Mehr als 38000 Menschen aus rund 140 Ländern kamen Mitte Juni zur Rotary International Convention in Taiwan zusammen. Warum fliegt man dafür um die halbe Welt? Eine Spurensuche zwischen globalem High-End-Pathos und der Realität am Schweizer Mittagstisch.
Hand aufs Herz: Warum tut man sich das an? Dreizehn Stunden Flug, Jetlag, tropische Schwüle und ein Programm, das einen schon beim Lesen der Agenda erschöpft. Als ich im Juni nach Taipei aufbrach, flog die Skepsis im Handgepäck mit. Für die meisten Rotarier in der Schweiz und in Liechtenstein war diese Convention unendlich weit weg – geografisch ohnehin, emotional vermutlich erst recht.
Während im Taipei Dome 38000 Menschen aus 140 Ländern die Weltverbundenheit zelebrierten, blieb die Aufregung zwischen Genfersee und Bodensee überschaubar. Eine Weltversammlung? Beeindruckend. Ein Grossanlass mit Stadion-Atmosphäre? Sicher. Malala Yousafzai auf der Bühne? Stark. Aber was hat der globale Zirkus mit dem eigenen Lunch am Dienstag, mit Mitgliederfragen oder der anstehenden Clubversammlung zu tun?
Sehr viel. Man muss nur den Hochglanz-Prospekt beiseitelegen und die Statik dahinter betrachten.
Die Stadt empfing uns mit grosser Geste: Volunteers an jeder Ecke, digitale Willkommensgrüsse in der U-Bahn und ein «House of Friendship», das einer bunten Reizüberflutung aus Kulturen, Projekten und Umarmungen glich. Wer dort war, erlebte Rotary in seiner lautesten, farbigsten Form. Man kann das kitschig finden, dieses rituelle Schwenken von Flaggen und das Feiern von Institutionen. Doch hinter der gigantischen Kulisse verhandelte Taipei Fragen, die jeden Club in jedem Land ganz direkt betreffen.
Für Taiwan war diese Convention mehr als ein internationaler Grossanlass. Zum ersten Mal seit 32 Jahren kehrte die rotarische Weltversammlung nach Taipei zurück. Entsprechend sichtbar war Rotary in der Stadt: in Verkehrsmitteln, an Knotenpunkten, in den Hallen, auf den Bühnen. Das «House of Friendship» zeigte mit mehr als 200 Ausstellern, was Rotary weltweit ausmacht – von lokalen Clubprojekten bis zu grossen Partnerschaften. In einem nachgebauten Taipei Village konnte man Kalligrafie ausprobieren, Teezeremonien erleben und ein Stück taiwanische Kultur mitnehmen. Es war viel. Manchmal fast zu viel. Aber genau darin lag auch die Botschaft: Rotary ist grösser als das Clublokal zuhause.
Zugehörigkeit ist kein Nebenthema
Einer der stärksten Gedanken der Tage stammte von John Hewko. Der Generalsekretär von Rotary International sprach nicht über Bilanzen, sondern über Einsamkeit. Über eine Welt, in der Menschen technisch permanent vernetzt sind und sich dennoch chronisch isoliert fühlen.
Rotary funktioniert in dieser Welt weder als nostalgisches Museum noch als krampfhaft modernisierter Service-Club. Die Antwort liegt in einer simplen Mechanik, die Hewko «belonging through purpose» nannte: Zugehörigkeit durch gemeinsamen Sinn.
Das klingt gross, kommt im Cluballtag aber erstaunlich schlicht daher.
Fühlt sich ein neues Mitglied am Montagabend wirklich willkommen? Wird es gebraucht? Bekommt es von Anfang an eine Aufgabe, die über höfliches Dabeisitzen hinausgeht? Merkt überhaupt jemand, wenn einer wochenlang fehlt? Gibt es Raum für Lebensmodelle, die nicht mehr in das klassische Mittags-Raster passen?
Menschen bleiben nicht, weil ein Statut sauber formuliert ist. Sie bleiben, weil sie sich gesehen fühlen. Weil sie Freundschaft erleben. Weil sie merken, dass ihre Zeit hier Sinn stiftet, statt im Geplänkel zu versickern. Das ist die wichtigste Übersetzung aus Taipei für unsere Clubs: Internationalität beginnt nicht beim Flugticket. Sie beginnt in der Art, wie wir unsere eigene Clubtür öffnen.
