Rotarischer Gastbeitrag: Das Marmeladenbrot-Prinzip

Thursday, October 1, 2026

Rot. Dolf Stockhausen & vmn

Murphys Gesetz wirkt auf den ersten Blick wie ein geistreicher Scherz, doch beschreibt bei näherem Hinsehen eine Grunderfahrung des Lebens: Kontrolle ist nötig, aber sie gelingt niemals vollständig.

Es gibt im Leben Begebenheiten, die in ihrer Regelmässigkeit einen Verdacht nähren. Etwa den, dass die Welt sich keineswegs so zufällig verhält, wie man uns zuweilen glauben machen möchte. Ist Ihnen zum Beispiel schon einmal aufgefallen, dass es zuverlässig dann zu regnen beginnt, wenn das Auto frisch gewaschen ist? Ist es Ihnen schon geschehen, dass Sie einen Vortrag halten wollten und erst am Rednerpult bemerkten, dass Sie zwar ein Manuskript dabeihatten, nur leider das falsche? Oder dass Sie geschniegelt und gestriegelt zum Check-in erscheinen, nur um dort zu erfahren, dass das Ticket auf den vorhergehenden Tag ausgestellt war?

Auch im kleineren Massstab zeigt die Welt eine bemerkenswerte Konsequenz. Das Telefon klingelt bevorzugt dann, wenn man gerade in der Badewanne sitzt. Die Weinflasche oder, noch empfindlicher, das Whiskyglas ist mit Vorliebe in dem Augenblick leer, in dem die Katze sich auf dem Schoss eingerichtet hat. Und neue, teure Krawatten scheinen auf Tomatensaft und Bratensauce eine nahezu magnetische Wirkung auszuüben.

Das verräterische Zucken von Mund- und Augenwinkeln beim Lesen legt nahe, dass hier eine Erfahrung berührt ist, die beinahe jeder aus eigener Anschauung kennt. Der nächste Verdacht drängt sich auf: dass hinter alledem womöglich eine Gesetzmässigkeit steht. Und tatsächlich: Eine solche gibt es. Gemeint ist, selbstverständlich, Murphys Gesetz.

Sein klassischer Wortlaut lautet: «If anything can go wrong, it will.» In deutscher Schlichtheit: Wenn irgendetwas schiefgehen kann, dann wird es das tun. Das ist von entwaffnender Einfachheit – und enthält doch mehr Weltweisheit, als zunächst sichtbar wird. Murphy liefert keinen blossen Kalauer. Er formuliert eine Grunderfahrung des menschlichen Daseins: dass die Dinge sich nur in beschränktem Masse unserem Wunsch nach Ordnung, Übersicht und Kontrolle fügen.

Murphys Gesetz ist benannt nach dem amerikanischen Captain Edward Murphy, der es 1949 im Umfeld von Flugzeugabsturzversuchen auf der Edwards Air Force Base in Kalifornien formulierte. Man mag darüber schmunzeln, dass ausgerechnet in einer Umgebung höchster technischer Präzision ein Satz geboren wurde, der die Macht des Schiefgehens so lakonisch beschreibt. Doch liegt darin bereits seine ganze Wahrheit. Denn je grösser das Bemühen um Beherrschung, desto deutlicher tritt ans Licht, wie begrenzt diese Beherrschung in Wahrheit ist.

Die Murphologie und ihr stiller Realismus

Im Laufe der Zeit ist aus Murphys Kernsatz ein ganzes Gebäude von Folgesätzen, Nebengesetzen und Lebensregeln entstanden. Deren Gesamtheit ist unter dem schönen Namen «Murphologie» bekannt geworden. Der Ausdruck klingt nach einer gelehrten Disziplin – und in gewisser Weise ist er das auch.

Zum Kernbestand gehören Sätze von bestechender Klarheit: Nichts ist so leicht, wie es aussieht. Alles braucht länger, als man denkt. Jede Problemlösung birgt neue Probleme. Und vollkommen narrensicher lässt sich bekanntlich nichts machen, weil die Narren in dieser Hinsicht eine eigentümliche Genialität entwickeln.

Man kann diese Sätze als Witze nehmen. Man bliebe damit allerdings unter ihren Möglichkeiten. Denn sie sprechen nicht bloss von kleinen Missgeschicken, sondern vom Menschen überhaupt. Der Mensch plant, kalkuliert, ordnet, baut Fristen, Sicherungen und Reserven ein, versieht das Leben mit Checklisten, Handbüchern und Zuständigkeiten – und muss dann doch immer wieder erfahren, dass die Wirklichkeit sich ihre Freiheit bewahrt. Murphys Gesetz ist deshalb nichts weniger als eine ironische Theorie der Grenzen menschlicher Kontrolle.

