Offen ins Unbekannte abdüsen

lunedì 8 dicembre 2025

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Janine Landtwing kennt das Terrain, das viele lieber meiden: den letzten Abschnitt des Lebens. Als Geschäftsführerin von Palliativ Zug und in anderen Funktionen und Rollen erlebte die Rotarierin mit, wie Menschen mit Abschied und Selbstbestimmung ringen. – Ein Gespräch über Zeit und Vergänglichkeit, über Sprache und Schweigen, über Nähe und Distanz. 

Liebe Janine, du bist seit vielen Jahren in unterschiedlichsten Positionen im Bereich Palliative Care tätig. Wie kamst du zu diesem Thema?

Schon als Kind war ich durch familiäre Umstände indirekt mit dem Sterben konfrontiert, ohne es damals richtig zu verstehen. Diese frühen Erfahrungen haben mich geprägt und sensibilisiert für Themen wie Loslassen, Abschied und das Gefühl, «zurückgelassen» zu werden. Auch später musste ich mehrfach Verluste nahestehender Menschen verkraften – durch Krankheit, Schicksal oder plötzliche Todesfälle. Diese Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit hat mich einerseits verunsichert, andererseits aber auch neugierig gemacht auf jene Bereiche des Lebens, die oft im Dunkeln bleiben, weil Angst, Scham oder Sprachlosigkeit sie verdecken.

So wuchs mein Interesse an der menschlichen Psyche und am Umgang mit existenziellen Erfahrungen. Ich studierte Psychologie, promovierte in Sozial- und Wirtschaftspsychologie und war viele Jahre in Sozial- und Gesundheitseinrichtungen tätig. In den letzten zehn Jahren hat sich mein beruflicher Schwerpunkt zunehmend auf Palliative Care verlagert. Heute arbeite ich im Bereich Konzept- und Qualitätsentwicklung. Auch wenn ich nicht direkt in der Begleitung tätig bin, bleibt der Praxisbezug zentral: Strukturen schaffen, die menschliche Nähe ermöglichen, ist für mich eine Form von Zugewandtheit.

Am Lebensende verändert sich das Zeitempfinden oft radikal. Erlebst du, dass «Zeit» für Sterbende eine andere Bedeutung bekommt?

Ich glaube, die Bedeutung von Zeit ist gerade in herausfordernden Lebenssituationen sehr volatil. Sie dehnt oder verdichtet sich, je nach innerem Zustand. Wenn du in etwas ganz aufgehst, etwa in einem kreativen Prozess, kann Zeit nahezu verschwinden. In Momenten von Schmerz oder Angst hingegen scheint sie sich zu dehnen, fast stillzustehen.

Wie Sterbende Zeit erleben, ist individuell und hängt von vielen Faktoren ab: vom körperlichen und seelischen Befinden, von der Umgebung, von der Art der Begleitung. Entscheidend scheint mir weniger, wie viel Zeit bleibt, sondern wie diese Zeit gestaltet wird, im Einklang mit den eigenen Werten, Bedürfnissen und Wünschen. Würdevoll gelebte Zeit verliert ihren flüchtigen, schnelllebigen Takt.

Nehmen Menschen am Ende ihres Lebens Dinge intensiver wahr als in früheren Jahren?

Die direkte Konfrontation mit der eigenen menschlichen Endlichkeit kann vieles in Bewegung setzen: Erinnerungen, Fragen, Emotionen. Ein Lebensrückblick lässt oft Dinge an die Oberfläche kommen, die lange verborgen waren – Schmerzhaftes, aber auch tief Beglückendes. In solchen Momenten verdichten sich Wahrnehmung und Empfindung. Das Leben wird schärfer umrissen, aber zugleich durchlässiger.

Ich erinnere mich an einen Freund, den ich in seiner letzten Lebensphase begleiten durfte. Er wurde klarer, direkter, fast entblösst in seiner Art zu sprechen. Das vorbehaltlose Akzeptieren seiner Sterblichkeit hatte etwas Konfrontatives, fast Verstörendes – und zugleich etwas zutiefst Verbindendes. In seiner Ehrlichkeit und Unmittelbarkeit entstand ein Raum, in dem alles Platz hatte: Schmerz, Zärtlichkeit, sogar Humor.

Diese ungefilterte Präsenz hat mich tief beeindruckt. Sie zeigte mir in dieser konkreten Erfahrung, dass am Ende nicht die Tragik überwog, sondern die Intensität des Augenblicks – ein Aufleuchten von Leben, das in seiner Verletzlichkeit tröstlich wirkt.

