Wie gewinnt man die Kontrolle über seine Bewegungen zurück, ohne sie bewusst steuern zu wollen? Ein Gespräch über ein scheinbar widersprüchliches Thema mit der Rotarierin Aline Grandjean, Physiotherapeutin, Leiterin des Gesundheitszentrums Châtel und Pilates-Trainerin.
Aline, was bedeutet es für eine Physiotherapeutin, „die Kontrolle über den eigenen Körper zurückzugewinnen“?
Der Begriff „Kontrolle“ lässt uns sofort an die motorische Kontrolle denken, also an die Fähigkeit des Nervensystems, eine Bewegung im Raum zu koordinieren, zu planen und zu organisieren. Das ist wirklich die Grundlage unseres Berufs. In der Schweiz spricht man von Physiotherapie, in anderen Ländern hingegen von Kinesiotherapie, also von Bewegungstherapie. Und genau das ist unser Ziel: dem Körper zu ermöglichen, seine Bewegungsfreiheit wiederzuerlangen.
Woran erkennt man, dass ein Patient die Kontrolle über seine Bewegungen zurückgewinnt?
Wenn ein Patient den vollen Bewegungsumfang wiedererlangt, ohne darüber nachdenken zu müssen! Wer keine Schmerzen hat, denkt nicht nach, bevor er sich bewegt. Ein Patient hat die Kontrolle über seine Bewegung wirklich wiedererlangt, wenn er sie auf natürliche und spontane Weise ausführt, ohne Angst. Es ist diese Leichtigkeit, die wir zurückgewinnen wollen.
Wie begleiten Sie Menschen, die ihren Körper überfordern, um ihre Schmerzen unter Kontrolle zu bringen?
Im Grunde ist es normal, seine Schmerzen und seine Genesung kontrollieren zu wollen. Aber wenn ein Patient zu schnell vorprescht, läuft er Gefahr, Kompensationsmechanismen zu entwickeln, also Bewegungen, die nicht zum optimalen Bewegungsmuster gehören. Er wird dann andere Muskeln beanspruchen, um eine Bewegung ausführen zu können. Der Körper braucht Zeit, um seine natürliche Funktionsweise wiederzufinden. Vor allem, wenn bestimmte Gewohnheiten schon lange fest verankert sind. Manchmal glauben wir, unserem Körper Erleichterung zu verschaffen, während wir in Wirklichkeit die Schmerzen aufrechterhalten. Diese Strategien aufzubrechen und diese Gewohnheiten zu ändern, braucht Zeit.
Wie gehen Sie mit den Frustrationen um, die mit den Grenzen des Körpers verbunden sind?
Als Physiotherapeutin übernehme ich auch eine echte Rolle als Gesundheitscoach. Es ist wichtig, einen klaren und präzisen Rahmen vorzugeben, mit einzelnen Schritten, um den Patienten sicher zu machen, der seinerseits Geduld zeigen muss. Wenn der verletzte Körperbereich noch nicht in die Rehabilitation einbezogen werden kann, schlage ich ergänzende Übungen vor, denn meiner Meinung nach ist es wichtig, den Körper als Ganzes zu betrachten. Eine Verletzung erfordert nicht nur die Arbeit an der betroffenen Stelle, sondern auch an der gesamten Körperhaltung und den damit verbundenen Bewegungen. Meine Aufgabe besteht insbesondere darin, Frustrationen abzubauen, indem ich dem Patienten die tatsächlichen Fortschritte aufzeige, zum Beispiel durch den Vergleich der Reichweite der Bewegungen. Er ist sich seiner eigenen Fortschritte nicht unbedingt bewusst, da es für ihn letztendlich normal ist, eine Bewegung wieder ausführen zu können, die er zuvor täglich gemacht hat.
Sehen Sie Patienten, bei denen die Angst den Fortschritt stärker bremst als die Verletzung selbst?
Ja, sogar sehr oft. Ich unterscheide zwei Arten von Angst. Einerseits gibt es die Angst vor der Bewegung bei einem frisch verletzten oder operierten Patienten. Diese Angst ist normal. Wenn sie mit Schmerzen einhergeht, muss sie uns als Schutzmechanismus dienen. Aber wenn keine Schmerzen vorliegen, müssen wir den Patienten dabei unterstützen, diese Angst zu überwinden. Andererseits gibt es den chronisch Schmerzgeplagten, der eine „Kinesiophobie“ entwickelt, also die Angst vor Bewegung. Man muss ein starkes Vertrauensverhältnis zum Patienten aufbauen, ihm zuhören, ihm aber auch klarmachen, dass die Angst ihm nicht hilft: Im Gegenteil, sie kann seine Rehabilitation beeinträchtigen. Diese Hemmung kann sich dann in eine Art Überprotektion des betroffenen Körperbereichs verwandeln, was zu Steifheit führen kann – genau das Gegenteil von dem, was wir in der Physiotherapie anstreben.
Wie gehen Sie mit dieser Dimension um?
Ich erkläre dem Patienten, welcher Mechanismus sich in seinem Körper eingestellt hat. Der Schmerz tritt an einer bestimmten Stelle auf und ist sehr real, aber die Ursache kann woanders liegen. Man hat es dann mit sogenannten ausstrahlenden Schmerzen zu tun. Das Ziel ist es, den Ursprung des Schmerzmechanismus zu finden. Manche Schmerzen haben einen emotionalen und keinen mechanischen Ursprung. Ich bin keine Psychologin und würde mir nicht herausnehmen, an die Stelle von Spezialisten zu treten, aber ich kann den Patienten darauf aufmerksam machen und ihn ermutigen, andere Aspekte in seinem Leben zu erkunden. Körper und Geist funktionieren nicht getrennt voneinander.
