Mehr als Farbe

Montag, 10. August 2026

Rot. Simone Mayer-Jacober

Ein Zuhause ist mehr als seine Einrichtung. Es lebt von Licht, Material, Proportion. Ebenso von Oberflächen, die Ruhe, Wärme oder Klarheit ausstrahlen. Wer täglich Räume gestaltet, entwickelt einen feinen Blick dafür, warum manche Wohnungen oder Häuser teuer wirken, aber seelenlos sind, und warum andere gerade durch Zurückhaltung überzeugen. Ein Gespräch mit Malermeister und Rotarier Konrad Hochuli aus Aarau über die stilvolle Kunst des Wohnens.

Koni, du gestaltest nicht einfach Wände, sondern Lebensräume. Woran erkennst du beim ersten Betreten, dass ein Zuhause noch nicht ganz bei seinen Bewohnern angekommen ist?

Durch kleine, aber deutliche Signale. Man spürt eine fehlende Verbindung zwischen Raum und Mensch. Wenn die Einrichtung mit den gestrichenen Wänden unpersönlich wirkt, wenn keine Fotos, Bücher oder Spuren von Gewohnheiten vorhanden sind.

Viele Menschen sprechen davon, «schöner wohnen» zu wollen. Was fehlt deiner Einschätzung nach einem Raum in der Regel tatsächlich: Farbe, Material, Licht oder der Mut zu einer klaren Entscheidung?

Eigentlich alles, was du aufgezählt hast. Viele Menschen trauen sich nicht, einen klaren Farb- oder Wohnstil festzulegen, oder haben vielleicht auch das Flair dazu nicht. Was ich dann wahrnehme, ist eine halbherzige Wohnatmosphäre. Raumgestaltung, Farbe, Möbel usw. harmonieren (noch) nicht. Typischerweise treffe ich solche Situationen häufig in Neubauobjekten an.

Verstehst du deine Aufgabe vor allem als Ausführung eines Auftrags? Oder viel eher als Übersetzung eines Wohngefühls, das viele selbst noch nicht präzise benennen können? 

Tatsächlich hat meine Kundschaft zu 80 Prozent eine Vorstellung dessen, was sie sich wünschen. Ich kann dann dort einhaken und beratend Einfluss nehmen. Meine Aufgabe ist es, die Farbtöne so auszuwählen und zu verkaufen, dass der Kunde bzw. die Kundin auch in fünf Jahren noch Freude an unserer Arbeit hat.

Kontrastreiche Farbakzente brauchen Mut

Die Schweizer Wohnkultur gilt als eher zurückhaltend. Wenn du auf deine langjährige Berufserfahrung zurückblickst, erlebst du diese Zurückhaltung eher als Stil oder manchmal auch als Angst, sich wirklich festzulegen?

Eher Angst als Stil. Aus Unsicherheit wird eher ein zurückhaltender Farbton gewählt oder direkt Weiss oder ein feiner Grauton. Den Mut zu intensiven Bunttönen haben erfahrungsgemäss die wenigsten.

Woran erkennst du, ob eine Oberfläche einen Raum wirklich verbessert oder ob sie nur einen Effekt erzeugt?

Ein knalliges Rot im Wohnzimmer verbessert den Raum nicht zwingend. Kommen dann noch schwarze Designmöbel vor diese Wand, ist der Kontrast sehr hart. Ich empfehle dann lieber einen erdigen, warmen Ton, um ein angenehmeres Wohngefühl zu schaffen, das auch in Jahren noch Freude und Wohlbefinden erzeugt.

Was macht deiner Meinung nach einen Raum wirklich angenehm, charakteristisch und bewohnbar? Meine Frage zielt nicht auf Trends oder schöne Inszenierung, sondern mich interessiert Atmosphäre und Persönlichkeit.

Es gibt diese wunderbaren Momente, wenn ich einen Raum betrete und staune. Da ist so viel Persönlichkeit anzutreffen. Ich sehe Bilder, Farben, Fotos und Möbel, die mir als Komposition eine Geschichte erzählen. Dann weiss ich, dass ich «nur» renovieren und sonst nichts anzupassen brauche. Das bereitet mir grosse Freude.

Zeitgeist erkennen, wertschätzen und hervorheben

Mich faszinieren Altbauten mit ihren hohen Räumen und Stuckdecken, dem knarzenden Riemenparkett und grossflächigen Fenstern. Sie erzählen mir Geschichten von Zeitgeist, Architektur und gesellschaftlichen «Trends». Was fühlst du, wenn du solch ein Gebäude betrittst? Und worauf legst du besonderes Augenmerk beim Arbeiten im Altbau?