Schon der Alltag liefert dafür Anschauungsmaterial in Hülle und Fülle. Ein Marmeladenbrot fällt bekanntlich vorzugsweise auf die bestrichene Seite. Die Tüte, die beim Einkauf reisst, ist im Zweifel immer die mit den Eiern. Und dass ein Kind nie auf einen schmutzigen Boden kleckert, sondern ausschliesslich auf einen sauberen, gehört in denselben Erfahrungskreis. Gerade in diesen kleinen Zumutungen zeigt sich, wie hartnäckig die Welt unserer Vorstellung von einem glatten Ablauf widersteht.

Es ist ja keineswegs so, dass der Mensch im Alltag gar keine Kontrolle hätte. Aber seine Kontrolle ist brüchig, vorläufig und störanfällig. Sie ähnelt einem sorgfältig gefalteten Plan, den die Wirklichkeit mit sichtlichem Vergnügen zerknittert.

Der moderne Mensch hält gleichwohl grosse Stücke auf Kontrolle. Er misst, prüft, überwacht, optimiert und sichert ab. Er zählt Schritte, Kalorien, Schlafphasen, Renditen und Risiken. Er verfasst Protokolle, baut Frühwarnsysteme, formuliert Leitlinien und vertraut darauf, dass man die Dinge im Griff haben müsse, wenn man sich nur hinreichend bemüht. Murphy ist die ebenso trockene wie tröstliche Erinnerung daran, dass dieses Bemühen zwar ehrenwert, sein Erfolg aber begrenzt ist.

Gerade darin liegt die bleibende Aktualität des Gesetzes. Denn Murphy herrscht keineswegs nur im Haushalt, auf Reisen oder bei der Garderobe. Er entfaltet sein Walten ebenso in Wissenschaft, Technik, Verwaltung und Gesellschaft.

In der Wissenschaft zeigt sich immer wieder, dass der Weg zur Wahrheit keineswegs gradlinig verläuft. Winston Churchill hat den Erkenntnisprozess einmal mit jener ihm eigenen Präzision beschrieben: Der Mensch stolpere gelegentlich über die Wahrheit; in den meisten Fällen richte er sich jedoch wieder auf und gehe weiter seines Weges. Wissenschaft ist eben nicht nur die Geschichte grosser Einsichten, sondern auch die von Irrtümern, Fehlannahmen und Messfehlern.

Nicht anders steht es mit der Technik. Gerade dort, wo alles bis ins Kleinste berechnet, montiert, gesichert und getestet wird, zeigt sich, dass Zusammengesetztes früher oder später wieder auseinanderfällt. Was bis an seine Leistungsgrenze beansprucht wird, geht kaputt. Wer je versucht hat, etwas zu reparieren, kennt die stille Bosheit solcher Zusammenhänge.

Besonders schön freilich entfaltet sich Murphys Wirken im Bereich von Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft. Dort begegnet er uns in Ausschüssen, Kommissionen, Gremien und Konferenzen – also in jenen Einrichtungen, mit deren Hilfe der Mensch kollektive Kontrolle über komplexe Verhältnisse zu gewinnen sucht. Hier gilt bekanntlich: Jedes einfache Problem wird unlösbar, wenn es nur auf genügend Konferenzen diskutiert wird. Die Effizienz einer Sitzung verhält sich umgekehrt proportional zur Zahl der Teilnehmer und zur Dauer der Sitzung.

Darin steckt mehr als bloss Spott. Die Verwaltung der Welt folgt eben nicht allein der Vernunft, sondern auch der Trägheit, dem Ritual und der menschlichen Neigung, Entscheidungen aufzuschieben, wenn sie unerquicklich werden könnten. Kontrolle ist auch hier möglich, aber niemals rein. Sie bleibt notwendig – und unvollkommen.

Die Ethik des Unvollkommenen

Das führt zu einer Einsicht, die über Murphy hinausweist. Kontrolle ist eines der grossen Leitwörter der Moderne. Wir verbinden mit ihr Sicherheit, Verlässlichkeit, Verantwortlichkeit und Ordnung. Und gewiss: Ohne Kontrolle wäre weder ein Gemeinwesen denkbar noch ein Unternehmen, weder Wissenschaft noch Recht, weder Erziehung noch Verkehr. Doch die Vorstellung vollständiger Kontrolle ist und bleibt eine Illusion. Nicht weil der Mensch zu wenig plant, sondern weil das Leben mehr Variablen enthält, als irgendein Plan fassen kann.