Die jüngste Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai gab dieser Frage in Taipei eine greifbare Dimension. Sie sprach über Bildung für Mädchen, über ihren Vater, der selbst Rotarier war, und über einen winzigen Club in Pakistan. Dieser reinigte einen Fluss, organisierte medizinische Hilfe und förderte Kultur. Ein kleiner Club in einer abgelegenen Region – und doch die Keimzelle einer Bewegung, deren Reichweite die Mitglieder damals kaum erahnen konnten.
Heute kämpft Malala für 120 Millionen Mädchen weltweit, die keine Schule besuchen. Ihre Botschaft in Taipei war frei von falschem Heldenepos: Grosse Veränderungen brauchen keine Einzelkämpfer, sondern viele Hände. Clubs müssen nicht die Welt im Alleingang retten, sondern dort anfangen, wo sie stehen.
Wirkung braucht Infrastruktur
Taipei zeigte natürlich auch, wie gross die Organisation im Kern denken kann. Holger Knaack, Vorsitzender der Rotary Foundation, präsentierte Projekte, die auf harte Daten und messbare Wirkung setzen – von nachhaltigen Wassersystemen in Haiti bis zum Kampf gegen Malaria in Papua-Neuguinea.
Und dann bleibt Polio. Der Kampf an der «letzten Meile» in Afghanistan und Pakistan verlangt der Organisation alles ab. Gerade weil die Welt das Thema seit Jahrzehnten kennt, droht Ermüdung. Doch «fast geschafft» ist eben noch nicht «geschafft».
Für uns in der Schweiz mag das alles abstrakt klingen. Und doch steht hinter den globalen Grossprojekten exakt dasselbe Prinzip wie hinter einem lokalen Mittagstisch für Jugendliche oder einer regionalen Sammelaktion: Vertrauen entsteht vor der Wirkung. Menschen müssen einander kennen, bevor sie miteinander Schwieriges anpacken. Freundschaft ist bei Rotary kein nettes Beiprodukt fürs Gemüt. Sie ist die tragende Infrastruktur.
Der scheidende RI-Präsident Francesco Arezzo brachte es zum Ende der Convention hin auf den Punkt: Fremde werden Freunde, Freundschaft wird Vertrauen, Vertrauen wird Handeln. Besser lässt sich die rotarische Statik kaum beschreiben.
Die Dynamik der Rochade
Am 1. Juli übernimmt Olayinka H. Babalola von Arezzo das Amt des Weltpräsidenten. Damit dreht sich das rotarische Karussell plangemäss weiter. Kein Läufer besitzt das Rennen, entscheidend ist die Übergabe. Das gilt für die Weltspitze genauso wie für jeden Schweizer Clubvorstand.
Diese jährliche Rochade garantiert Bewegung, aber sie sichert Nachhaltigkeit nicht automatisch. Dafür braucht es Grosszügigkeit und die Bereitschaft, den eigenen Club nicht als persönlichen Besitzstand zu behandeln. Wer ein Amt übernimmt, beginnt nicht bei null. Wer es abgibt, stiehlt sich nicht aus der Verantwortung.
Genau das war mein persönlicher Aha-Moment in Taipei: Rotary bleibt nur dann gross, wenn es im Kleinen gelingt. Wenn neue Mitglieder einbezogen werden. Wenn die Jugend die Gegenwart mitgestalten darf, statt auf die Zukunft vertröstet zu werden. Wenn Freundschaft nicht zur gemütlichen Gewohnheit schrumpft, sondern die Basis für mutiges Handeln bleibt.
Dass die nächste Convention 2027 in Barcelona stattfinden wird, passte fast zu gut zu diesem Gedanken. Nach der Weltbühne in Asien folgt die europäische Nähe. Vielleicht sinkt dann für manchen Rotarier aus der Schweiz die Hemmschwelle, sich diese grosse Rotary-Maschine einmal selbst anzusehen – nicht als Pflichtübung, sondern als Blick über den eigenen Clubrand.
Taipei war weit weg, ja. Die Fragen von dort liegen aber nächste Woche wieder auch bei Schweizer Clubs auf dem Tisch.