Die Kunst, sich zu verlaufen

Montag, 17. August 2026

Diana Schoberg/red

Barcelona bewahrt 2000 Jahre Geschichte und erfindet sich doch immer wieder neu. Ein Streifzug durch die Gastgeberstadt der RI-Convention 2027. 

In wenigen Schritten sind wir durch 2000 Jahre Stadtgeschichte gereist: vorbei an den Ruinen eines römischen Tempels, einer mittelalterlichen Kirche und einem Konzertsaal, dessen Mosaike und Glasfenster von Blumen und Licht erzählen. Hinter jeder Ecke warten weitere Fassaden, begrünte Innenhöfe und kleine Plätze. Mein Kopf schwirrt – und das liegt nicht am Jetlag. Der Journalist Albert Torras, der nebenbei als Stadtführer arbeitet, beruhigt mich: «Das Schönste, was man in Barcelona tun kann, ist, sich im Stadtzentrum zu verlaufen.»

Genau das habe ich vor. Ich bin in die Stadt gekommen, in der vom 26. bis 30. Juni 2027 die Rotary International Convention stattfinden wird. Torras, Mitglied des RC Barcelona Alba, begleitet mich gemeinsam mit Montse Moral vom RC Sant Cugat del Vallès. Vom schachbrettartig angelegten Eixample gehen wir in Richtung Altstadt – und mit jedem Häuserblock weiter zurück in die Vergangenheit.

Die Römer gründeten Barcino gegen Ende des 1. Jahrhunderts vor Christus. Im Mittelalter wurde Barcelona zum politischen und wirtschaftlichen Zentrum einer Macht, die weit in den westlichen Mittelmeerraum ausgriff. Im Gotischen Viertel ist diese Geschichte nicht hinter Museumsglas verschwunden. Teile der römischen Stadtmauer stecken in den Fundamenten späterer Häuser; darüber ragen Paläste, Kirchen und der kronenförmige Turm des Königspalastes auf. Im Archiv der Krone von Aragonien werden Dokumente aus Jahrhunderten europäischer und mediterraner Geschichte aufbewahrt.

Nur wenige Gassen weiter beginnt bereits ein anderes Barcelona. Der Palau de la Música Catalana, entworfen von Lluís Domènech i Montaner, ist ein Fest aus Keramik, Buntglas und floralen Formen. Selbst wer keine Zeit für eine Führung hat, bekommt im Foyer einen Eindruck davon, weshalb der katalanische Modernisme bis heute das Bild der Stadt prägt.

Als der Regen nachlässt, gehen Moral und ich über die Rambla zur Plaça Reial. Palmen und klassizistische Fassaden umschliessen den autofreien Platz wie einen Salon unter freiem Himmel. Bevor wir ein Selfie am Brunnen aufnehmen können, bittet eine Gruppe junger Leute Moral um ein Foto. Sie kommen aus Portugal, Brasilien, Deutschland und weiteren Ländern und arbeiten für ein internationales Unternehmen in Barcelona. Die Szene passt zu dem, was Moral über ihre Stadt sagt: «Barcelona ist sehr alt und geschichtsträchtig, gleichzeitig aber auch sehr modern. Sie erfindet sich ständig neu.»

Eine Stadt nach Gaudís Handschrift

Antoni Gaudí und Barcelona lassen sich kaum voneinander trennen. Schon die Sagrada Família würde mehrere Stunden Aufmerksamkeit verdienen: Türme, die an verwitterte Felsen erinnern, baumartige Säulen und ein Gewölbe wie ein Blätterdach. Gaudí übernahm 1883 die Leitung des Baus; vollendet ist die Basilika bis heute nicht. Hundert Jahre nach seinem Tod segnete Papst Leo XIV. am 10. Juni 2026 den fertiggestellten, 172,5 Meter hohen Turm Jesu Christi. Seither ist die Sagrada Família die höchste Kirche der Welt.

Aleix Martorell vom Rotaract Club del Vallès steht mit mir vor der Basilika und schaut hinauf. «Selbst nach einer Stunde des Betrachtens entdeckt man immer wieder etwas Neues», sagt er. Wer das Innere sehen möchte, sollte seine Eintrittskarte frühzeitig reservieren. Auch für eine Stadt, in der man sich mit Vergnügen verliert, ist ein wenig Planung also von Vorteil.

Der Modernisme war mehr als ein Baustil. Im 19. Jahrhundert wuchs Barcelona durch Industrialisierung und Handel; wohlhabende Auftraggeber liessen Architekten mit Formen, Materialien und Handwerk experimentieren. Der neue katalanische Stolz bekam eine sichtbare Gestalt. Noch heute finden sich in der Stadt Hunderte Gebäude mit modernistischen Elementen, neun davon gehören zum UNESCO-Welterbe.

Am Passeig de Gràcia stehen zwei der berühmtesten nur wenige Häuserblocks voneinander entfernt: die Casa Milà mit ihrer wellenförmigen Fassade und die Casa Batlló, deren Dach an den schuppigen Rücken eines Drachen erinnert. Selbst Laternen, Sitzbänke und Gehwegplatten scheinen hier Teil eines Gesamtkunstwerks zu sein.