Manche sagen: Am Ende fehlen die Worte, andere finden gerade dann noch einmal die richtigen. Welche Rolle spielt Sprache im Sterben?

Sprache kann am Lebensende vieles leisten: Sie schafft Klärung, wenn Unerledigtes, Unausgesprochenes oder Organisatorisches noch Raum brauchen. Worte können versöhnen, erleichtern, Halt geben – für Sterbende ebenso wie für jene, die bleiben. Gleichzeitig ist Sprache weit mehr als gesprochene Worte. Es gibt auch die Sprache der Präsenz: das einfache Dasein, das gemeinsame Aushalten des Unsagbaren.

Gerade in Momenten der Verzweiflung oder des Schmerzes fällt es schwer, nicht sofort trösten oder Lösungen anbieten zu wollen. Doch manchmal braucht es weniger Rede als Aufmerksamkeit – das bewusste Lauschen, die stille Bereitschaft, dabei zu bleiben. In solchen Begegnungen kann entstehen, was Worte allein nicht vermögen: ein Raum von Vertrauen, in dem selbst das Schweigen verständlich wird. Und ja, auch Humor und Leichtigkeit dürfen dort Platz haben. Das Leben bleibt, bis zuletzt, mehrdimensional.

Was kann Schweigen ausdrücken, wo Worte nicht mehr genügen?

Zugewandtes Schweigen ist nicht Abwesenheit, sondern eine eigene Form von Sprache. Es entsteht, wenn Worte zu eng werden für das, was ist, und öffnet einen Raum, in dem anderes hörbar wird: Atmen, Nähe, Vertrauen. Ein gemeinsames Schweigen kann zu einem Lauschen werden – aufeinander, auf das, was bleibt, auf das, was sich vielleicht nicht mehr sagen lässt, aber dennoch verstanden wird.

In solchen Momenten geschieht Kommunikation jenseits des Verstandes. Schweigen kann verbinden, trösten, Frieden schaffen. Es hält etwas aus, das Worte oft überdecken würden, und erleichtert so vielleicht den Übergang ins Unbekannte, für beide Seiten.

Gibt es so etwas wie das richtige Mass an Nähe im Sterben – für Fachpersonen, für Angehörige?

Ein allgemeingültiges Mass gibt es nicht. Nähe und Distanz verändern sich im Verlauf einer Krankheit, so wie Bedürfnisse sich verändern. Manchmal tut es gut, wenn jemand da ist oder schnell erreichbar bleibt; in anderen Momenten braucht es Raum, Stille, auch Rückzug. Ängste, Schmerzen oder Müdigkeit können den Wunsch nach Nähe ebenso beeinflussen wie das Bedürfnis nach Selbstbestimmung.

Wichtig scheint mir, dass auch Angehörige achtsam mit sich umgehen: Pausen zulassen, Kraft schöpfen, Abstand nehmen dürfen, ohne schlechtes Gewissen. Nähe hat viele Formen. Sie kann körperlich, emotional oder schlicht existenziell sein. Manchmal bedeutet sie einfach, jemanden in seiner Verletzlichkeit zu halten, ohne ihn festzuhalten.

Unsere Gesellschaft investiert enorm viel Energie ins Verdrängen des Todes. Würden wir besser leben, wenn wir den Tod stärker akzeptieren würden?

Ich würde weniger von Verdrängung als von einer tiefen Unsicherheit sprechen. Viele Menschen setzen sich sehr bewusst mit dem Sterben auseinander, doch gesellschaftlich bleibt das Thema oft randständig. Wir haben gelernt, über fast alles zu reden – nur über das Ende selten. Themen wie Altern, Vergänglichkeit oder Abschied wirken störend in einer Kultur, die auf Wachstum, Jugend und Machbarkeit ausgerichtet ist.

Darum scheint mir der Begriff «Integration» hilfreicher als «Akzeptanz». Akzeptanz bleibt oft ein mentaler Akt. Integration bedeutet, die Endlichkeit wirklich in unser Leben hineinzunehmen. Das beginnt lange vor dem Tod: beim Loslassen eines Menschen, eines Ortes, einer Aufgabe, einer Lebensphase. Jeder dieser Übergänge ist eine kleine Schule des Sterbens.

