Wenn PDG Remo Hediger von seinem Leben erzählt, entsteht kein sauber
abgehefteter Karriereordner. Da tauchen Fabriken im Aargau auf, ein Chanson von
Édith Piaf, Liechtensteiner Finanzwelten, vier neue Rotary Clubs in einem
einzigen Jahr – und immer wieder die Frage, was ein Mensch im Griff haben
sollte und was besser nicht.
Wer Remo Hediger reden
hört, landet nicht zuerst bei Zahlen. Man landet bei einem Lied. Bei Édith
Piaf, genauer gesagt bei «Milord», das ihn als jungen Mann am Radio
elektrisierte. Arm und Reich, Trost und Traurigkeit, Schwere und Schwung – er
erinnert sich daran mit einer Genauigkeit, die mehr verrät als manche
Berufsbezeichnung. Dieser Mann, dessen rotarische Klassifikation «Controlling»
lautet, war nie bloss Verwalter von Kolonnen und Kennzahlen. Er hatte sein
Leben lang mit Ordnung zu tun, ja. Aber eben auch mit Zwischentönen.
Vielleicht ist genau das
das Interessante an ihm. «Kontrolle» klingt schnell nach Strenge, nach
Korrekturstift, nach einem Menschen, der zuerst den Fehler sieht. Bei Remo
Hediger bekommt das Wort einen anderen Klang. Eher den eines Versprechens:
Einer schaut hin. Einer übernimmt Verantwortung. Einer sorgt dafür, dass Dinge
nicht aus dem Ruder laufen. Und weil Hediger 1941 geboren wurde, weil er viel
gesehen, viel erlebt, viel entschieden hat, liegt in diesem Blick heute eine
Gelassenheit, die sich nicht antrainieren lässt. Man hat sie – oder man erwirbt
sie sich über Jahrzehnte.
Als er im April im «Löwen»
seinen Clubfreunden aus seinem Leben erzählte, stand dort keiner am
Vortragspult, der sich selbst zur Institution erklärt. Keine jener Figuren, die
aus einer langen Laufbahn eine kleine Führung durchs eigene Museum machen.
Hediger sprach leicht, anschaulich, mit Witz und klaren Bildern. Über Reinach
im Aargau, wo er aufwuchs, in einer Welt aus Fabriken, Arbeitsethos und
Alltagstüchtigkeit. Über frühe kleine Geschäfte, bei denen er lernte, dass
Knappheit den Preis verändert. Über Gartenarbeit, Delegation, Kalkulation. Das
klingt fast heiter – und ist doch eine frühe Schule des ökonomischen Denkens.
Einer merkt schon als Bub, dass Wert nicht abstrakt entsteht, sondern aus
Verhältnissen, aus Angebot, Nachfrage und Verlässlichkeit.
Aus diesem wachen Jungen
wurde später ein Mann, der Strukturen verstand, bevor andere sie benennen
konnten. Banklehre, Weiterbildung neben dem Beruf, eidgenössisch diplomierter
Controller, diplomierter Wirtschaftsprüfer: Das ist die sachliche Seite. Die andere
ist, dass dieser Weg nie geschniegelt wirkt, sondern erarbeitet. Auch Liliane
hat darin ihren Platz. Remo Hediger sagt es ohne jedes Pathos: Vieles wäre ohne
seine liebe Gattin nicht möglich gewesen. Mehr braucht es eigentlich nicht. In
seiner Knappheit sagt dieser Satz alles.
Beruflich führte ihn der
Weg dorthin, wo Kontrolle aufhört, ein abstrakter Begriff zu sein, und sehr
konkret wird. LGT, Revisionsaufbau, Geschäftsleitung, Generaldirektion,
Stiftungswelt, Fürstenhaus, internationale Vermögensstrukturen,
Verwaltungsratsmandate, Beratung, Familienunternehmen, Governance,
Rekonstruktionen, Bewertungen: Das alles liest sich leicht wie die Karriere
eines Mannes, der Zahlen liebt. Wahrscheinlicher ist: Er liebt Klarheit. Zahlen
waren für ihn nie Selbstzweck, sondern Mittel. In seiner Welt ging es nicht nur
darum, ob etwas rechnerisch stimmt. Es ging darum, ob ein Unternehmen tragfähig
ist, ob Macht sauber organisiert ist, ob Verantwortung dort liegt, wo sie
hingehört.
Klarheit statt Kontrolle um der Kontrolle willen
Gerade in
Familienunternehmen, einem seiner Spezialgebiete, zeigt sich das besonders
deutlich. Familienunternehmen sind selten bloss ökonomische Gebilde. In ihnen
lagern Besitz, Geschichte, Stolz, Konflikte, Hoffnungen und oft genug
ungeklärte Nachfolgefragen. Wer dort Ordnung schaffen will, braucht mehr als
Fachwissen. Er braucht Menschenkenntnis. Er muss spüren, wann ein System
Führung nötig hat, wann Regeln – und wann vor allem Takt. Gerade darin liegt
wohl eine von Hedigers eigentlichen Stärken: Kontrolle nicht als
Machtdemonstration zu verstehen, sondern als Dienst an der Stabilität.
