Die Rotarierin Joëlle Payom vom RC Genève International hat vor fünf Jahren den „Internationalen Tag gegen Mobbing und für Inklusion in der Arbeitswelt“ ins Leben gerufen. Bei der fünften Ausgabe konnte sie auf das aktive Engagement der jüngeren Generation zählen: Der Aktionstag vom 21. Mai wurde gemeinsam mit Rotaract Genève International organisiert.
Joëlle, du hast den Internationalen Tag gegen Mobbing und für Inklusion in der Arbeitswelt 2022 ins Leben gerufen. Gibt es ein Rezept dafür, wie man eine solche Veranstaltung auf die Beine stellt?
Joëlle Payom: Nein, das gibt es nicht! Als ich beobachtete, wie zahlreiche internationale Tage entstanden, wurde mir klar, dass diese oft von Bürgerinnen und Bürgern oder Vereinen initiiert werden, die beschliessen, ein Thema von öffentlichem Interesse ins Rampenlicht zu rücken. Nach und nach gewinnen solche Initiativen an Unterstützung, bis Institutionen wie die UNO oder die UNESCO sie in ihre offizielle Agenda aufnehmen. Genau das wünsche ich mir auch für diesen Internationalen Tag.
Damals hatte ich das Glück, der ehemaligen Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey vorgestellt zu werden. Ich präsentierte ihr Rezalliance, eine Organisation, die ich im Jahr zuvor gegründet hatte. Bei einem Kaffee zeigte sie grosses Interesse an unserem Anliegen und sicherte mir ihre Unterstützung im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu. Kurz darauf erhielt ich auch die Unterstützung der Fédération des Entreprises Romandes (FER). Man muss sagen: Eine Patin wie Frau Calmy-Rey öffnet Türen. Von da an entwickelte sich alles Schritt für Schritt weiter – mit weiteren Organisationen und engagierten Menschen.
In diesem Jahr hat Rotaract den Aktionstag mitorganisiert, der unter dem Motto „Künstliche Intelligenz“ stand. Was hat dich zu diesem Engagement motiviert, Camil?
Camil Bourhila: Die Werte, für die Rezalliance und dieser Internationale Tag stehen – Teilhabe, Würde und Inklusion in der Arbeitswelt –, entsprechen zutiefst denjenigen von Rotaract. Gerade junge Menschen werden von den Veränderungen betroffen sein, die künstliche Intelligenz in der Arbeitswelt mit sich bringt. Unsere Abschlüsse verlieren teilweise an Wert, und Aufgaben, die Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern häufig übertragen werden, werden zunehmend automatisiert. Das betrifft uns unmittelbar.
Wer hat den ersten Schritt auf den anderen zugemacht?
Camil: Rotaract Genève International hatte bereits an früheren Ausgaben teilgenommen und wollte sich diesmal aktiv an der Organisation beteiligen – insbesondere wegen des gewählten Themas: Künstliche Intelligenz und Diskriminierung. Für uns war das eine einmalige Gelegenheit. Die Veranstaltung wird von einer ehemaligen Bundespräsidentin unterstützt und greift zentrale gesellschaftliche Herausforderungen auf. Genau dafür sollte sich Rotaract engagieren.
Wir schlugen Joëlle daher vor, dieses Jahr eine echte treibende Kraft zu sein – und sie liess uns freie Hand. So konnten wir diese Ausgabe gemeinsam gestalten.
Joëlle: Die Grundstruktur der diesjährigen Ausgabe stand bereits, doch Rotaract wollte noch einen Schritt weitergehen. Ich sagte ihnen: „Einverstanden – aber wenn ihr höher hinaus wollt, müsst ihr euch voll einbringen.“ Und genau das haben sie getan. Sie kamen mit neuen Ideen, um das Programm zu bereichern und auszubauen, und setzten sich anschliessend mit grossem Engagement für deren Umsetzung ein. Das war mir sehr wichtig, und ich habe ihren Einsatz enorm geschätzt.
Eine Veranstaltung dieser Grössenordnung mit fast zwanzig Expertinnen und Experten sowie hochkarätigen Gästen verlangt vermutlich viele helfende Hände. Wer hat euch unterstützt?
Camil: Rotaract ist nicht nur ein Netzwerk junger Berufstätiger, sondern vor allem auch ein Netzwerk von Freunden. Mehrere Mitglieder engagierten sich ehrenamtlich, um diesen Tag zum Erfolg zu machen.
Wir konnten zudem auf die Unterstützung von Constance de Réau zählen, der Rotaract-Vertreterin auf Distriktebene 1990. Gemeinsam mit dem Vorstand von Rotaract Genève International trug sie dazu bei, mehrere Clubs zu mobilisieren. Darüber hinaus erhielten wir einen bedeutenden Zuschuss vom Rotaract-Komitee Schweiz–Liechtenstein, der die Organisation und das Engagement von Rotaract konkret unterstützte.
Joëlle, konntest du auch auf die Rotarierinnen und Rotarier zählen?