Wenn wir lernen, solche Abschiede bewusster zu gestalten und miteinander zu teilen, verlieren sie einen Teil ihres Schreckens. Wir entwickeln eine innere Beweglichkeit, die uns trägt – auch im Angesicht des letzten Übergangs. So wird der Tod nicht zum Fremdkörper, sondern zum Spiegel des Lebens: eine Erinnerung daran, dass alles Lebendige Wandel ist.

Gibt es kulturelle oder religiöse Bilder, die Menschen am Ende besonders Kraft geben?

Ja, unbedingt, auch wenn diese Bilder sehr individuell sind. Sie entstehen aus dem persönlichen Glauben, aus Lebenserfahrungen, aus dem, was jemand als «wahr» in sich trägt. Ich würde weniger von konkreten Symbolen sprechen, sondern von einem inneren Wissen, das Halt gibt. Für manche ist es ein religiöses Vertrauen, für andere die Vorstellung, im grossen Ganzen aufgehoben zu sein – in der Natur, in einer Energie, in der Erinnerung der Liebenden.

Solche inneren Überzeugungen können beruhigen, Orientierung schenken und den Übergang ins Unbekannte erleichtern. Sie schaffen einen inneren Boden, auf dem Angst sich wandeln darf – in Gelassenheit, oder in eine entspanntere Offenheit dem Mysterium «Tod» gegenüber.

Rotary versteht sich als weltweite Wertegemeinschaft. Welche Verantwortung tragen wir, wenn es um Würde und Selbstbestimmung am Lebensende geht?

Gerade weil Rotary eine weltweite Wertegemeinschaft ist, tragen wir Verantwortung, individuelle Werte ernst zu nehmen, und nicht unsere eigenen Vorstellungen über andere zu stülpen. Würde heisst, genau hinzuhören: Was möchte jemand – und was nicht? Diese Haltung ist einfach in der Theorie, aber herausfordernd im Alltag, besonders wenn Krankheit oder Hilfsbedürftigkeit Grenzen setzen.

Selbstbestimmung ist ein komplexes Thema, gerade in der Palliative Care. Betroffene und Angehörige stehen oft vor schwierigen Entscheidungen und sind auf fachliche Begleitung angewiesen, ohne dabei das eigene Empfinden zu verlieren. Dafür braucht es transparente Information, Zeit und Raum zum Nachdenken – und Menschen, die diesen Prozess achtsam begleiten.

Rotary kann hier ein Vorbild sein: durch eine Kultur des Respekts, der Offenheit und des Zuhörens. Denn Würde beginnt dort, wo wir einander zutrauen, selbst über das eigene Leben, und Sterben, nachzudenken.

Und zuletzt: Was wünschst du dir, ganz persönlich, für dein eigenes «letztes Mal»?

Für mein letztes Mal wünsche ich mir Ruhe und inneren Frieden – die Gewissheit, mich auf das Abenteuer Leben mit all seinen Höhen und Tiefen wirklich eingelassen zu haben. Ohne mich dauerhaft von Angst, Scham oder schwierigen Gefühlen haben abhalten lassen, meinen Aufgaben im Irdischen nachzukommen, daran zu wachsen und meine Einzigartigkeit zum Guten einzusetzen.

Wenn dieser Moment kommt, möchte ich dankbar und demütig zurückblicken können – und zugleich offen sein für das, was danach vielleicht wartet: Offen ins Unbekannte abdüsen – wer weiss, vielleicht beginnt dort einfach ein neues kosmisches Abenteuer.


Zur Person

Janine Landtwing, Mitglied im RC Zug, ist gebürtige Zugerin. Nach dem Psychologiestudium an der Universität Zürich promovierte sie in Sozial- und Wirtschaftspsychologie und erwarb einen MBA in Leadership Management. Über viele Jahre war sie für die Stadt Zürich im Bereich Qualitäts- und Organisationsentwicklung für Pflegezentren mit dem Label «Qualität in Palliative Care» tätig. Später leitete sie als Geschäftsführerin den Verein Palliativ Zug. 

Heute arbeitet Janine Landtwing im Amt für Gesundheit des Kantons Zug als Fachperson für Konzeptentwicklung im Bereich Palliative Care, mit Fokus auf Struktur- und Qualitätsfragen. Parallel dazu beschäftigt sie sich mit Fragen von Spiritualität und Selbstermächtigung und ist als Künstlerin in internationalen Projekten aktiv, immer mit dem Blick auf das, was Leben und Würde verbindet.

Rot. Janine Landtwing