Wo der Tisch zur Bühne wird

Sonntag, 1. März 2026

Viktoria Leitz

Pro Table ist mehr als ein Fachgeschäft: Hier wird Kaffee geröstet, gekocht, gelacht – und Tischkultur gelebt. Geführt wird das Haus von den Rotariern Roman und Cyrill Wehrle, Vater und Sohn.

Tischkultur beginnt nicht mit Porzellan. Sie beginnt mit einer Entscheidung. Mit der Entscheidung, sich Zeit zu nehmen – für andere, für Gespräche, für den Moment. Ein Tisch ist nicht einfach nur ein Möbelstück, er ist ein Ort, an dem Zwischenmenschliches Raum findet.

Viele verbinden Tischkultur noch immer mit Regeln, Etikette und einer gewissen Steifheit. Mit gestärkten Servietten, festgelegten Abläufen und der Unsicherheit, welche Gabel die richtige ist. Doch jenseits dieser Bilder zeigt sich etwas anderes: der Tisch als Treffpunkt. Als Raum für Kreativität. Als Möglichkeit, sich zu zeigen – nicht perfekt, sondern persönlich. Die beiden Rotarier Roman und Cyrill Wehrle vermitteln genau dieses Konzept seit Jahrzehnten täglich in ihrem Geschäft Pro Table.

Bei Pro Table in St. Gallen wird Tischkultur nicht als starres Konzept, sondern als Grundverständnis interpretiert. «Der Tisch soll ein Treffpunkt sein», erläutert Cyrill Wehrle, der Pro Table seit 2019 führt. «Es gibt kein Richtig oder Falsch. Man soll sich frei fühlen und einfach am Tisch zusammenkommen.» Tischkultur bedeutet für ihn nicht Inszenierung, es bedeutet Offenheit, bei der auch Gegensätze nebeneinanderstehen dürfen. «Selbst wenn man Silberbesteck geerbt hat, kann man das problemlos mit Neuem kombinieren.» Entscheidend sei nicht die Einheitlichkeit, vielmehr die innere Überzeugung dahinter.

Das Thema ist heute aktueller denn je. Gegessen wird häufig nebenbei, zwischen Terminen, nicht selten mit Blick aufs Display. Was dabei verloren geht, ist nicht nur Zeit, es ist Präsenz. «Das Zwischenmenschliche findet nirgends so schön statt wie am Tisch», sagt Cyrill Wehrle. Der Tisch wird damit zu einem stillen Gegenentwurf zur Beschleunigungskultur des Alltags.

Was bleibt, wenn man sich Zeit nimmt

Für ihn ist diese Haltung biografisch gewachsen: Er ist in einem Elternhaus gross geworden, in dem gemeinsam gegessen wurde und der Tisch immer mehr war als ein Ort der Nahrungsaufnahme. «Wir haben immer alle zusammen gegessen – ohne Handy, ohne Ablenkung. Man hat vom Tag erzählt, man hat gewartet, bis alle fertig waren, und ist gemeinsam aufgestanden.» Es waren einfache Regeln, getragen von Respekt und Aufmerksamkeit. Tischkultur als gelebter Alltag.

Auch für seinen Vater, Roman Wehrle, ist dieser Gedanke zentral. Herr Wehrle Senior spricht über Tischkultur nicht als Trend, sondern als anthropologische Konstante: «Am Tisch sitzen und kommunizieren, das ist das Wichtigste. Das haben wir Menschen über Jahrtausende gemacht, auch wenn es ursprünglich nur ein Holzlöffel war.» Gerade in einer Zeit permanenter Erreichbarkeit werde das bewusste Zusammensitzen wieder relevanter. «Mit dem Handy wird das sogar noch wichtiger. Man müsste sich viel öfter bewusst eine Pause nehmen, in Ruhe essen und miteinander sprechen.» Tischkultur bedeutet in diesem Sinne Entschleunigung. «Es muss ja nicht immer stundenlang sein», stimmt Cyrill Wehrle zu. «Manchmal reicht eine halbe Stunde. Entscheidend ist, dass man sich bewusst Zeit nimmt und nicht nur isst, um satt zu werden.» Dabei geht es um mehr als blosse Nahrungsaufnahme – es geht um Austausch, um Genuss, um geistige und körperliche Regeneration.

Ihre Überzeugungen zeigen sich auch im Verständnis von Qualität. Ein guter Gegenstand zeigt seinen Wert nicht im Moment des Kaufs, sondern im Gebrauch, nach Jahren oder Jahrzehnten, wenn er sich bewährt hat und vertraut anfühlt. Bei Pro Table werden Produkte nicht nur ausgewählt, man kennt jedes einzelne Stück. «Wir arbeiten mit langjährigen Lieferanten und Manufakturen zusammen. Wir testen die Produkte selbst und wissen genau, woher sie kommen», erklärt Wehrle Junior. Dieses Wissen ermögliche es, Vertrauen weiterzugeben.

