Brücken bauen in einer gespaltenen Welt

woensdag 19 maart 2025

vmn

Drei Tage, die bewegen. Drei Tage, die inspirieren. Drei Tage, die zeigen, dass Frieden keine Utopie sein muss: Die Rotary Presidential Peace Conference in Istanbul brachte Menschen aus aller Welt zusammen, die nicht nur reden, sondern handeln wollen.

Die Friedenskonferenz der Präsidentin, wie die Veranstaltung offiziell hiess, entpuppte sich als wahres Gipfeltreffen der Ideen, als Labor der Verständigung und eine Bühne für all jene, die den Status quo nicht hinnehmen wollen. Hier wurde diskutiert, gestritten, gelacht – und vor allem: nach Lösungen gesucht, wie man in einer zerrissenen Welt Brücken bauen kann.

Istanbul, die Stadt zwischen den Kontinenten, bot die perfekte Kulisse für eine Konferenz, die Gräben überwinden wollte. Unter dem Motto «Healing in a Divided World» (Heilung in einer gespaltenen Welt) strömten mehr als 1000 Mitglieder der rotarischen Familie aus 88 Ländern an den Bosporus – nicht nur, um über Frieden zu reden, sondern um ihn aktiv zu gestalten. Polarisierung abbauen, Technologie sinnvoll einsetzen, Nachhaltigkeit als Basis für Stabilität schaffen – das waren keine abstrakten Schlagworte, sondern drängende Fragen, die auf der Bühne ebenso wie in den Gängen mit Leidenschaft diskutiert wurden. Es ging dabei nicht um leere Phrasen, sondern um echte Ansätze, die nun die in die Rotary Clubs rund um den Globus getragen und umgesetzt werden müssen.

Von der grossen Bühne bis in die kleinste Gesprächsrunde – die Konferenz lebte von intensiven Debatten und Begegnungen. Rotary International Präsidentin Stephanie Urchick brachte es in ihrer Eröffnungsrede auf den Punkt: «Frieden beginnt nicht in Regierungspalästen, sondern in unseren Gemeinden.» Eine Botschaft, die in Istanbul mit Nachdruck aufgenommen wurde.

Die Teilnehmer, die in Scharen ins Hilton Istanbul Bomonti Hotel gekommen waren, konnten aus einer Vielzahl an Breakout-Sessions wählen, doch eine stach besonders heraus: die von Jeries I. Shahin, einem Experten für Informationssysteme bei der Weltbank und Rotarier aus Amman. Er sprach über die Rolle der Technologie in der Friedensarbeit – ein Thema, das aktueller kaum sein könnte.

Algorithmen für den Frieden

Seine These? Künstliche Intelligenz kann mehr als nur Wettervorhersagen verbessern – sie könnte helfen, Konflikte frühzeitig zu erkennen. Indem man KI mit historischen Daten, kulturellen Hintergründen und wissenschaftlicher Literatur füttert, lassen sich Muster erkennen, die auf mögliche Krisen hindeuten. Klingt nach Science-Fiction? Vielleicht. Doch in einigen Teilen der Welt wird genau daran bereits intensiv gearbeitet.

Aber Shahin beliess es nicht bei den grossen Visionen – er sprach auch über die Verantwortung jedes Einzelnen. Gerade Rotary Clubs, als Teil einer engagierten Zivilgesellschaft, könnten KI nutzen, um Falschinformationen entgegenzuwirken. «Fake News verbreiten sich um ein Vielfaches schneller als echte Nachrichten», erklärte er. Und genau das sei gefährlich. Deshalb sei es umso wichtiger, junge Menschen zu befähigen, wahre Nachrichten von gezielten Fehlinformationen zu unterscheiden.

Zum Schluss stellte Shahin eine entscheidende Frage in den Raum: Wie stellen wir sicher, dass KI ethisch und sinnvoll eingesetzt wird? Seine Anregung: Rotary International sollte Leitlinien entwickeln, um den verantwortungsvollen Umgang mit dieser Technologie in der Friedensarbeit zu fördern. Denn eines sei klar: «Wir sind die erste Generation von Rotary-Mitgliedern, die KI für den Frieden nutzen kann.» Jetzt liegt es an uns, ob wir diese Chance ergreifen.

