Das Wohnmobil und der Wohnwagen sind nicht einfach nur Transportmittel, sondern eine Art, die Welt auf andere Weise zu erleben. Reisen, wohin man will und wann man will. Für Rot. Elvis Lehmann, Inhaber von GDL Camper in Corgémont, ist diese Freiheit kein Slogan. Seit seiner Kindheit hat sich dieser Lebensstil, den er über alles liebt, jedoch stark verändert.
Man könnte denken, dass Eltern, die ihren Sohn Elvis nennen, Fans des legendären amerikanischen Musikers sind, dieser Ikone des 20. Jahrhunderts und Galionsfigur der rebellischen Jugend. Die Realität ist viel unspektakulärer, wie uns Elvis Lehmann bei einem Treffen in seiner Welt der Wohnmobile und Wohnwagen in Corgémont (BE) erzählt: Der Vorname gefiel den Eltern ganz einfach. Aber abgesehen davon hatten sie tatsächlich eine ausgeprägte Vorliebe für Freiheit. Soweit Elvis sich erinnern kann, waren Ferien gleichbedeutend mit Reisen, wechselnden Horizonten und Leben im Wohnmobil – eine Art zu reisen, die ihn tief geprägt hat und die er seit seiner Kindheit liebt.
Spektakulärer Boom
Elvis sammelte seine ersten Erfahrungen als Mechaniker in der kleinen Peugeot-Werkstatt seines Vaters in Tavannes. Neben Autos importierte dieser gelegentlich auch einige Wohnmobile und Wohnwagen für Freunde. Im Jahr 2010, als Elvis gerade sein eidgenössisches Diplom als Fahrzeugdiagnostiker abschloss, schlug das Schicksal brutal zu: Sein Vater verunglückte tödlich. Der Sohn wagte daraufhin den Sprung, übernahm das Familienunternehmen und beschloss, sich ganz dem Verkauf und der Vermietung von Reisemobilen zu widmen. Seine Intuition war richtig: Die Branche hat einen spektakulären Boom erlebt. GDL Camper verkauft jährlich rund 200 Fahrzeuge in der ganzen Schweiz, 13 Neufahrzeuge werden zur Vermietung angeboten.
GDL Camper, das von Tavannes auf ein grosses Grundstück in Corgémont umgezogen ist, beschäftigt heute 22 Mitarbeitende, «allesamt Enthusiasten», betont Elvis, bevor er mit einem verschmitzten Lächeln in Richtung Valérie Andrey hinzufügt, dass dies «sogar für Valérie gilt, die es gerne bequem hat». Valérie ist für das Personalwesen und die Kommunikation zuständig und hat sich zu unserem Gespräch gesellt. Komfort? Man muss nur die riesige Ausstellungshalle durchqueren, um zu verstehen, warum.
Am Eingang eines Wohnmobils drückt Elvis einen Knopf: Im hinteren Teil des Fahrzeugs hebt sich die Plattform eines grosszügig dimensionierten Doppelbetts geräuschlos auf die gewünschte Höhe. „So können Fahrräder oder Motorräder über Nacht im Fahrzeug bleiben”, erklärt er mit einem Schmunzeln angesichts des staunenden Blicks der Journalistin. Im Inneren ist alles elegant und intelligent durchdacht: kompakte Küchenzeile, schwenkbare Duschkabine, drehbare Vordersitze. Sobald der Tisch ausgeklappt ist, finden vier Personen bequem Platz. „Es ist ein kleines Haus auf Rädern“, fasst Elvis mit einem Nicken zusammen.
Er sieht darin auch eine umweltfreundlichere Art zu reisen. „Alles ist auf Sparsamkeit ausgelegt: Wasser, Strom, Abfall, Kleidung, sogar die Bettwäsche“, erklärt er. Und er ergänzt: „Im Vergleich zu den Auswirkungen einer Flugreise könnte man fast sein ganzes Leben lang mit dem Wohnmobil reisen.“
Doch auch Liebhaber von Komfort müssen sich keine Sorgen machen. Die Betten verfügen über echte Lattenroste und gute Matratzen. Auch für kältere Momente ist vorgesorgt: Valérie greift mit breitem Lächeln nach einem über USB-Kabel aufladbaren Heizkissen, das genauso stilvoll ist wie die kabellose Laterne, die sie übrigens sogar in ihrem Garten aufgestellt hat.
In den 1950er- und 1960er-Jahren erlebten Wohnmobile und Wohnwagen sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten einen regelrechten Boom; sie ermöglichten Familien aus der Arbeiter- und Mittelschicht den Zugang zu Ferien. Wenn man heute die 7000 m² grosse Fläche von GDL Camper durchstreift – davon 1500 m² für die riesige verglaste Ausstellungshalle, in der sich auch der Laden für Campingzubehör, die Büros, ein Konferenzraum, eine Garage, eine Reparaturwerkstatt und eine Schreinerei befinden –, ist der Kontrast frappierend: Heute stehen Luxus und Eleganz im Vordergrund. Elvis bestätigt: „In der Zeit, in der ich mit meinen Eltern in die Ferien fuhr, gab es viel weniger Komfort.