Joëlle: Zahlreiche Rotarierinnen und Rotarier nahmen an der Veranstaltung teil, um ihre Unterstützung für das Anliegen dieses internationalen Tages zu zeigen. Einige leisteten auch Spenden. Darüber hinaus erhielten wir finanzielle Unterstützung von mehreren Clubs, insbesondere vom Rotary Club Lamasquère Pays de Muret in Frankreich.
Dennoch hätte ich mir insgesamt mehr Unterstützung gewünscht. Das Thema des Tages entspricht vollständig den Werten von Rotary, und zudem gehörte der Governor zu den Referenten.
Der Governor 2025/26, Jouni Heinonen, erinnerte in seiner Abschlussrede daran, dass Inklusion ein Grundwert von Rotary ist. Können Governors eine Rolle dabei spielen, Rotary und Rotaract näher zusammenzubringen?
Camil: Auf jeden Fall. Institutionelle Unterstützung ist unverzichtbar. Jouni Heinonen hat uns von Anfang an unterstützt und dazu beigetragen, die Rotary-Clubs zu mobilisieren. Seine Abschlussrede verlieh der Veranstaltung zusätzliche Sichtbarkeit – ebenso wie die Anwesenheit von Jean François Richter, der sich für das Projekt Street Kids engagiert.
Die Stiftung Street Kids ist übrigens ein hervorragendes Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen Rotary und Rotaract. Der Internationale Tag sollte zudem Einnahmen zugunsten dieses Projekts generieren. Die Rotaracterinnen und Rotaracter sind die Rotarierinnen und Rotarier von morgen. Wenn sie sich langfristig engagieren sollen, müssen sie spüren, dass sie vollständig in den Geist der Rotary-Clubs integriert sind.
Joëlle, man spürt bei dir eine gewisse Enttäuschung. Gibt es rückblickend Lehren daraus oder Punkte, die bei einer nächsten Ausgabe verbessert werden könnten?
Joëlle: Unser Ziel war es, eine gemeinsame Initiative zu schaffen, die der gesamten rotarischen Familie offensteht. Wie bereits bei den letzten Ausgaben von 2023, 2024 und 2025, wollten wir auch dieses Jahr Mitglieder des rotarischen Netzwerks in die Podiumsdiskussionen einbeziehen, doch die angefragten Personen standen leider nicht zur Verfügung.
Vielleicht hätten wir für die Ausgabe 2026 früher mit den Rotary-Clubs kommunizieren sollen. Die nächste Ausgabe findet am 20. Mai 2027, statt. Derzeit läuft die Auswahl der Referentinnen und Referenten. Besonders gerne würden wir die Personalabteilung eines Unternehmens mit mehr als 250 Mitarbeitenden für eine Podiumsdiskussion gewinnen. Interessierte Mitglieder des Rotary-Netzwerks dürfen sich gerne direkt bei mir melden.
Sollte man ein regelmässiges Format schaffen, um die Verbindungen zwischen Rotary und Rotaract langfristig zu stärken?
Camil: Persönlich halte ich das für eine ausgezeichnete Idee. So könnten wir über punktuelle Kooperationen oder kurzfristige Hilferufe hinausgehen, wenn junge Menschen gebraucht werden. Entscheidend wäre, langfristige Räume für Austausch und gemeinsames Gestalten zu schaffen.
Was können andere Rotary- und Rotaract-Clubs aus eurer gemeinsamen Erfahrung mitnehmen?
Joëlle: Dass junge Menschen, wenn man ihnen vertraut und ihnen Freiraum gibt, eine aussergewöhnliche Energie, Kreativität und Mobilisierungskraft entfalten.
Camil: Und dass generationenübergreifende Zusammenarbeit funktioniert, wenn sie auf echtem gegenseitigem Zuhören basiert. Wir wollten nicht nur „mithelfen“, sondern auch an Entscheidungen mitwirken und zur Vision des Projekts beitragen.
Und was nehmt ihr persönlich aus dieser Erfahrung mit?
Joëlle: Ich habe eine engagierte, professionelle und motivierte junge Generation kennengelernt – wissbegierig, hilfsbereit und zugleich bescheiden. Diese Zusammenarbeit war ausgesprochen inspirierend und hat mich persönlich sehr bereichert.
Camil: Für mich hat diese Erfahrung vor allem den Wert der Zusammenarbeit zwischen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen bestätigt. Wir hatten verschiedene Werdegänge, Netzwerke und Herangehensweisen, teilten aber denselben Wunsch, eine wichtige Sache voranzubringen. Diese Erfahrung hat uns gezeigt, dass Rotary und Rotaract gemeinsam weit mehr erreichen können, als man sich zunächst vorstellt.
Was sich übertragen lässt
- Ein Thema wählen, das junge Menschen anspricht
- Gemeinsam etwas aufbauen, Vertrauen schenken und Freiraum gewähren
- Auf echtes gegenseitiges Zuhören setzen
- Institutionelle Unterstützung sicherstellen, insbesondere durch einen Governor
- Langfristig ein Format für regelmässigen Austausch zwischen Rotary und Rotaract schaffen