Von der Primarschul-Anekdote bis ins Bundeshaus Ost: Bundesrat Martin Pfister, Mitglied des RC Aegeri-Menzingen, spricht über Werte, Rotary, Führung und Verantwortung. In seinem Verständnis von Politik spielen Respekt, Teamgeist und eine christlich geprägte Haltung eine zentrale Rolle.
Seine rotarischen Freunde aus dem RC Aegeri-Menzingen sind sich einig: Martin Pfister ist und bleibt ein umgänglicher, volksnaher und respektvoller Mensch, Bundesrat hin oder her. So gestaltet sich auch das Gespräch mit ihm in seinem Büro im Bundeshaus Ost für das Magazin von Rotary Suisse-Liechtenstein. Der Vorsteher des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) hört aufmerksam zu, antwortet überlegt und lacht gerne herzlich, obwohl er bereits einen langen Arbeitstag hinter sich hat. Am Ende des Treffens gibt er bereitwillig Auskunft über die Kunstwerke, die sein Büro schmücken, und steht für ein Erinnerungsfoto zur Verfügung. Seine Mediensprecherin bekräftigt: «So ist er. Martin Pfister mag Menschen und nimmt sich gerne Zeit für sie.»
Herr Bundesrat, Ihre rotarischen Clubkollegen kennen die Anekdote: In der Primarschule musste jedes Kind einen Satz nachsprechen. Die Logopädin, Frau Dossenbach, sagte zu Ihnen: «Martin, du kommst in die Logopädie.» Sie wollten aber nicht. Und sie antwortete: «Martin, wenn du einmal Bundesrat werden möchtest, dann musst du in die Sprachheilschule kommen.» Was meinen Sie, was würde Frau Dossenbach heute sagen?
Sie würde vermutlich sagen, Sie habe ja schon immer Recht gehabt! (lacht) Ich verstand ihr Argument damals wirklich nicht, aber als Erstklässler gehorchte ich dann brav.
Und jetzt sind Sie Bundesrat. Aber sprechen wir zuerst über Rotary. Können Sie die Vier-Fragen-Probe auswendig zitieren?
Ist es gerecht, ist es fair für alle Beteiligten, dient es dem Wohle aller, dient es der Freundschaft – jetzt war ich vermutlich nicht so präzise!
Ist es wahr, gehört noch dazu, aber vermutlich können das lange nicht alle Rotarier auswendig. Die Essenz ist vorhanden. Was halten Sie persönlich von dieser gedanklichen Richtschnur?
Ich begrüsse es, wenn sich Vereinsmitglieder über Regeln verständigen. Die rotarischen Werte repräsentieren die Werte unserer christlichen Gesellschaft: Sie sind auch meine. Was mir besonders gefällt, ist der Umstand, dass sie sowohl für die individuelle als auch für die gesamtgesellschaftliche Ebene der Beziehungen zwischen Menschen gelten. Der persönliche Umgang zwischen zwei Menschen prägt auch ihr Verhalten in der Gesellschaft. Die rotarischen Fragen bringen diese Werte zum Ausdruck.
Waren Ihnen die vier Fragen von Rotary
hilfreich
in Ihrem Berufsleben ?
Für meinen Entscheid zum Beitritt zu Rotary war es wichtig, dass ich mich in diesen Werten wiedererkenne. Es stand also nicht der Nutzen für mein Berufsleben im Fokus, sondern die Tatsache, dass unter dem Dach dieser Werte auch gute Freundschaften entstehen können.
Was oder wer hat Sie in jungen Jahren geprägt?
Natürlich in erster Linie meine Familie. Lehrpersonen spielten ebenfalls eine zentrale Rolle in meinem Leben. Ich erinnere mich an ausgezeichnete Lehrkräfte in der Primaschule, und ich unterhalte heute noch eine sehr gute Beziehung zu meinem Professor an der Universität Fribourg, Urs Altermatt. Prägend war für mich zudem die Pfadi; sie beruht wie Rotary auf einem Wertegerüst. Und sie hat dazu beigetragen, dass ich als Pfadileiter meine pädagogische Ader entwickeln konnte. Wohl habe ich im Anschluss an das Lehrerseminar in Zug nicht als Lehrer gearbeitet, später aber doch vielfältige Lehraufgaben innegehabt, vor allem an der Universität. Prägend war später auch meine Zeit in der Schweizer Armee: Sie hat mir Führungserfahrung und den Umgang mit ganz unterschiedlichen Menschen ermöglicht.