Womöglich erklärt das
auch, weshalb Remo Hedigers Biografie nie kalt wirkt. Selbst dort nicht, wo sie
institutionell wird. Er erzählt von der Stiftung Fürst von Liechtenstein, von
grossen Vermögen, von Sammlungen, Domänen, internationalen Gremien, von hoher
Verantwortung und engem Takt. Und man spürt dabei weniger den Glanz der Namen
als das Gewicht der Aufgabe. Kontrolle heisst in solchen Zusammenhängen eben
nicht, irgendwo am Rand einen roten Kreis zu setzen. Sie heisst, Komplexität
auszuhalten und trotzdem den Überblick zu bewahren.
Noch deutlicher wird das
bei Rotary. 1986 trat Remo Hediger dem RC Liechtenstein bei. Schon das war
nicht ganz spannungsfrei; über die Aufnahme eines «Ausländers» in diesen Club
wurde damals heftig diskutiert. Später wurde er Governor des Distrikts 2000, im
rotarischen Jahr 2002/03. Vier Clubs gründete er in dieser Zeit – ein Rekord,
den es in dieser Form in der Schweiz noch nicht gegeben hatte. Dazu kam eine
weitere Besonderheit: Bei der bislang einzigen zweitägigen Distriktskonferenz,
die zur Halbzeit seines Governorjahres im Januar 2003 in Liechtenstein
stattfand, waren 425 Teilnehmer zugegen; alle 69 Clubs des Distrikts waren mit
stattlichen Delegationen dabei. Solche Zahlen laden zum Schulterklopfen ein.
Hediger erzählt auch das anders. Eher als ernstgenommene Aufgabe, denn als
Triumph. Tag und Nacht habe er damals gearbeitet, die Belastung sei «brutal»
gewesen. Hinter dem Erfolg steht bei ihm keine Pose des Machers, sondern das
Bild eines Mannes, der eine Tätigkeit ernst nimmt und sie durchzieht.
Und auch zu diesem Kapitel
gehört Liliane. Sie habe ihm, sagt er, sein Leben lang den Rücken freigehalten.
In seinem Governorjahr, wenn er spät von Rotary-Terminen nach Hause kam, setzte
sie sich mitunter noch um Mitternacht mit ihm hin, um etwas abzutippen. Kein
grosses Aufheben, kein Denkmal, keine Heldenpose. Eher ein Detail, das sehr
viel erklärt.
Ein Leben zwischen Verantwortung und Weitblick
Doch ein Text über Remo
Hediger wäre unvollständig, bliebe er bei Beruf und Rotary stehen. Da ist auch
die andere Seite dieses Mannes: die Familie. Vier Kinder, elf Enkel,
Einzelbesuche, bewusst gepflegte Gespräche mit den Jüngeren. Man hört ihm an,
dass ihn diese Nähe erfüllt. Auch das Reisen gehört dazu, der weite Blick, die
Lust an der Welt. China schon vor dreissig Jahren, Saudi-Arabien, Armenien und
vieles mehr. Und plötzlich steht im selben Portrait, ganz selbstverständlich,
auch Filetgulasch Stroganoff, verbunden mit einer frühen Zeit in Lausanne, als
nicht viel Geld da war, dafür aber Erinnerungen, die blieben. Dazu ein Glas
Rotwein. Gerade diese Details retten den Text davor, aus Remo Hediger bloss
eine Funktionsbiografie zu machen. Er will Mensch bleiben – und bleibt es auch.
Was also ist Kontrolle,
wenn man Remo Hediger danach fragt? Vermutlich nicht das, was dieses Wort im
Alltag oft meint. Nicht Misstrauen, nicht Kleinlichkeit, nicht die Lust am
Reglement. Eher eine Form von Fürsorge für das System. Eine Bereitschaft, genau
hinzuschauen, weil Verantwortung ohne Übersicht leicht zur Behauptung wird. Und
vielleicht auch dies: die Einsicht, dass man im Leben vieles gestalten, manches
steuern, aber längst nicht alles beherrschen kann.
Gerade deshalb passt Remo
Hediger so gut in einen Schwerpunkt über Kontrolle. Weil er sie nicht
verkörpert wie ein Dogma, sondern wie eine reife Praxis. Weil er Ordnung nie
mit Härte verwechselt hat. Und weil sich in seiner Person zeigt, dass die
besten Kontrolleure oft jene sind, die den Menschen allzeit im Blick behalten.
Zur Person
Remo Hediger (Jg. 1941) ist
Finanzexperte, Unternehmer und langjähriger Rotarier des RC Liechtenstein. Nach
einer Banklehre liess er sich zum eidgenössisch diplomierten Controller und
diplomierten Wirtschaftsprüfer ausbilden. Er war unter anderem Managing
Director einer internationalen Treuhand- und Auditgesellschaft, Controller der
Prince of Liechtenstein Foundation und General Manager innerhalb der
LGT-Gruppe. 1991 gründete er in Schaan R. Hediger Consulting. Seit 1986 ist er Rotarier; 2002/03 amtierte er als
Governor des Distrikts 2000. Gemeinsam mit seiner Frau Liliane hat Remo Hediger
vier Kinder und elf Enkel.