Wer Kontrolle sagt, meint oft Misstrauen. Rot. Andrea Huber sieht das anders. Für die Vorsteherin der Finanzkontrolle des Kantons Bern ist Kontrolle kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um Verantwortung zu klären, Missstände früh zu erkennen und Vertrauen zu sichern. Ein Gespräch über Zahlen, Verantwortung und wirksame Aufsicht.
Frau
Huber, das Wort «Kontrolle» klingt für viele nach Misstrauen. Was bedeutet
Kontrolle für Sie?
Dem
Begriff «Kontrolle» haftet tatsächlich ein negativer Geschmack an. Für mich
sind Kontrollen etwas Positives. Ich verknüpfe das Wort eher mit «Sicherheit».
Kontrollen sollen dazu beitragen, Risiken zu minimieren oder diese ganz zu
eliminieren. Kontrollen dienen dazu, frühzeitig Mängel zu erkennen. Sie stellen
damit die Qualität von Leistungen sicher. Sie stärken aber auch das
Verantwortungsbewusstsein und last but not least stärken sie das Vertrauen.
Die
Finanzkontrolle arbeitet meist im Hintergrund. Was wird an ihrer Arbeit in der
Öffentlichkeit am häufigsten unterschätzt?
Unterschätzt
wird wohl die Vielfältigkeit unserer Aufgabe. Unsere Prozesse, also wie eine
Prüfung durchzuführen ist, sind zwar standardisiert, Routine kommt dabei jedoch
nicht auf. Die Leistungen des Kantons sind sehr vielfältig. Die meisten
verbinden mit dem Kanton die Steuern, das Gesundheitswesen oder den
öffentlichen Verkehr. Aber: Wer denkt an die Aufgaben eines Amtes für Wald und
Naturgefahren, den Archäologischen Dienst, das Fischereiinspektorat oder an das
Staatsarchiv? Der Service Public ist viel mehr als «Steuern».
Entsprechend
benötigt es viel Engagement, Leidenschaft und Wissbegierde unserer
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um in diesem breiten Umfeld die relevanten
Prozesse zu verstehen, Optimierungspotenzial zu erkennen und auf Augenhöhe mit
den kantonalen Stellen mitdiskutieren zu können.
Sie
kennen die Behörde seit vielen Jahren aus dem Innern und stehen seit Anfang
2026 an ihrer Spitze. Was verändert sich, wenn man nicht mehr nur prüft,
sondern die Gesamtverantwortung trägt?
Bisher
lag der Fokus im Wesentlichen auf der Fachexpertise und dem Projektmanagement
inklusive der Koordination und Anleitung von Teams. Der Schwerpunkt verschiebt
sich jedoch von der eigenen fachlichen Leitung hin zur Verantwortung für das
Team und der strategischen Ausrichtung der Finanzkontrolle. Ziele festlegen,
Prioritäten setzen, Interessen abwägen und Entscheide verantworten, sind nun
auch mein tägliches Brot. Ein wichtiger Fokus liegt dabei auf der Organisation
und den Mitarbeitern sowie deren Entwicklung.
Ihre
Prüfungen werden risikoorientiert geplant: Bereiche mit erhöhten Risiken werden
enger begleitet, andere in grösseren Abständen geprüft. Wie entscheidet man, wo
der Kanton besonders genau hinschauen muss?
Unsere
Planung stützt sich auf mehrere Eckpfeiler: Sie basiert unter anderem auf den
Erkenntnissen und Risiken der Vorjahre. Zudem berücksichtigen wir Veränderungen
im Umfeld, geplante Gesetzesanpassungen, Anliegen der Verwaltungen, Hinweise
von Whistleblowern sowie wesentliche Projekte oder besondere Herausforderungen
einzelner Ämter. Auch die Grösse bzw. das Volumen der Finanzflüsse in den
einzelnen Bereichen fliesst in die Beurteilung ein.
All
dies setzt voraus, dass man den Kanton und das Umfeld gut kennt und sich über
geplante Änderungen stets informiert. In der aktuell sehr schnelllebigen Zeit
bedingt es zudem Flexibilität, um auf neue Trends und Entwicklungen reagieren
zu können. Die vorhandenen personellen Ressourcen der Finanzkontrolle sowie die
vorgegebenen Terminpläne spielen dabei die limitierenden Faktoren bezüglich der
Anzahl und dem Umfang Prüfungen.
Die
Finanzkontrolle legt 2026 einen Schwerpunkt auf das Krisenmanagement. Was
heisst gute Kontrolle in einer Zeit, in der Verwaltungen nicht nur
finanziellen, sondern auch digitalen und operativen Risiken ausgesetzt sind?
Die
heutige Zeit lehrt uns «nichts ist unmöglich». Entsprechend muss sich der
Kanton auf Umstände vorbereiten, welche teilweise auch ausserhalb der
Vorstellungkraft liegen. Oder wer hätte sich jemals vorstellen können, dass ein
Virus die ganze Welt lahmlegt? Ich erachte es als wichtig, dass sich der Kanton
solche Gedanken macht und Massnahmen daraus ableitet, auch wenn genau ein
bestimmtes gedanklich durchgespielte Szenario vermutlich nie eintreffen wird.