Sie sind seit Frühling 2018 Mitglied des RC Aegeri-Menzingen, damals waren Sie Gesundheitsdirektor des Kantons Zug. Erinnern Sie sich noch an Ihren Klassifikationsvortrag?
Ja, ich habe über meine Herkunft, meine Ausbildung und meine Arbeit berichtet und erinnere mich, dass ich das vor allem anhand von Bildern gemacht habe.
Zuvor waren Sie Parteipräsident und Fraktionschef der damaligen CVP im Kantonsparlament. Wie wichtig ist das C für Sie persönlich?
Ich bin mit diesen christlich geprägten Werten aufgewachsen, sie haben mich bis hin zur Partei begleitet. Auch an der Universität habe ich mich mit der Geschichte des Christentums beschäftigt, mit Autoren wie Thomas von Aquin, der das Gemeinwohl ins Zentrum stellt. Dazu kommt der starke Zusammenhalt in der Familie wie in der Gesellschaft, der typisch ist für die Zentralschweiz. Bodenständigkeit und Fröhlichkeit sind weitere Merkmale, die beispielsweise in der Fasnacht zum Ausdruck kommen.
Gehen Sie selbst auch gerne an die Fasnacht?
Ja, ich ging und gehe immer noch mit Familie und Freunden zur Fasnacht und spiele auch Posaune in einer kleinen Guggenmusik. Bloss fehlt mir seit der Wahl in den Bundesrat nun die Zeit.
Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrem Rotary Club?
Ich habe das erste Mal an einer Beerdigung von Rotary gehört. Die Bedeutung, mit der Rotary im Lebenslauf des Verstorbenen geschildert wurde, hat mich beeindruckt. Persönlich erinnere ich mich gerne an lustige Anlässe bei uns, beispielsweise den «Rotschalk» im Restaurant Gottschalk oder das Rötelessen, ein regionaler Anlass der Zuger Clubs. Am besten gefällt es mir aber, wenn man ohne grosses Programm im Clublokal zusammenkommt und miteinander plaudert.
Rotary bringt Menschen mit einer sehr breiten Berufspalette zusammen. Sie haben Germanistik und Geschichte studiert, heute tragen Sie die Klassifikation Bundesrat.
Wirklich? Das war mir gar nicht bewusst (lacht). Das ist wenigstens etwas, das man versteht – da wissen gleich alle, was der macht!
Hätten Sie sich das je vorstellen können?
Frau Dossenbach wusste es! Ich wusste es bis am 12. März 2025 nicht. Nein, dieses Amt lässt sich nicht wirklich planen, das war auch historisches Glück. Dieses Glück nehme ich seither glücklich an: Es ist ein Privileg, diese Verantwortung zu tragen und mich mit Haut und Haaren und Freude für das Amt zu engagieren. Als Regierungsratsmitglied hatte ich bereits ähnliche Aufgaben; auch auf kantonaler Ebene geht es darum, in einem Gremium mit unterschiedlichen Meinungen Lösungen zu erarbeiten. Auf nationaler Ebene sind die Dimensionen aber viel grösser.
Was ist besonders schön am Amt?
Alles, was man als Bundesratsmitglied tut, ist sinnhaft, weil man es nicht für sich selber, sondern für die gesamte Gesellschaft tut. Zudem werde ich im Departement von grossartigen Mitarbeitenden unterstützt. Dieses Arbeiten im Team gibt mir Kraft.
Dann sind Sie eher ein Teamplayer als ein «Alphatier»?
Beides. Am Ende muss jemand entscheiden und dafür hinstehen. Doch ein Alphatier macht nicht nur Vorgaben, es inspiriert, motiviert, und nimmt Risiken in Kauf, um andere vor Gefahren zu schützen. Gleichzeitig sind mir eine gute Atmosphäre und reibungsloses Zusammenarbeiten sehr wichtig, um gute Lösungen im Team zu erarbeiten.
Wie ist es im Bundesrat?
