Grenzen überqueren, Menschen verbinden

Freitag, 1. Mai 2026

Denise Lachat

In einer Zeit, in der ein paar Klicks ausreichen, um eine Reise zu organisieren, vertritt Raphaël Lathion eine andere Vision: die des direkten Kontakts, der Reisen nach Mass und der Kontinuität. Porträt eines Walliser Unternehmers, der zusammen mit zwei Cousins und einer Cousine ein Familienunternehmen leitet, das seit über einem Jahrhundert immer wieder Grenzen überwindet.

Ein Termin für ein Porträt für das Magazin von Rotary Schweiz-Liechtenstein? «Warum nicht», antwortet Raphaël Lathion, Verkaufsleiter von Lathion Voyages et Transports SA, und fügt ganz natürlich hinzu: «Wir könnten ja mit einem Kaffee beginnen.»

Allein dieser Vorschlag bringt vielleicht schon die Essenz der Dienstleistungen eines traditionellen Reisebüros auf den Punkt, das im Zeitalter der Digitalisierung immer seltener geworden ist: direkten Kontakt zum Kunden herstellen, sich Zeit nehmen, um auf seine Erwartungen einzugehen, massgeschneiderte Lösungen anbieten. Denn seien wir ehrlich: Heute genügen ein paar Klicks, um Flugtickets zu kaufen oder eine Unterkunft auf Online-Plattformen zu buchen. Die Vermittlung durch ein Reisebüro ist nicht mehr unbedingt notwendig, um Grenzen zu überschreiten.

In ihrem Büro in Sitten, gegenüber dem Bahnhof, empfängt die Agentur ihre Kunden in einer Atmosphäre, die an die Lobby eines modernen Hotels erinnert: hell, luftig, einladend. Raphaël Lathion schmunzelt und räumt ein, dass seine Dienstleistungen wohl nicht mehr unbedingt notwendig seien, aber zweifellos Komfort und Sicherheit böten, die viele Menschen nach wie vor schätzten. Vorbei sind zwar die Zeiten, in denen Flugtickets echte Wertpapiere waren, die Raphaël als Reisebegleiter an alle möglichen Destinationen der Welt für die Kunden  sorgfältig in einem Koffer aufbewahrte. Doch seine Erfahrung, das Know-how und vor allem das umfangreiche Netzwerk an privilegierten Kontakten – nicht nur zu Fluggesellschaften, sondern zu allen Reisepartnern – sind nach wie vor wichtige Vorteile. Vorteile, die sich seit fast sechzig Jahren bei einer treuen Kundschaft bewährt haben.

Wachstum im Premium-Segment

«Wir stellen Reisen nach Mass zusammen. Wir kümmern uns um die Reisedokumente, Transfers, Unterkünfte, Besichtigungen mit lokalen Reiseführern, Mahlzeiten ...» Zu den Spezialitäten der Agentur gehören Gruppenreisen, die oft für Vereine, Gesellschaften oder Unternehmen aus den Regionen organisiert werden, in denen Lathion Voyages vertreten ist: Sitten, Siders, Monthey und Montreux. Eine gesellige Art, Grenzen zu überschreiten und andere Länder und Kulturen zu entdecken.

Was sich laut Raphaël in den letzten zwanzig Jahren grundlegend geändert hat, ist die Grösse der Gruppen. Früher bestanden sie aus fünfzig oder mehr Personen, heute sind sie deutlich kleiner. Der Trend geht zu einer stärkeren Individualisierung. «Der Premium-Sektor gewinnt an Bedeutung», bestätigt er. Die Marke Lathion Collection bietet daher Reisen in kleinen französischsprachigen Gruppen an, insbesondere nach Oman, Litauen, Armenien oder entlang des Kongo-Flusses, «die ein einzigartiges Erlebnis bieten und Komfort, Authentizität und persönlichen Service auf jeder Etappe verbinden».

Vom Maultier zum Reisebus

Das Familienunternehmen, das heute von Raphaël und seinen Verwandten in der vierten Generation geführt wird,  blickt auf eine lange Geschichte zurück. Sie hat fernab von organisierten Reisen in einem noch ländlichen Wallis begonnen, als das Geschäft auf den Transport von Kohle auf dem Rücken von Maultieren ausgerichtet war. Bereits 1918 legte Jules Lathion den Grundstein für das Unternehmen. Es entwickelte sich rasch und diversifizierte mit dem Transport von Gütern für die grossen Staudammprojekte, insbesondere für die Grande Dixence und Cleuson.

