Der letzte Anruf aus Gaza

Sonntag, 1. März 2026

Text: Moh Eid/red

Ein Rotary Peace Fellow erzählt die Geschichte seines Bruders Ibrahim, der für das Rote Kreuz tätig war und im Nahen Osten getötet wurde.

«…aus einem anderen Ort meines Herzens heraus». Das waren die letzten Worte, die mein jüngerer Bruder Ibrahim je zu mir sagte. Er sprach sie im Mai 2025, während eines Telefonats, das unser letztes sein sollte. Ich rief aus den Vereinigten Staaten an. Ibrahim arbeitete für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Er lag auf einer schmalen Feldliege in einem Zelt des Feldspitals von Al-Mawasi in Rafah, im Gazastreifen. Die Feldliege war zu seinem behelfsmässigen Schreibtisch geworden. Draussen surrten Drohnen, ihr Geräusch war unablässig und laut.

Wie immer begannen wir mit Belanglosem. Im Nahen Osten bricht man das Eis mit der Frage: «Was hattest du heute zum Mittagessen?» Eine einfache Art, sich nach dem Befinden des anderen zu erkundigen. Doch seit über einem Jahr hatte ich auf diese Frage keine Antwort mehr. Was hätte ich auch erwidern sollen, wenn er mir erzählte, dass er und seine Kollegen – wenn sie Glück hatten – eine Dose Bohnen teilten? Ich fragte ihn, wie es unserer Familie in Gaza gehe. Er sagte, unsere Eltern lebten von dem Wenigen, das sie noch bekommen konnten. Keine Medikamente. Kein sauberes Wasser. Keine Kleidung, keine Schuhe. Die Menschen hatten alles verloren.

Und doch lag in Ibrahims Stimme eine Ruhe, die mich irritierte. Vielleicht hatte sie mit seiner neuen Aufgabe zu tun. Er arbeitete als Spezialist für Waffenrückstände, zuständig für nicht explodierte Sprengkörper in Wohnquartieren. Um Leben zu schützen, beschäftigte er sich täglich mit den Werkzeugen des Todes. «Wenn wir es nicht tun», sagte er, «werden Kinder sie finden.»

Ibrahim war vier Jahre jünger als ich. Schon als Kinder folgte er mir gern. Wir besuchten dasselbe College, belegten ähnliche Kurse und hatten, vier Jahre zeitversetzt, sogar dieselben Professoren. Wir lernten gemeinsam tauchen, sahen uns Videos auf YouTube an und übten dann im offenen Wasser. Wir waren gegenseitig unsere Sicherheitsbegleitung. Ibrahim war grösser und kräftiger als ich, deutlich grösser, und ich machte mir oft einen Scherz daraus, ihn Freunden als meinen «kleinen Bruder» vorzustellen. Das Gelächter war jeweils garantiert. Selbst Verwandte aus dem Ausland hielten ihn häufig für den ältesten Sohn.

Ibrahim war ehrgeizig und fleissig. Selbst während des Krieges schrieb er sich für ein Online-MBA-Programm an einer nationalen Universität ein. Er glaubte an Bildung und an die Kraft des Wissens, Gemeinschaften zu stärken. 

Am zweiten Tag des Krieges, im Oktober 2023, traf eine Bombe von einer Tonne Gewicht unser Familienquartier in Rafah. Das Haus stürzte ein, während Ibrahim schlief. Nachbarn gruben mit blossen Händen nach Überlebenden. Ibrahim wurde blutüberströmt geborgen, sein rechter Arm von Splittern zerfetzt. Im Krankenhaus nähten Ärzte seine Wunden auf dem Boden zusammen und schickten ihn wieder fort – die Betten waren für die «weniger Glücklichen» reserviert. Noch am selben Tag kehrte Ibrahim zurück, um nach unserer Familie und den Nachbarn zu sehen.