Das Verhältnis ist gut, der persönliche Kontakt ist respektvoll. Respekt ist wesentlich für die politische Arbeit. Dazu möchte ich meinen Beitrag leisten, denn ein respektvoller Umgang strahlt auch in die Gesellschaft aus - unsere Institutionen sind ein Teil davon. Im Bundesratsgremium darf man sich aber nicht davor scheuen, politische Konflikte auszutragen und so lange zu diskutieren, bis eine gute Lösung gefunden ist. Dabei soll man nicht nur an die Interessen des eigenen Departements denken.
Sie sind Oberst im Militär. Führen Sie Ihr Departement militärisch?
Die Erfahrung aus dem Militär ist ein Vorteil für die Führung meines Departements. Zudem sind die Führungs- und Analysetechniken, die im Militär vermittelt werden, hilfreich. Eine Lage beurteilen, einen Entschluss fassen, vor Menschen hinstehen: Das ist eine Erfahrungsgrundlage für junge Menschen, die im Leben hilfreich ist.
Was ist weniger angenehm an Ihrem Amt?
Man muss auch einstecken können. Harte, aber sachliche Diskussionen sind kein Problem. Schwierig ist es, wenn es persönlich wird. In solchen Momenten sind Freunde und Familie besonders wichtig. Sie lenken mich bei Enttäuschungen wieder in die richtige Bahn.
Sparen ist ebenfalls ein grosses Thema in Bundesbern.
Auch das kenne ich aus dem Kanton Zug, wir mussten ein Sparpaket nach dem anderen schnüren. Man atmet auf, wenn das vorbei ist und Investieren wieder möglich ist. Es geht nicht einfach darum, Geld auszugeben, sondern in die Zukunft zu investieren.
Wie ist es, unter ständiger Beobachtung zu stehen? Von Leuten für ein Selfie angehalten zu werden?
Das kannte ich von Zug her bereits im kleineren Rahmen. Wenn Leute auf mich zukommen, finde ich das schön.
Finden Sie noch Zeit für Freunde und Familie? Für den Rotary Club?
Familienzeit ist mir wichtig, auch wenn ich nicht mehr so viel Zeit habe wie früher. Meine vier Kinder sind bereits erwachsen, sonst wäre es schwierig, dieses Amt auszufüllen. Für den Rotary Club bleibt leider wenig Zeit; manchmal gibt es individuelle Kontakte, wenn jemand zu uns nach Hause kommt. Letzten Sommer konnte ich einmal spontan an einem Lunch teilnehmen.
Das hat den Präsidenten, Edgar Christen, sehr gefreut. Er kennt Sie wie auch Brigitte Blöchlinger von den «Special Olympics» in Zug. Beide waren sehr beeindruckt von Ihrem Engagement für Inklusion.
Ja, ich war OK-Präsident der «Special Olympics», musste das Präsidium dann aber nach der Wahl in den Bundesrat abgeben. Inklusion ist ein wichtiges Thema, für mich seit jungen Jahren auch aus persönlichen Gründen. Mein Lieblingsonkel wurde im Alter von 28 Jahren querschnittgelähmt. Wir haben häufig zusammen Schach gespielt. Schlimm war, dass er als junger Mensch im Pflegeheim mit dementen alten Menschen untergebracht war. Das hat mich sehr berührt. Heute wäre das anders, da könnte er viel besser am gesellschaftlichen Leben teilhaben.
Was wünschen Sie unserem Land für 2026?
Ich wünsche ihm, dass die Politik echte Lösungen zu Stande bringt. Wir diskutieren bereits seit vier Jahren über die Armeefinanzierung, ohne einen Konsens zu finden. Die Sicherheitslage macht mir Sorgen, etwas weniger Sorgen wären schön. Doch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft erfüllt sich nicht automatisch, sie verlangt Engagement, aufeinander zugehen, um Lösungen zu erarbeiten. Wer optimistisch in die Zukunft blicken kann, fühlt sich motiviert, sei es im Privaten, im Beruf oder in der Politik.
Rotarische Bundesräte
Neben zahlreichen Parlamentariern gehören auch vier ehemalige Bundesratsmitglieder zu Rotary: Johann Schneider-Ammann, RC Langenthal; Ruth Metzler-Arnold, RC Basel-Dreiländereck, Adolf Ogi, RC Thun-Niesen, und Samuel Schmid, RC Lyss-Aarberg.