Heute ist die Auswahl an Zubehör fast unbegrenzt: Fernseher, Kaffeemaschinen, 140-Liter-Kühlschränke, Sonnenkollektoren, Hydraulikzylinder ...”
Ferien mit dem Wohnmobil oder Wohnwagen sind also nicht mehr unbedingt eine günstige Alternative zum Hotel. Man muss den Kauf oder die Miete des Fahrzeugs, den Treibstoff, die Parkgebühren, die Versicherung und die Wartung einkalkulieren.
Freiheit total
Dafür bietet diese Art des Reisens einen entscheidenden Vorteil: Freiheit. «Es ist die totale Freiheit, ein echter Lebensstil», schwärmt der Chef von GDL Camper. Ein Lebensstil, den ein Teil der Hotelkundschaft insbesondere während der Covid-Zeit schätzen gelernt hat. Die Begeisterung für das Leben im Van ist inzwischen etwas abgeklungen. Insgesamt aber zeigen die Zahlen – ausser bei den Vans – weiterhin einen Aufwärtstrend.
Die Pandemie hat zudem den Ausbau von Stellplätzen in der Schweiz beschleunigt, der bis dahin insbesondere im Vergleich zu den nordeuropäischen Ländern etwas hinterherhinkte. Elvis denkt dabei an Norwegen, wo er einen seiner schönsten Urlaube verbracht hat: Dort ist das Recht auf Zugang zur Natur fest in der Kultur verankert, und die Infrastruktur ist perfekt auf Reisemobile zugeschnitten.
Wo liegt also das Profil der Kundschaft, die sich zwischen Luxus und Camper-Spirit bewegt? Elvis schätzt das Durchschnittsalter auf etwa 57 Jahre – Tendenz sinkend. Das durchschnittliche Budget für einen Kauf liegt bei rund 75000 Franken, kann sich für einen Offroader wie den Adria Mercedes Supertwin, der 2,93 Meter hoch und mit Sonnenkollektoren ausgestattet ist und sich ideal für Abenteuer in der Wüste eignet, fast verdoppeln. «Das ist ein neuer Trend», bestätigt er. Einzige Einschränkung: Für diesen Fahrzeugtyp ist ein Führerschein für leichte Lastwagen erforderlich, während für klassische Modelle ein Autoführerschein ausreicht.
Was die Reisezeiten angeht, so gibt es keine wirkliche Saison mehr. Die Fans reisen das ganze Jahr über, auch im Winter in der Schweiz – eine Entwicklung, die durch die Einführung des Magic Pass zusätzlich beflügelt wird. Elvis geht mit gutem Beispiel voran: Vor kurzem verbrachte er mit seiner Frau und seinen drei Kindern im Alter von 9, 13 und 14 Jahren einige Skitage in Leysin, wo sie in einem Wohnmobil übernachteten. «Wir sind Fanatiker», lacht er. Diese mobile Lebensweise ermöglicht es ihnen auch, ihre Kinder zu ihren Sportwettkämpfen – Turnen, Reiten oder Eishockey – zu begleiten und jede Reise zu einem kleinen Familienabenteuer zu machen.
Die meisten Buchungen gibt es hingegen im Sommer, aufgrund der langen Schulferien, sowie in der Zeit vor den Feiertagen zum Jahresende. „Es sind vor allem Pensionierte, die dann nach Südeuropa oder Afrika reisen“, erklärt Elvis, und sagt zusammenfassen: „Wir verkaufen Träume“. Das macht seinen Beruf besonders reizvoll. Er arbeitet im Bereich der Freizeitsgestaltung, nicht des Notwendigen. Die Kundenbeziehung ist daher natürlich eine andere.
Unter seinen Kunden befindet sich übrigens mindestens ein Rotarier – Pierre Graden, ehemaliger Governor des Distrikts 1990 – sowie eine "Löwin": Valérie Andre ist Präsidentin der Lions Espace Biel-Bienne. Lions und Rotarier verstünden sich hervorragend, scherzen Elvis und Valérie. Zusammen mit den Kiwanis treffen sich die drei Service-Clubs der Region alle drei Jahre.
Elvis selber ist seit 2016 Mitglied des Rotary Clubs Les Reussilles; er wurde bei einem Dorffest in Tavannes angesprochen. Er schätzt die freundliche Atmosphäre des Clubs und den Austausch mit erfahrenen Mitgliedern – das ist gerade für einen jungen Unternehmer in voller Expansion sehr wertvoll. Fünf Jahre lang war er im Club als Sekretär tätig und engagierte sich erfolgreich dafür, jüngere Mitglieder zu gewinnen.
Bevor wir uns verabschieden, kommt noch ein weiterer Lifestyle-Trend zur Sprache: Glamping, eine Wortschöpfung aus «Glamour» und «Camping» . Diese gehobenen Einrichtungen, die Gäste auf Campingplätzen willkommen heissen, begeistern Elvis allerdings wenig. «Sie schränken die verfügbaren Plätze für Wohnmobile ein und sind somit eher Konkurrenten», meint er. Man versteht sofort: Mit dem Urlaub echter Campingfans hat das nichts zu tun.