In den folgenden 19 Monaten wurde Ibrahim, gemeinsam mit unserem Bruder Ayman, zum Beschützer der Familie. Er brachte unsere betagten Eltern, zwei Schwestern und unsere kleine Nichte Suzan immer wieder in Sicherheit. Zehnmal zogen sie um, auf der Flucht vor Luftangriffen, Drohnenattacken und der Bodenoffensive. Manchmal schliefen sie unter freiem Himmel. Manchmal gab es tagelang weder Essen noch Wasser. Wenn das Internet funktionierte, sprachen wir über WhatsApp. Wenn nicht, lag ich nachts wach, starrte auf den Bildschirm und wartete darauf, dass ihre Namen wieder aufleuchteten.

Ibrahim hatte einen ausgeprägten Sinn für Humor. Humor war unsere Rüstung. Selbst wenn um ihn herum alles zerbrach, fand er etwas, das andere zum Lächeln brachte. Er nutzte Humor nicht als Flucht vor der Realität. Er kam aus einer reifen, zugewandten Sicht auf die Welt – um andere aufzurichten und ihnen durch schwere Tage zu helfen.

Ich verliess Gaza 2017. Ich war als Peace Fellow an das Rotary Peace Center der Duke University und der University of North Carolina in Chapel Hill aufgenommen worden. Am Abend vor meiner Abreise war ich tieftraurig bei dem Gedanken, meine Familie für zwei Jahre zurückzulassen. Der Gedanke an den Abschied war kaum auszuhalten. «Zögere nicht», sagte Ibrahim. «Geh. Lerne. Wir sind hier, wenn du zurückkommst.»

Am nächsten Morgen holte er eine dekorative Trommel aus dem Haus und organisierte für mich eine Zaffa, einen ausgelassenen, hochzeitsähnlichen Umzug, als Abschied. Unser letzter gemeinsamer Morgen war erfüllt von Lachen, Tanz und Tränen. So war Ibrahim. Selbst im Abschied sorgte er dafür, dass es Leichtigkeit gab.

In den Vereinigten Staaten ging das Leben weiter. Ich studierte Internationale Entwicklung an der Duke University und Global Studies an der UNC. Nach dem Abschluss arbeitete ich für eine Non-Profit-Organisation in Washington, D.C., kehrte später an die UNC zurück und gab Kurse zu Konfliktanalyse und Zivilgesellschaft. Als Rotary ankündigte, eine Stelle zur Unterstützung eines neuen Friedenszentrums im Nahen Osten und in Nordafrika schaffen zu wollen, wusste ich sofort, dass ich mich bewerben würde. Es war der Traumjob, den Ibrahim mich ermutigt hatte, zu verfolgen.

Im Juli 2025 erhielt ich einen Anruf von Linda Low, einer Freundin und früheren Präsidentin meines früheren Rotary Clubs. «Moh», sagte sie, «wir hatten einen Gastredner, der gerade aus Gaza zurückgekehrt ist. Als er über einen Kollegen sprach, wurde uns klar: Er meinte deinen Bruder.» Während des Clubmeetings erzählte der Gastredner liebevoll von Ibrahims aussergewöhnlichem Lachen und sprach warm von ihrer gemeinsamen Zeit. Obwohl ich diesen Mann nie zuvor getroffen hatte, tröstete es mich zu wissen, dass der Geist und der Charakter meines Bruders andere auf so bedeutsame Weise berührt hatten.

Der Gastredner war Henrique Garbino, Rotary Peace Fellow aus Brasilien. Er war mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Gaza im Einsatz gewesen. Ich nahm sofort Kontakt auf. Als wir uns über Zoom austauschten, beschrieb Henrique den Aufbau des Feldspitals in Rafah – jenes Spital, in dem mein Bruder gearbeitet hatte. Ihre Begegnung war kurz gewesen, doch die Tatsache, dass sie in einer so extremen Situation zusammengearbeitet hatten, verlieh dieser Verbindung für meine Familie und mich eine besondere Tiefe. Zu wissen, dass sich die Wege eines weiteren Rotary Peace Fellows und meines Bruders unter demselben Zeichen des Dienstes gekreuzt hatten, überwältigte mich. Ich weinte – und empfand grosse Dankbarkeit.