Ja, ich liebe geschichtsträchtige Gebäude. Diese wurden meines Erachtens mit viel Liebe zum Detail gebaut. Nimm das Treppenhaus als Beispiel: In einem Altbau wurde dieses häufig mit einem gedrechselten Holzgeländer versehen. Die Wände wurden mit einer Holzleiste dazwischen unterteilt. Der heutige Zeitgeist orientiert sich eher an neutralen weissen Wänden und Glasgeländern.

Übrigens schaue ich auch auf die individuelle Kompetenz meiner Mitarbeiter, wenn wir einen Altbau sanieren. Wir haben einige Maler, die mit viel Erfahrung, fachlichem Know-how und Stolz solche Altbausanierungen ausführen. Typischerweise haben sie auch ein Auge fürs Detail und beraten unsere Kundschaft entsprechend. Wichtig zu wissen ist, dass in einem Altbau auch mit verschiedenen Untergründen und den richtigen Materialien gestrichen werden muss.

Stichwort Berufsstolz. Was bedeutet er für dich und deine Mitarbeiter? Was macht euch stolz und wie zeigt sich dieses Gefühl im Alltag?

Das ist Kompetenz, Anerkennung, Qualität, Verantwortung, Werte leben und Teamgeist.

Du siehst jeden Tag, was du geleistet hast, und am Schluss kommt der Kunde und schenkt dir ein Kompliment. Du siehst die Freude in seinen Augen. Mit solch direkten Feedbacks gehst du gerne jeden Tag arbeiten. 

Wohnen ist etwas sehr Persönliches. Wenn du für deine Kunden einen Innenraum gestaltest, werden Entscheidungen getroffen, die über Jahre wirken. Was bedeutet für dich in diesem Zusammenhang Vertrauen und Verlässlichkeit? 

Wir sind uns dessen bewusst, dass wir einen sehr persönlichen Einblick in die Privatsphäre unserer Kunden erhaschen. Da muss zunächst eine Vertrauensbasis aufgebaut werden. Gelingt uns das, ist es nicht selten, dass wir den Wohnungs- oder Hausschlüssel erhalten, wenn unsere Kunden in die Ferien gehen. Wenn sie zurückkommen, ist alles frisch gestrichen, geputzt und tipptopp für die Übergabe vorbereitet. 

Wenn ein Auftrag gelungen ist: Was soll in einem Zuhause danach spürbar anders sein, nicht nur an den Wänden, sondern im Leben seiner Bewohner?

Dass die Bewohner stolz auf ihr neu gestaltetes Zuhause sind. Dass sie vielleicht mehr Besuch empfangen und diesem ihr neues Wohnen zeigen. Die Hektik des Alltags soll zu Hause nicht spürbar sein. Im Gegenteil, betritt man die Wohnung oder das Haus, soll visuelle Ruhe zum Entspannen einladen. Mich würde es natürlich freuen, wenn wir für Inspiration sorgen und weitere Räume neugestalten dürfen.

Lass uns zum Abschluss drei Stichworte: Welche Wohntrends siehst du derzeit? Wo braucht es mehr Mut? Und wie bleibt die Persönlichkeit der Bewohner sichtbar?

Trends: Im Moment sind hier sehr viele Grüntöne «en vogue». Naturnahe, warme und ruhige Farben. Trotzdem gezielt Akzente setzen.

Mut: Auch mal etwas ausprobieren, nicht nur weisse Töne. Den Raum auf den Kopf stellen. Bewusst Kontraste setzen.

Persönlichkeit: Auf die Kundschaft eingehen, Wünsche umsetzen und geduldig bleiben. So kann man Vertrauen schaffen. a

Herzlichen Dank für das Gespräch!


Zur Person

Konrad Hochuli, geboren am 12. Dezember 1963, ist Malermeister in Aarau. Seit Juni 2013 ist er Mitglied des RC Aarau-Alpenzeiger.

Das Unternehmen Maler Hochuli wurde 1926 gegründet und befindet sich seit 1976 im Besitz der Familie Hochuli. Heute beschäftigt der Betrieb zwölf Mitarbeiter. Zum Angebot gehören Maler- und Tapezierarbeiten, fugenlose Bodenbeläge sowie kleinere Gipserarbeiten.

Malermeister und Rotarier Konrad Hochuli gestaltet seit Jahrzehnten Wohnräume mit Gespür für Farbe und Atmosphäre. (Foto: zvg)