Im Park Güell wird aus Architektur beinahe eine Märchenkulisse. Eusebi Güell hatte Gaudí ursprünglich mit einer Siedlung für wohlhabende Familien beauftragt. Von den geplanten 60 Häusern entstanden nur zwei; später erwarb die Stadt das Gelände und machte es öffentlich zugänglich. Berühmt sind der mosaikbesetzte Salamander «El Drac» und die geschwungene Bank auf der grossen Terrasse. Für ihre Oberfläche verwendete Gaudí Bruchstücke aus Keramik und Glas. Diese als «Trencadís» bekannte Technik inspirierte auch das Logo der RI-Convention 2027.

Während ich an jeder Ecke neue Formen entdecke, frage ich Martorell, ob die Menschen in Barcelona Gaudí nicht längst satt hätten. Er widerspricht: «Die Menschen sind sehr stolz.» Das klingt überzeugend und passt zu einer Stadt, die ihr bekanntestes Erbe nicht konserviert, sondern täglich benutzt.

Die Stadt und das Meer

Barcelona liegt am Mittelmeer, lebte aber lange mit dem Rücken zum Wasser. Das Hafengebiet war von Schwerindustrie geprägt und für die Einwohner wenig einladend. Erst die Olympischen Spiele von 1992 veränderten das Verhältnis der Stadt zum Meer grundlegend. Alte Anlagen verschwanden, Strände und Promenaden entstanden, der Port Vell und der Port Olímpic wurden zu Orten des öffentlichen Lebens.

Davon erzählt Sergio Aragón, Vorsitzender des lokalen Organisationskomitees der Convention, auf der Terrasse des Reial Club Marítim de Barcelona. Vor uns liegen Segelboote im Hafen, über dem Wasser schweben die Gondeln der Seilbahn. Auf dem Tisch stehen Oliven, frittierte Artischocken, Calamari, Muscheln und Fisch – Tapas, die aus einem Mittagessen rasch eine lange Unterhaltung machen.

Mit dabei ist Julio Sorjús, Past Director von Rotary International. Er leitete bereits das Organisationskomitee der Convention, die 2002 in Barcelona stattfand. Für Aragón liegt der Reiz eines solchen Treffens darin, Rotary in seiner internationalen Dimension zu erleben und Menschen kennenzulernen, denen man sonst nie begegnet wäre. «Man findet dort Freunde fürs Leben», sagt er.

Am Abend zeigt die Strandpromenade von Barceloneta, wie selbstverständlich sich die Stadt das Meer inzwischen angeeignet hat. Zwischen Palmen spielen Menschen Volleyball und Fussball, andere sitzen am Strand. Hunderte Läufer ziehen mit Fahnen und Musik vorbei. Die Energie ist ansteckend, sogar nach einem ausgiebigen Mittagessen.

Wie Barcelona mit seiner Vergangenheit umgeht, lässt sich auch an Las Arenas ablesen. In der ehemaligen Stierkampfarena, nur wenige U-Bahn-Stationen vom Convention-Gelände entfernt, befinden sich heute Geschäfte, Restaurants und ein Kino. Die neomaurische Fassade blieb erhalten. Die Architektin Laia Marín vom RC Barcelona hat an dem Umbau mitgearbeitet. Auf dem Dach öffnet sich ein Rundblick über die Stadt bis zum Montjuïc.

Der «jüdische Berg» trägt seinen Namen nach einem mittelalterlichen Friedhof. Seine Parkanlagen wurden für die Weltausstellung von 1929 angelegt und für die Olympischen Spiele 1992 erneuert. Wege führen zu Museen, Gärten, Sportstätten und dem Castell de Montjuïc. Von der Terrasse des Museu Nacional d’Art de Catalunya erscheint die Stadt als dichtes Geflecht aus Dächern und Strassen. Darüber erhebt sich die Sagrada Família. Niedriger als der Montjuïc, aber höher als jedes andere Gebäude Barcelonas.

Später treffen wir Albert Torras zur «hora del vermut», der Wermutstunde vor dem Essen. In Spanien wird Wermut weiss oder rot, mit Eis und kleinen Häppchen als Aperitif serviert. Wann man ihn trinke? «Vor dem Mittagessen, vor dem Abendessen oder nach dem Aufwachen», scherzt Torras. «Wann immer man möchte.»

Mit der Dämmerung endet mein Streifzug auf einer Dachterrasse. In der Ferne leuchtet der Torre Glòries, an den Tischen gehen die Lichterketten an. Barcelona wirkt von hier oben zugleich alt und jung, steinern und verspielt, mediterran und weltstädtisch. Am besten versteht man diese Gegensätze tatsächlich zu Fuss und ohne allzu starres Programm. Albert Torras hatte recht: Man sollte sich in Barcelona ruhig ein wenig verlaufen.


Die Rotary International Convention findet vom 26. bis 30. Juni 2027 in Barcelona statt. Die Anmeldung ist ab September 2026 möglich. Weitere Informationen: convention.rotary.org/de.


Hier zeigt sich Barcelona von seiner genussvollen Seite: mit einem Tisch voller Tapas (Foto: zvg)

Rotarische Gastgeber: Julio Sorjús (l.) und Sergio Aragón im Reial Club Marítim de Barcelona.