Vertrauen braucht Kontrolle

Thursday, October 1, 2026

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Wer Kontrolle sagt, meint oft Misstrauen. Rot. Andrea Huber sieht das anders. Für die Vorsteherin der Finanzkontrolle des Kantons Bern ist Kontrolle kein Selbstzweck, sondern ein Mittel, um Verantwortung zu klären, Missstände früh zu erkennen und Vertrauen zu sichern. Ein Gespräch über Zahlen, Verantwortung und wirksame Aufsicht.

Frau Huber, das Wort «Kontrolle» klingt für viele nach Misstrauen. Was bedeutet Kontrolle für Sie?

Dem Begriff «Kontrolle» haftet tatsächlich ein negativer Geschmack an. Für mich sind Kontrollen etwas Positives. Ich verknüpfe das Wort eher mit «Sicherheit». Kontrollen sollen dazu beitragen, Risiken zu minimieren oder diese ganz zu eliminieren. Kontrollen dienen dazu, frühzeitig Mängel zu erkennen. Sie stellen damit die Qualität von Leistungen sicher. Sie stärken aber auch das Verantwortungsbewusstsein und last but not least stärken sie das Vertrauen.

Die Finanzkontrolle arbeitet meist im Hintergrund. Was wird an ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit am häufigsten unterschätzt?

Unterschätzt wird wohl die Vielfältigkeit unserer Aufgabe. Unsere Prozesse, also wie eine Prüfung durchzuführen ist, sind zwar standardisiert, Routine kommt dabei jedoch nicht auf. Die Leistungen des Kantons sind sehr vielfältig. Die meisten verbinden mit dem Kanton die Steuern, das Gesundheitswesen oder den öffentlichen Verkehr. Aber: Wer denkt an die Aufgaben eines Amtes für Wald und Naturgefahren, den Archäologischen Dienst, das Fischereiinspektorat oder an das Staatsarchiv? Der Service Public ist viel mehr als «Steuern».

Entsprechend benötigt es viel Engagement, Leidenschaft und Wissbegierde unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um in diesem breiten Umfeld die relevanten Prozesse zu verstehen, Optimierungspotenzial zu erkennen und auf Augenhöhe mit den kantonalen Stellen mitdiskutieren zu können.

Sie kennen die Behörde seit vielen Jahren aus dem Innern und stehen seit Anfang 2026 an ihrer Spitze. Was verändert sich, wenn man nicht mehr nur prüft, sondern die Gesamtverantwortung trägt?

Bisher lag der Fokus im Wesentlichen auf der Fachexpertise und dem Projektmanagement inklusive der Koordination und Anleitung von Teams. Der Schwerpunkt verschiebt sich jedoch von der eigenen fachlichen Leitung hin zur Verantwortung für das Team und der strategischen Ausrichtung der Finanzkontrolle. Ziele festlegen, Prioritäten setzen, Interessen abwägen und Entscheide verantworten, sind nun auch mein tägliches Brot. Ein wichtiger Fokus liegt dabei auf der Organisation und den Mitarbeitern sowie deren Entwicklung.

Ihre Prüfungen werden risikoorientiert geplant: Bereiche mit erhöhten Risiken werden enger begleitet, andere in grösseren Abständen geprüft. Wie entscheidet man, wo der Kanton besonders genau hinschauen muss?

Unsere Planung stützt sich auf mehrere Eckpfeiler: Sie basiert unter anderem auf den Erkenntnissen und Risiken der Vorjahre. Zudem berücksichtigen wir Veränderungen im Umfeld, geplante Gesetzesanpassungen, Anliegen der Verwaltungen, Hinweise von Whistleblowern sowie wesentliche Projekte oder besondere Herausforderungen einzelner Ämter. Auch die Grösse bzw. das Volumen der Finanzflüsse in den einzelnen Bereichen fliesst in die Beurteilung ein.

All dies setzt voraus, dass man den Kanton und das Umfeld gut kennt und sich über geplante Änderungen stets informiert. In der aktuell sehr schnelllebigen Zeit bedingt es zudem Flexibilität, um auf neue Trends und Entwicklungen reagieren zu können. Die vorhandenen personellen Ressourcen der Finanzkontrolle sowie die vorgegebenen Terminpläne spielen dabei die limitierenden Faktoren bezüglich der Anzahl und dem Umfang Prüfungen.

Die Finanzkontrolle legt 2026 einen Schwerpunkt auf das Krisenmanagement. Was heisst gute Kontrolle in einer Zeit, in der Verwaltungen nicht nur finanziellen, sondern auch digitalen und operativen Risiken ausgesetzt sind?

Die heutige Zeit lehrt uns «nichts ist unmöglich». Entsprechend muss sich der Kanton auf Umstände vorbereiten, welche teilweise auch ausserhalb der Vorstellungkraft liegen. Oder wer hätte sich jemals vorstellen können, dass ein Virus die ganze Welt lahmlegt? Ich erachte es als wichtig, dass sich der Kanton solche Gedanken macht und Massnahmen daraus ableitet, auch wenn genau ein bestimmtes gedanklich durchgespielte Szenario vermutlich nie eintreffen wird. Es benötigt definierte Szenarien mit festgelegten Kontrollen, Abläufe und Massnahmen, die im Krisenfall abgerufen werden können, ohne die Arbeitsabläufe unnötig zu erschweren.