Dieses Gespräch schenkte mir einen fragilen Moment des Friedens. Und doch kehrt die Erinnerung an den Tag, an dem wir Ibrahim verloren, mit unverminderter Klarheit zurück – als sei keine Zeit vergangen. Es war der 24. Mai 2025. Ibrahim war von seiner Arbeit beim Roten Kreuz in die provisorische Unterkunft zurückgekehrt, in der unsere Familie lebte. Es war sein 32. Geburtstag. Er hatte einen Freund eingeladen, und später am Tag wollte er die Familie der Frau besuchen, die er liebte, um um ihre Hand anzuhalten. Meine Mutter hatte Essen vorbereitet. Sie sassen auf dem Dach und assen gemeinsam zu Mittag.

Eine hochentwickelte Militärdrohne entdeckte sie und feuerte eine Rakete auf das Dach. Die Explosion riss den Beton auf, schleuderte Splitter in alle Richtungen. Die Druckwelle drang durch die Decke in das darunterliegende Stockwerk und verletzte meinen Vater. Als die Familie begriff, dass die Explosion vom Dach ausgegangen war, rief meine Mutter Ibrahims Namen. Gemeinsam mit meinen Schwestern und dem verletzten Vater rannte sie nach oben. Sie fanden Ibrahim und seinen Freund in ihren letzten Lebensmomenten. Sie versuchten, sie zu retten – doch es war nichts mehr zu tun. Beide starben in den Armen meiner Familie.

Nachbarn halfen, die Körper ins Krankenhaus zu bringen. Wegen der anhaltenden Bombardierungen drängte das Spital auf eine rasche Beisetzung. Ein kurzes Gebet, dann eine hastige Beerdigung auf einem nahegelegenen Friedhof. Obwohl sie nur wenige Schritte entfernt lebten, durften meine Mutter und meine Schwestern sich nicht ein letztes Mal verabschieden. Es war zu gefährlich, das Haus zu verlassen.

In den Tagen danach schrieb ich Nachrichten an Ibrahims Telefon – in der vergeblichen Hoffnung, seine Stimme noch einmal zu hören. Ich spielte unser letztes Gespräch immer wieder in meinem Kopf ab. Und erinnerte mich daran, wie er mir, als ich mich um seine neue Arbeit sorgte, gesagt hatte: «Die Menschen brauchen jede Hilfe, die sie bekommen können. Ich tue das nicht als Job. Ich handle jetzt aus einem anderen Ort meines Herzens heraus.»

Ibrahim war kein Rotarier, doch er lebte den Geist von Rotary: Er diente anderen, stärkte die Menschen um sich herum und glaubte daran, dass Mitgefühl selbst im Trümmerfeld existieren kann. Mit eigenem Geld kaufte er Lebensmittelpakete für Nachbarn, brachte Hilfsgüter zu Familien, die nichts mehr hatten – und riskierte täglich sein Leben, um Strassen für Kinder sicherer zu machen.

Ibrahim war mein jüngerer Bruder, mein Schatten, mein Spiegel, mein Gefährte. Wir halfen einander aus Schwierigkeiten heraus – und gerieten gemeinsam in andere hinein. Er glaubte an die Kraft des Wissens, den Mut der Güte und die Pflicht zu handeln, wenn andere es nicht können. Seine Stimme begleitet mich bis heute in jedes Gespräch über Frieden. Doch seine Geschichte gehört nicht nur mir. Sie gehört jeder Familie, die jemanden verloren hat, der einfach leben wollte.

Wenn Sie diesen Text lesen, bitte ich Sie: Ehren Sie Ibrahim, indem Sie die Rotary Peace Centers unterstützen. Dieses Stipendium gab mir, Henrique, Linda und vielen anderen die Werkzeuge, dort zu wirken, wo Frieden am verletzlichsten ist. Es bildet Menschen aus, zuzuhören, wo Wut am lautesten spricht – und wieder aufzubauen, was Gewalt zerstört.

So ehre ich meinen Bruder: indem ich die Arbeit fortsetze, an die er geglaubt hat. Denn selbst nach allem glaube ich – wie er –, dass Frieden in jenen Herzen beginnt, die sich weigern, aufzugeben.

Moh Eid ist Rotary Peace Fellow, Mitglied des RC Evanston Lighthouse (Illinois) und Program Officer der Rotary Peace Centers.

Auch wenn er kein Rotarier war: Ibrahim Eid (im Bild) war stets bereit, anderen zu dienen Foto: Rotary International