefarzt für innere Medizin am Spital Männedorf, Professor an der Universiät Zürich, viele Jahre zusätzlich ein Forschungslabor geleitet, gearbeitet bis er 80 war (Vertretungen in Praxen und Kliniken), bis Pandemiebeginn: während 15 Jahren zweimal jährlich nach Ägypten je zwei bis drei Wochen.


Rot. Markus Knoblauch (Foto: Rot. André Springer)