In einer Medienmitteilung war von Cyberangriffen, Systemausfällen und grossen Schadenereignissen die Rede. Wie prüft man eigentlich, ob ein Kanton für solche Krisen wirklich gerüstet ist?

Wir prüfen, ob der Kanton die Risiken analysiert und welche Schlussfolgerungen und Massnahmen er daraus ableitet. Dies beinhaltet beispielsweise die Frage, ob Notfallpläne bestehen, wie diese ausgestaltet sind und ob der Kanton sich mittels Übungen bzw. Testläufen auf Szenarien vorbereitet. Seitens unseres Berufsstandes erhalten wir zudem verschiedene Hilfsmittel, welche uns bei den Prüfungen unterstützen. So ist beispielsweise 2027 eine Vorgabe im Zusammenhang mit der Prüfung der Resilienz von Organisationen verpflichtend anzuwenden.

Ein zentrales Stichwort ist das Business Continuity Management. Verschiebt sich damit auch das Selbstverständnis der Finanzkontrolle – weg von der blossen Fehlersuche, hin zu einer vorausschauenden Prüfung von Resilienz?

Nach meinem Verständnis liegt unsere Aufgabe seit langem nicht mehr nur in der blossen Fehlersuche. Wir unterstützen den Kanton aber insbesondere auch in seiner Weiterentwicklung. Wir machen auf Risiken frühzeitig aufmerksam. Damit versuchen wir, die Resilienz des Kantons zu stärken.

2026 prüft die Finanzkontrolle erstmals stichprobenweise die Transparenz bei der Finanzierung von Wahl- und Abstimmungskampagnen. Erweitert das den klassischen Auftrag Ihrer Behörde?

Ja und Nein. Nein, weil die Prüfung für mich eher eine «klassische Kontrolle» darstellt. Ja, weil diese seit 2026 gesetzlich legitimiert zu unseren Aufgaben gehört und die Berichterstattung über diese Prüfung öffentlich ist. Zudem prüfen wir nicht eine Organisation des Kantons, sondern Kampagnenführende.

Kontrolle soll unabhängig sein, muss in der Praxis aber mit Behörden, Direktionen und Verwaltung im Austausch bleiben. Wie gelingt dieses Gleichgewicht zwischen Distanz und Zusammenarbeit?

Zentral, um die Zusammenarbeit zu fördern, sind die Kommunikation und eine lösungsorientierte Haltung. Dies bedeutet jedoch nicht, dass heikle Themen und unterschiedliche Standpunkte nicht diskutiert bzw. angesprochen werden. Für die Finanzkontrolle muss es oberste Prämisse sein, transparent auf Risiken und Optimierungspotenziale hinzuweisen. Dies, um die Verwaltung und die Politik bestmöglich bei ihren Aufgaben und Entscheidungen zu unterstützen.

Oft sind wir die Überbringer schlechter Nachrichten, rütteln am Bewährten oder generieren (vermeintlichen) unnötigen Aufwand. Wenn wir es schaffen, aufzuzeigen, dass unsere Empfehlungen eine positive Wirkung haben, einen Vorteil bzw. einen Nutzen für die geprüfte Stelle bringen, gelingt es uns auch, den Balanceakt zwischen Distanz und Zusammenarbeit zu meistern.

Wenn Sie ein paar Jahre vorausblicken: Woran würden Sie erkennen, dass Ihre Arbeit als Vorsteherin wirklich Wirkung entfaltet hat – innerhalb der Verwaltung, aber auch für das Vertrauen der Bevölkerung?

Dies ist keine leicht zu beantwortende Frage.

Ich wünsche mir, dass wir von der Verwaltung nicht als eine reine Kontrollinstanz wahrgenommen werden, sondern als eine wichtige Partnerin, die einen positiven Beitrag leistet.

Von der Bevölkerung erhoffe ich mir, dass sie die Verwaltung als transparent wahrnimmt und Vertrauen in sie hat. Ich denke, dann haben wir unsere Aufgabe gut gemacht.

Liebe Frau Huber, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch.

Zur Person:

Rot. Andrea Huber (Jg. 1984) leitet seit Januar 2026 die Finanzkontrolle des Kantons Bern. Die diplomierte Wirtschaftsprüferin arbeitet seit 2014 für die Finanzkontrolle und war zuvor sieben Jahre bei pwc in Bern und Thun tätig. Sie verfügt über einen EMBA der Berner Fachhochschule und ein DAS in Law der Universität Bern. Andrea Huber ist verheiratet, lebt im Berner Seeland und gehört seit Herbst 2025 dem RC Lyss-Aarberg an.

Rot. Andrea Huber leitet seit Januar 2026 die Finanzkontrolle des Kantons Bern