In einer weiteren bemerkenswerten Breakout-Session wurde das Bildungsprojekt «Right to Learn» von Susan Hartley und Frances Jeffries vorgestellt. In Kooperation mit der UNESCO wurden in den vergangenen zehn Jahren hunderte afghanischer Frauen ausgebildet, es wurden Bibliotheken eingerichtet und digitale Lernzentren in Pakistan und der Türkei errichtet, um geflüchteten Afghaninnen dort den Schulabschluss zu ermöglichen. Besonders beeindruckend: Die meisten Teilnehmerinnen streben keinen konkreten Beruf an, sondern wollen das System in Afghanistan zugunsten der Frauen verändern. «Bildet man einen Mann aus, trainiert man oft nur ein Individuum. Bildet man aber eine Frau aus, schult man ein ganzes Dorf», fasste Hartley zusammen.

Auch das Thema Jugendförderung stand auf der Agenda. Vicki Puliz, Past Rotary International Director, betonte die Rolle von Jugendlichen in Friedensprozessen: «Wir müssen Jugendliche schulen, sie befähigen, Diskussionen zu führen und zu argumentieren.» Dazu seien Programme wie RYLA-Seminare essenziell, um eine neue Generation an Mediatoren und Friedensstiftern heranzuziehen.

Nicht nur in den kleinen Sessions wurden starke Botschaften formuliert – auch die grossen Bühnenmomente, wenn sich rund 1000 gespannte Zuhörer zu den General Sessions versammelten, hatten es in sich. Besonders eindrücklich war der Auftritt von Kumi Naidoo, dem ersten Greenpeace-Chef aus dem Globalen Süden. Der Südafrikaner, bekannt für seinen unermüdlichen Einsatz für Menschenrechte, nahm kein Blatt vor den Mund. Er sprach über die brutalen Folgen von Kriegen, der Klimakrise, der Covid-Pandemie und wirtschaftlicher Ungleichheit – insbesondere für jene Regionen, die ohnehin am meisten unter globalen Krisen leiden. Sein Appell an Rotary? «Wir sind überall. Wir können überall etwas bewirken.» Geld allein sei nicht die Lösung, betonte er. Viel entscheidender sei es, nachhaltige Wege zu finden, um lokale Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen. Und das gehe nur, wenn Menschen nicht nur mit dem Kopf überzeugt, sondern mit dem Herzen berührt werden.

Wenn es um Emotionen ging, bewegte kaum ein Redner so tief wie Freddy Mutanguha. Der Leiter des Kigali Genocide Memorial nahm die Zuhörer mit in den April 1994 – den Monat, in dem der Völkermord in Ruanda begann. Er erzählte von der letzten Begegnung mit seiner Mutter: wie sie ihm Essen brachte, ihm sagte, dass sie sich vielleicht nie wiedersehen würden, und ihn zum Abschied umarmte. Wenige Tage später verstand er, der Achtjährige, was sie gemeint hatte: Seine komplette Familie – Eltern, Geschwister, Verwandte – wurde ermordet. Er selbst kam nur durch einen Zufall mit dem Leben davon.

Anstatt in Hass zu versinken, entschied sich Mutanguha für Versöhnung. Zwei Jahrzehnte später besuchte er die Männer, die seine Familie getötet hatten – einstige Nachbarn. Er sprach mit ihnen, vergab ihnen. Nicht für sich, sondern für die Zukunft. «Wenn wir Frieden wollen, müssen wir der nächsten Generation die Last der Rache nehmen.» Heute setzt sich Mutanguha unermüdlich für Erinnerungskultur und Friedensarbeit ein, nicht nur als Direktor des Kigali Genocide Memorial, sondern auch als Präsident des Rotary Clubs Kigali-Montjali.

Seine Geschichte war ein kraftvolles Beispiel für das, worum es in Istanbul ging: Dass Frieden nicht nur ein politisches Ideal ist, sondern eine bewusste Entscheidung – eine, die täglich getroffen werden muss.

Von der Theorie zur Tat

Und in Istanbul blieb es nicht bei Worten – hier wurde gehandelt. Ein besonderer Moment der Konferenz war die Eröffnung des Rotary Peace Centers an der Bahçeşehir University. Als erstes Friedenszentrum in der Region Naher Osten und Nordafrika soll es Fachleuten praxisnahe Instrumente für nachhaltige Friedensarbeit vermitteln. Ziel ist es, Führungskräfte auszubilden, die nicht nur Theorien kennen, sondern in Krisengebieten aktiv positive Veränderungen herbeiführen können.