In den 1950er Jahren lösten motorisierte Fahrzeuge die Maultiere ab. Ein entscheidender Wandel, der in den 1960er Jahren einen Wendepunkt markierte: Das Transportgeschäft wurde erweitert und öffnete sich nach und nach für den Reiseverkehr. Mit einem Hauch von Nostalgie holt Raphaël die Fotos hervor, die ihm sein Vater Paul für das Interview anvertraut hat. Darauf ist Urgrossvater Jules, gebürtig aus Nendaz, zu sehen, wie er hoch über Sitten stolz neben einem eleganten Sechssitzer posiert. Bereits 1927 beförderte er für die Post Passagiere im Tal und legte damit den Grundstein für ein nachhaltiges unternehmerisches Abenteuer, das fest in der Region verankert, aber gleichzeitig klar nach aussen gerichtet war. Dabei darf nicht vergessen werden, dass das Wallis einen Teil seiner Grenzen mit Italien teilt und Mailand nur drei Autostunden entfernt ist.

Im Jahr 1939 beförderte die von Jules betriebene Postlinie täglich etwa fünfzehn Personen. Sechs Jahre später hatte sich diese Zahl versechzehnfacht: Ein erster Saurer/Lauber-Bus wurde angeschafft. Getragen von der touristischen Entwicklung der Region Nendaz, schlug das Unternehmen nun eine neue Richtung ein. In den 1960er Jahren diversifizierte Pierre, der Sohn von Jules, die Aktivitäten und eröffnete ein erstes Reisebüro in Sitten: genau das, in dem wir heute mit seinem Enkel Raphaël für das Interview sitzen. Nach dem unerwarteten Tod von Pierre im Jahr 1973 übernahmen seine fünf Söhne – Michel, Antoine, Jean-Bernard, Jacques und Paul, der Vater von Raphaël – das Ruder und sicherten den Fortbestand des Unternehmens. In den 1990er Jahren entstand mit der Eröffnung einer Deponie für anorganische Abfälle ein neues Geschäftsfeld.

Heute leiten Raphaël, seine beiden Cousins und seine Cousine das Unternehmen, das sich zur Groupe Lathion entwickelt hat. Da sie seit ihrer Kindheit viele Aktivitäten gemeinsam unternommen haben, verläuft die Zusammenarbeit harmonisch, auch auf beruflicher Ebene. „Wir haben einen gemeinsamen Hintergrund, oft die gleichen Ideen, und wir können offen miteinander reden”, berichtet Raphaël. "Dreissig Jahre im selben Unternehmen zu arbeiten, ist heutzutage selten geworden.”

Raphaël versichert, dass er sich aus freien Stücken und ohne Druck für den Einstieg in die Firma entschieden hat. Für ihn war es ein selbstverständlicher Schritt, da er in dieser Welt gross geworden ist. Er hat erlebt, wie sein Vater und seine Onkel selbst am Steuer der Reisebusse sassen, und er hat als Kind mit seinen Eltern die Welt bereist: Europa natürlich, aber auch Nordafrika, die Vereinigten Staaten und Südamerika. Eine Busreise nach Skandinavien hat ihn in seiner Kindheit besonders geprägt. Später waren es seine Reisen nach Peru und Bolivien sowie nach Bali, die er gemeinsam mit seiner Frau unternahm, die ihm unvergessliche Erinnerungen bescherten.

Aber Reisen sind nicht der einzige rote Faden in der Familien-DNA. Auch Rotary ist ein fester Bestandteil davon. Pierre, Raphaëls Grossvater, war der erste Rotarier in der Familie. Zwei seiner Söhne traten in seine Fussstapfen: Jacques und Paul, Raphaëls Vater. «Er ist ein echter Rotarier», schwärmt Raphaël: Seit fünfzig Jahren ist er Mitglied des Rotary Clubs Sitten und nimmt noch immer regelmässig an den Treffen teil. Raphaël räumt ein, dass er selber etwas länger gebraucht hat, bevor er sich ebenfalls engagierte. Er wollte vor allem voll und ganz verfügbar sein, was schwierig war, als seine beiden Kinder noch klein waren. Vor rund zehn Jahren trat er schliesslich dem Club bei. Obwohl er viele Mitglieder bereits durch seinen Vater kannte, sagt er, dass er dort weitere interessante Menschen kennengelernt und sowohl sein berufliches als auch sein persönliches Netzwerk erweitern konnte. Und er hat erneut Grenzen überschritten – diesmal im übertragenen Sinne. „Bei Rotary isst man gemeinsam mit Menschen, mit denen man sich sonst wahrscheinlich nie an einen Tisch gesetzt hätte. Das ist grossartig."

Rot. Raphaël Lathion, Mitglied des RC Sion, ist Verkaufsleiter bei Lathion Voyages et Transports SA

Beförderung von Reisenden im Wallis der 1920er Jahre: Jules Lathion (links) vor seinem Wagen mit sechs Sitzplätzen