Für den Senior gehört dazu auch Konsequenz: «Bei uns kann jeder Kunde das Besteck mit nach Hause nehmen und testen. Es macht keinen Sinn, wenn es nicht gut in der Hand liegt.» Qualität müsse sich im Alltag beweisen – nicht im Schaufenster. Und damit sei wirklich der Alltag gemeint, da viele Familien nur zu besonderen Anlässen auf Silberbesteck und Co. zurückgreifen würden. «Die schönen Dinge sollen gebraucht werden, nicht den Grossteil des Jahres einfach im Kasten stehen.»

Das wird bei der Frage nach für sie unverzichtbaren Gegenständen nochmals deutlich. Für Cyrill Wehrle ist es eine schlichte Chromstahlpfanne. «Mit der kann man schlussendlich alles machen; Spiegelei, Rösti, man kann darin schmoren. Ein Gegenstand, den ich jeden Tag brauche. So etwas hat man ein Leben lang“, sagt er. Sein Vater nennt den Silberkelch. «Es gibt nichts Schöneres und es ist einfach eine Offenbarung, daraus zu trinken. Egal, ob Wasser oder Champagner.» Beide Beispiele erzählen vom selben Verständnis: Qualität ist nicht das Besondere für seltene Momente, sondern das Verlässliche und Schöne für jeden Tag.

Pro Table versteht sich selbst nicht als klassischen Verkaufsraum, vielmehr ist er ein Begegnungsort. Menschen sollen ihn mit einem guten Gefühl verlassen – unabhängig davon, ob sie etwas gekauft haben. «Ich finde es schön, wenn die Leute Freude haben und erkennen, welchen Wert ein Produkt hat», so Cyrill Wehrle. «Das steht oft im Gegensatz zur gängigen Verkaufskultur.» Sein Vater ergänzt: «Jeder Kunde soll strahlend den Laden verlassen. Es soll ein schönes Erlebnis gewesen sein, mit sympathischen Begegnungen, einer kompetenten Beratung und oder einfach mit einem guten Gespräch.»

Gemeinsames Kochen, gemeinsames Erleben

Wie Tischkultur verstanden wird, zeigt sich ganz klar in der Kochschule «cook + eat», die seit mehr als 25 Jahren besteht. Gespräche, Schnippeln, Kochen, Lachen. Abende, an denen Fremde zu Tischgenossen werden. «Es geht um Teilen, Austauschen, Geniessen», berichten die Wehrles. Die Abende seien geprägt von Miteinander und Offenheit, ähnlich wie die gemeinsamen rotarischen Mittagessen. «Bei uns kann man sich ausprobieren und kreativ sein. Es ist ein Miteinander und Zusammenkommen, das man einen Abend lang geniessen kann.» Dabei entstehen Räume, die über das Kulinarische hinausgehen. Alleinstehende finden Anschluss, vielbeschäftigte Menschen eine bewusste Pause. «Es kommen viele Ärzte oder Manager, die hier ganz bewusst runterfahren», erzählt Wehrle. «Das ist gut für die Seele – neben dem guten Essen.»

Der Standort St. Gallen wirkt dabei leise im Hintergrund. Die Textil- und Kulturtradition der Stadt, der Manufakturgedanke, das Wissen um Handwerk und Beständigkeit – all das prägt das Selbstverständnis. «Der Manufakturgedanke ist hier zu Hause», berichtet das Duo, «und genau den geben wir weiter.»

So unterscheidet sich die nächste Generation weniger in der Philosophie als in der Art, sie zu vermitteln. Moderne Kommunikationsmittel werden genutzt, ohne den Kern zu verändern. Qualität und Service bleiben gleich. «Ich glaube nicht, dass unsere Ideen sich gross unterscheiden», sagt Cyrill Wehrle. «Wir haben dieselbe Haltung, nutzen heute jedoch teilweise einfach andere Werkzeuge, sie zu transportieren.»

Am Ende ist Tischkultur keine Frage des Stils. Sie ist eine Frage der Aufmerksamkeit. Sie zeigt sich darin, ob man bereit ist, den Moment nicht zu verkürzen. Ob man das Zusammensein als Unterbrechung empfindet oder als Kern des Alltags. Wenn der Tisch abgeräumt ist, bleiben keine perfekten Bilder. Es bleiben Gespräche. Nähe. Erinnerung. Und manchmal ist es genau das, worauf es ankommt.

Führen ProTable: die Rotarier Roman (links) und Cyrill Wehrle