Jedes Jahr vergibt Rotary weltweit bis zu 130 voll finanzierte Stipendien an engagierte Persönlichkeiten, die sich für Frieden und Entwicklung einsetzen. Seit der Gründung des Programms im Jahre 2002 wurden mehr als 1800 Stipendiaten aus über 140 Ländern ausgebildet. Viele von ihnen arbeiten heute in Schlüsselpositionen bei Regierungen, NGOs oder internationalen Organisationen und setzen das Gelernte gezielt in ihrer Arbeit ein.

Mit der Eröffnung des neuen Friedenszentrums in Istanbul unterstrich Rotary einmal mehr, dass Frieden kein abstraktes Ziel ist, sondern eine handfeste Aufgabe, die Menschen übernehmen müssen – und dass Bildung dabei eine entscheidende Rolle spielt.

Eine von denen, die das Rotary Peace Fellowship-Programms bereits erfolgreich absolviert haben, ist Nahla ElShall aus Ägypten; auch sie war in Istanbul vertreten. Die junge Frau absolvierte im vergangenen Jahr das Postgraduierten-Programm für Friedens- und Konflikttransformation am Rotary Peace Center der Makerere University in Kampala, Uganda. Die Ausbildung dort gab ihr wertvolle Einblicke in Konfliktanalyse und die unterschiedlichen strukturellen Herausforderungen, die je nach Region ganz eigene Ansätze zur Friedensarbeit erfordern.

Heute ist die 32-Jährige in Kairo beim Institut der Vereinten Nationen für Ausbildung und Forschung beschäftigt, wo sie sich in der Abteilung für Frauenförderung engagiert. Ihr Arbeitsalltag dreht sich darum, junge Frauen zu stärken, sie auszubilden und ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie ihre Anliegen selbstbewusst und mit eigener Stimme vertreten können. Sie ist überzeugt: Nachhaltiger Frieden entsteht nur, wenn Frauen aktiv an Entscheidungsprozessen beteiligt sind – und genau dafür setzt sie sich mit ganzer Kraft ein.

Harmonie statt Hass

Mit ebenso viel Herzblut gehen Rot. Ulrike Vogt (RC Müllheim-Badenweiler) und ihr Mann Thomas ans Werk: Sie wurden in Istanbul für ihre Initiative «Musik für den Frieden» gefeiert – ein Projekt, das seit 2018 Jugendliche aus Deutschland und Russland zusammenbringt, um gemeinsam zu musizieren, sich auszutauschen und Vorurteile abzubauen. Das jüngste Highlight des Projekts? Ein musikalisches Friedenscamp in Izmir, das Jugendliche aus mehreren Ländern zusammenbrachte. Zwei Konzerte – eines in Çeşme, eines in Izmir – zogen mehr als 1000 Zuhörer in ihren Bann. Und als wäre das nicht genug, entstand im Herbst 2023 der Musikfilm «Romeo und Julia», eine deutsch-russische Co-Produktion, die in der Türkei realisiert wurde.

Die Wahl Istanbuls als Veranstaltungsort hatte im Vorfeld vor allem in unserem Nachbarland Deutschland für Diskussionen gesorgt. Ein Land mit politischen Spannungen – ist das der richtige Ort für eine Friedenskonferenz? Die Antwort von Konferenzleiter Şafak Alpay war eindeutig: «Gerade deshalb sind wir hier. Frieden ist nicht bequem, er ist notwendig.» Und so wurde Istanbul selbst zum Symbol für das, was die Konferenz erreichen wollte: Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen, um den Dialog zu fördern.

Nun liegt es an den Teilnehmenden, die Energie aus Istanbul mitzunehmen. Frieden beginnt nicht mit grossen Reden, sondern mit kleinen Schritten. Und wer in diesen drei Tagen dabei war, weiss: Der erste Schritt ist gemacht.

Weltpräsidentin Stephanie Urchick eröffnete die Rotary Peace Conference in Istanbul mit einer klaren Botschaft