Darin liegt freilich kein Anlass zur Resignation. Im Gegenteil. Murphys eigentliche Grösse besteht gerade darin, dass er aus dieser Einsicht keine Verzweiflung, sondern Gelassenheit gewinnt. Wer glaubt, die Welt müsse sich vernünftig verhalten, ist über jedes Missgeschick empört. Wer Murphy verstanden hat, wird vorsichtiger in seinen Erwartungen – und dadurch freier.

Deshalb wäre es verfehlt, Murphy schlicht dem Pessimismus zuzuschlagen. Der Pessimist fürchtet fortwährend das Schlimmste. Der Anhänger Murphys hingegen weiss lediglich, dass das Schiefgehen zur Grundausstattung des Lebens gehört. Und er zieht daraus keine düstere Weltverachtung, sondern eine Form heiteren Realismus.

In diesem Sinne besitzt Murphys Gesetz, bei aller Ironie, sogar eine gewisse Ethik. Sie lässt sich mit einem seiner hübscheren Sätze umschreiben: Sei fröhlich – morgen kommt es noch schlimmer. Das ist weniger nihilistisch, als es klingt. Es ist vielmehr eine Einladung, sich nicht von jeder Störung aus der Fassung bringen zu lassen und die eigenen Steuerungsansprüche mit einer gewissen Bescheidenheit zu betrachten.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Murphy vom Bonmot zur Lebensklugheit wird. Er entzieht dem Menschen nichts, was dieser je wirklich besessen hätte. Er raubt ihm lediglich die Illusion, Vollkommenheit, lückenlose Kontrolle und störungsfreie Abläufe seien der Normalzustand. Wer diese Illusion aufgibt, verliert wenig – und gewinnt nicht selten an Beweglichkeit, Humor und innerer Ruhe.

Denn am Ende bleibt es ja dabei: Das Telefon wird weiterhin im unpassenden Augenblick klingeln. Die Sosse wird mit Vorliebe dort landen, wo sie nicht hingehört. Das richtige Werkzeug wird sich gerade dann nicht finden lassen, wenn man es dringend braucht. Es hat keinen Sinn, darüber in Weltzorn zu geraten. Man darf es mit Fassung tragen – und, wenn möglich, mit einem Lächeln.

So betrachtet ist Murphy nicht der Feind der Vernunft, sondern ihr diskreter Verbündeter. Er erinnert uns daran, dass Klugheit nicht darin besteht, alles im Griff zu haben, sondern zu wissen, dass man nicht alles im Griff haben kann. Ist das nicht sogar die reifere Form von Kontrolle: nicht die Herrschaft über die Welt, sondern die Gelassenheit angesichts ihrer Widerstände?

Und so könnte man, mit einem letzten Blick auf die kleinen Dramen des Alltags, versucht sein zu sagen: Murphy war, bei genauerer Betrachtung, kein Pessimist. Er war ein Optimist mit Erfahrung.

Dieser Essay entstand auf Basis eines Vortrags, den Rot. Dolf Stockhausen im April 2020 in seinem Rotary Club hielt.

Zur Person

Dr. Dolf Stockhausen (Jg. 1945) wuchs in Krefeld auf. Nach dem Studium der Rechts- und Staatswissenschaften sowie einem internationalen Traineeprogramm bei Bayer wechselte er in das Familienunternehmen in der Chemiebranche, das sich unter seiner Führung zum Weltmarktführer entwickelte. Später engagierte er sich unter anderem bei der Süd-Chemie AG und im Verwaltungsrat von Clariant. Seine rotarischen Wurzeln liegen in Krefeld, wo er 22 Jahre lang dem örtlichen Club angehörte. Es folgten zwölf Jahre im RC Graz-Neutor, ehe Stockhausen 2012 zum RC Stans wechselte. Heute ist er in beiden Clubs zu Hause: in Stans und – dank der inzwischen möglichen Doppelmitgliedschaft – erneut in Graz-Neutor. Stockhausen lebt mit seiner Ehefrau Maria («Ia») in Hergiswil. Zuletzt sorgte er mit «Seven Seals» in der internationalen Whiskyszene für Aufsehen.

Das Marmeladenbrot-Prinzip symbolisiert Murphys Gesetz. (Foto: AI)