Ist Kontrolle immer gleichbedeutend mit Heilung?
Kontrolle ist tatsächlich ein Teil der Rehabilitation. Sie ist ein wesentlicher Schritt, aber vor allem ein Schritt, den man überwinden muss, um eben nicht mehr in der Kontrolle zu sein – jedenfalls nicht in der kognitiven Kontrolle. Denn diese Art der Kontrolle geht oft mit einer gewissen Starrheit einher, und genau das wollen wir vermeiden. Das Endziel ist, dass die Bewegung wieder automatisch, fliessend und natürlich wird, bis der Patient nicht mehr darüber nachdenken muss.
Welchen Stellenwert hat die Psyche bei der Genesung?
Einen entscheidenden. Der Patient muss wirklich aktiv am Prozess beteiligt sein und den Wunsch haben, seine Rolle zu spielen. Es ist sehr schwierig, mit jemandem ein Ergebnis zu erzielen, der nicht an die Therapie glaubt oder sich nicht betroffen fühlt. Das Vertrauensverhältnis zwischen Therapeut und Patient ist daher unerlässlich. Als Therapeutin gebe ich Tipps, um voranzukommen und zu genesen, aber es liegt am Patienten, die Übungen durchzuführen, auf seinen Körper zu hören und sich für seine Genesung einzusetzen.
Ist es manchmal schwer zu akzeptieren, dass eine Behandlung nicht die erhofften Ergebnisse bringt?
Sicher. Vor allem bei chronischen Schmerzen, die schon sehr lange bestehen und bei denen man die Ursache nicht ausfindig machen kann. Das ist furchtbar frustrierend, sowohl für den Patienten als auch für den Therapeuten. Manchmal überweisen wir Patienten auch an Kollegen aus anderen Fachbereichen, wie Osteopathie oder Ernährungsberatung. Seine eigenen Grenzen zu erkennen und bescheiden zu bleiben, gehört ebenfalls zu unserem Beruf.
Sportler streben vermutlich eine andere Körperbeherrschung an als andere Patienten?
Und wie! Es ist, als hätten sie ein zehnmal besser entwickeltes Nervensystem und eine zehnmal bessere motorische Kontrolle. Bei ihnen haben wir es mit Feinmechanik zu tun, mit höchster Präzision. Sie müssen in der Lage sein, eine Bewegung hunderte Male identisch zu wiederholen. Das geringste Ungleichgewicht oder die kleinste Kompensation kann Auswirkungen auf die Leistung haben oder eine Verletzung verursachen.
Kann das Streben nach Leistung kontraproduktiv sein?
Ja, wenn man die Signale, die uns unser Körper sendet, nicht ernst nimmt, kann man so lange weitermachen, bis man ihm Schaden zufügt. Es ist alles eine Frage des richtigen Masses und des Gleichgewichts. Spitzensportler werden von einem Team aus Trainern begleitet, die sie bei ihrer Leistung unterstützen, aber auch von Physiotherapeuten und Masseuren, die insbesondere darauf bedacht sind, die Muskelentspannung zu fördern und Verletzungen zu vermeiden. Prävention ist daher von entscheidender Bedeutung, und das gilt nicht nur für Sportler, sondern für jeden. Meine Aufgabe als Physiotherapeutin besteht auch darin, den Körper zu stärken, um gegen Verletzungen zu wirken. Aus diesem Grund gebe ich Unterricht in Pilates, einer Methode, von der ich begeistert bin. Sie fördert die Körperhaltung durch die Stärkung des „Zentrums“, der Atmung, der Bewegungsabläufe sowie der Kontrolle und Präzision der Bewegungen. Wenn es gelingt, dieses Gleichgewicht und diese Harmonie im Alltag anzuwenden, ohne darüber nachdenken zu müssen, ist das Ziel erreicht! Dann kehren wir zu dieser ursprünglichen Idee zurück: Sich so weit zu kontrollieren, dass man letztendlich gar nicht mehr kontrollieren muss.
Bevor wir uns verabschieden: Welchen Platz nimmt Rotary in Ihrem Leben ein?
Rotary ist für mich ein bisschen wie eine Familie. Dort kann ich über meine Sorgen sprechen und mich auf ein Team verlassen. In meinem Club, dem RC Châtel St-Denis, spüre ich eine echte Solidarität unter den Mitgliedern und habe dort seit meinem Beitritt im Jahr 2019 enge Freundschaften geschlossen. Was mir besonders gefällt, ist der Generationenmix. Zu einer Gruppe zu gehören, die sowohl global als auch lokal handelt, berührt mich sehr, insbesondere in meinem Bereich, dem Gesundheitswesen. Rotary ist ein wichtiger Akteur im Bereich der Gesundheit. Ich bin auch sehr beeindruckt von der Arbeit der Stiftung „mine-ex“ und könnte mir gut vorstellen, mich dort eines Tages persönlich zu engagieren. Das schätze ich auch an Rotary: Jeder kann seine Kompetenzen und Erfahrungen in den Dienst eines gemeinsamen Anliegens stellen.