Es benötigt definierte Szenarien mit festgelegten Kontrollen, Abläufe und
Massnahmen, die im Krisenfall abgerufen werden können, ohne die Arbeitsabläufe
unnötig zu erschweren.
In
einer Medienmitteilung war von Cyberangriffen, Systemausfällen und grossen
Schadenereignissen die Rede. Wie prüft man eigentlich, ob ein Kanton für solche
Krisen wirklich gerüstet ist?
Wir
prüfen, ob der Kanton die Risiken analysiert und welche Schlussfolgerungen und
Massnahmen er daraus ableitet. Dies beinhaltet beispielsweise die Frage, ob
Notfallpläne bestehen, wie diese ausgestaltet sind und ob der Kanton sich
mittels Übungen bzw. Testläufen auf Szenarien vorbereitet. Seitens unseres
Berufsstandes erhalten wir zudem verschiedene Hilfsmittel, welche uns bei den
Prüfungen unterstützen. So ist beispielsweise 2027 eine Vorgabe im Zusammenhang
mit der Prüfung der Resilienz von Organisationen verpflichtend anzuwenden.
Ein
zentrales Stichwort ist das Business Continuity Management. Verschiebt sich
damit auch das Selbstverständnis der Finanzkontrolle – weg von der blossen
Fehlersuche, hin zu einer vorausschauenden Prüfung von Resilienz?
Nach
meinem Verständnis liegt unsere Aufgabe seit langem nicht mehr nur in der
blossen Fehlersuche. Wir unterstützen den Kanton aber insbesondere auch in
seiner Weiterentwicklung. Wir machen auf Risiken frühzeitig aufmerksam. Damit
versuchen wir, die Resilienz des Kantons zu stärken.
2026
prüft die Finanzkontrolle erstmals stichprobenweise die Transparenz bei der
Finanzierung von Wahl- und Abstimmungskampagnen. Erweitert das den klassischen
Auftrag Ihrer Behörde?
Ja
und Nein. Nein, weil die Prüfung für mich eher eine «klassische Kontrolle»
darstellt. Ja, weil diese seit 2026 gesetzlich legitimiert zu unseren Aufgaben
gehört und die Berichterstattung über diese Prüfung öffentlich ist. Zudem
prüfen wir nicht eine Organisation des Kantons, sondern Kampagnenführende.
Kontrolle
soll unabhängig sein, muss in der Praxis aber mit Behörden, Direktionen und
Verwaltung im Austausch bleiben. Wie gelingt dieses Gleichgewicht zwischen
Distanz und Zusammenarbeit?
Zentral,
um die Zusammenarbeit zu fördern, sind die Kommunikation und eine
lösungsorientierte Haltung. Dies bedeutet jedoch nicht, dass heikle Themen und
unterschiedliche Standpunkte nicht diskutiert bzw. angesprochen werden. Für die
Finanzkontrolle muss es oberste Prämisse sein, transparent auf Risiken und
Optimierungspotenziale hinzuweisen. Dies, um die Verwaltung und die Politik
bestmöglich bei ihren Aufgaben und Entscheidungen zu unterstützen.
Oft
sind wir die Überbringer schlechter Nachrichten, rütteln am Bewährten oder
generieren (vermeintlichen) unnötigen Aufwand. Wenn wir es schaffen,
aufzuzeigen, dass unsere Empfehlungen eine positive Wirkung haben, einen
Vorteil bzw. einen Nutzen für die geprüfte Stelle bringen, gelingt es uns auch,
den Balanceakt zwischen Distanz und Zusammenarbeit zu meistern.
Wenn
Sie ein paar Jahre vorausblicken: Woran würden Sie erkennen, dass Ihre Arbeit
als Vorsteherin wirklich Wirkung entfaltet hat – innerhalb der Verwaltung, aber
auch für das Vertrauen der Bevölkerung?
Dies
ist keine leicht zu beantwortende Frage.
Ich
wünsche mir, dass wir von der Verwaltung nicht als eine reine Kontrollinstanz
wahrgenommen werden, sondern als eine wichtige Partnerin, die einen positiven
Beitrag leistet.
Von
der Bevölkerung erhoffe ich mir, dass sie die Verwaltung als transparent
wahrnimmt und Vertrauen in sie hat. Ich denke, dann haben wir unsere Aufgabe
gut gemacht.
Liebe Frau Huber, wir danken Ihnen herzlich für
dieses Gespräch.
Zur Person:
Rot. Andrea Huber (Jg.
1984) leitet seit Januar 2026 die Finanzkontrolle des Kantons Bern. Die
diplomierte Wirtschaftsprüferin arbeitet seit 2014 für die Finanzkontrolle und
war zuvor sieben Jahre bei pwc in Bern und Thun tätig. Sie verfügt über einen
EMBA der Berner Fachhochschule und ein DAS in Law der Universität Bern. Andrea
Huber ist verheiratet, lebt im Berner Seeland und gehört seit Herbst 2025 dem
RC Lyss-Aarberg an.