Umgangsformen sind kein Anachronismus – sie erleichtern das Miteinander. Ein Buch von Rot. Barbara Zehnder und Mitautor Daniel Senn zeigt, wie das gelingt.
Es gibt Bücher, die man nicht sucht, sondern plötzlich dringend braucht. «Meeting · Dining · Dress Codes» gehört genau in diese Kategorie. Denn auch wenn unsere Welt heute lockerer scheint als je zuvor, gibt es immer wieder Situationen, in denen gute Umgangsformen entscheidend sind: beim Geschäftsessen mit einer internationalen Delegation, bei der Einladung zu einem festlichen Anlass oder schlicht bei der Frage, was «Smart Casual» eigentlich bedeutet.
Rot. Barbara Zehnder und Daniel Senn, die beiden Autoren, bringen dafür zusammen, was man sonst selten in einem Band findet: jahrzehntelange Erfahrung auf dem diplomatischen Parkett, in der internationalen Hotellerie und in unzähligen Seminaren, in denen sie Diplomaten, Manager und Berufseinsteiger gecoacht haben. Was sie schreiben, ist erprobt, geerdet und auf den Alltag zugeschnitten. Kein Wunder, dass ihr Handbuch im Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten als Pflichtlektüre für Nachwuchsdiplomaten gilt, und auch im österreichischen Aussenministerium eingesetzt wird.
Inzwischen liegt das Werk in einer aktualisierten und erweiterten dritten Auflage vor. Das Buch ist nach den drei klassischen Säulen gegliedert: Meeting & Greeting, Wining & Dining sowie Dress Codes & Styling. Schon der Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt: Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Vom richtigen Umgang mit Visitenkarten in China über Serviceregeln bei mehrgängigen Menüs bis hin zu den feinen Unterschieden zwischen «Business Casual», «Semi Formal» und «White Tie»: alles ist dabei, klar erklärt, illustriert durch Beispiele, ergänzt mit historischen Verweisen und Checklisten. Der Bereich der digitalen Etikette wurde weiter ausgebaut – vom professionellen E-Mail-Verkehr bis zum souveränen Auftritt in virtuellen Meetings.
Zwischen Smalltalk und Sitzordnung
Besonders nützlich ist die Konkretheit. Im Abschnitt «Meeting & Greeting» geht es nicht nur darum, wie man einen Händedruck ausführt oder eine Visitenkarte übergibt, sondern auch um die feinen Unterschiede in verschiedenen Kulturen: in Japan mit beiden Händen und einer Verbeugung, in Indien nur mit der rechten Hand, in Georgien ganz ohne förmliches Vorstellen auf der Strasse. Solche Details lassen erahnen, wie schnell man in Fettnäpfchen treten kann, und wie einfach man sie mit ein wenig Wissen vermeidet.
Im Teil «Wining & Dining» geht es dann ans Eingemachte – oder besser: an Gedecke, Menüfolgen und Serviceregeln. Wer schon einmal ratlos mit zu vielen Gläsern und Besteckteilen konfrontiert war, wird dankbar sein für die präzisen Hinweise. Gleiches gilt für Gastgeber, die sich fragen: Muss ich Gastgeschenke sofort auspacken oder lieber später? Was tun, wenn die Sitzordnung heikel ist? Welche Serviceregeln gelten beim französischen, englischen oder amerikanischen Service? Sogar die kleinen Pannen, die bei jeder Veranstaltung passieren, kommen hier zur Sprache – samt Tipps, wie man sie elegant löst.
Der dritte Teil widmet sich Dresscodes und Kleidersprache. Hier räumen die Autoren mit Halbwissen auf. Denn selbst wer meint, die Unterschiede zwischen Smoking, Frack und Cut zu kennen, staunt über die Fülle an Details. Auch der oft unterschätzte Bereich der Branchen-Dresscodes wird behandelt. Was dabei auf dem Spiel steht, zeigen Zehnder und Senn eindrücklich: Der erste Eindruck entscheidet binnen Sekunden, und Kleidung sendet Signale, ob wir wollen oder nicht.
Dabei geht es den Autoren nie darum, Menschen in starre Normen zu pressen. Sie verstehen Etikette vielmehr als Werkzeug, um Sicherheit zu schaffen und anderen Respekt zu zeigen. «Unsicherheit ist der Kommunikationskiller Nummer eins», betonen sie. Ihr Buch ist daher keine Sammlung von Zwängen, sondern eine Einladung, die Regeln zu kennen, um sie im Zweifel auch souverän brechen zu können.
Anekdoten, Praxisnähe, Glaubwürdigkeit
Was das Buch besonders macht, ist der Ton: unaufgeregt, verständlich, oft sogar amüsant. Eine kleine Geschichte hier, ein interkulturelles Missverständnis dort – so wird aus einem Nachschlagewerk eine kurzweilige Lektüre. Wer beispielsweise erfährt, dass es in Frankreich als Fauxpas gilt, mit dem Glas anzustossen, der wird beim nächsten Dinner nicht nur wissen, wie er sich verhält, sondern auch Gesprächsstoff für den Smalltalk haben.
Die zahlreichen Checklisten und Planungs-Tools im Anhang – teilweise auch zum Download –, ein Dresscode-Guide sowie weiterführende Referenzen machen das Buch zu einem echten Arbeitsinstrument. Auch Hinweise zu Wein und Spirituosen, zu Küchenpraxis und Hygiene fehlen nicht – ein deutlicher Pluspunkt gegenüber klassischen Benimm-Ratgebern, die oft abstrakt bleiben.
Dass Barbara Zehnder weiss, wovon sie spricht, hat sie im grossen Stil gezeigt: Als hauptverantwortliche Organisatorin der 100-Jahr-Feier von Rotary in Bern 2024 bewies sie, dass sie selbst komplexeste Anlässe mit Stil, Umsicht und einem sicheren Gespür für das richtige Mass orchestrieren kann. Ihr Wissen fliesst in dieses Buch genauso ein wie die jahrzehntelange internationale Erfahrung von Daniel Senn, der als Hotelmanager und Eventprofi auf fünf Kontinenten zuhause war.
Die Fachpresse ist sich einig: Vom «modernen Knigge» war die Rede, von einem «unverzichtbaren Buch für alle, die das Leben mit Grandezza meistern wollen». Tatsächlich ist «Meeting · Dining · Dress Codes» beides – Nachschlagewerk und Lektürevergnügen, Handbuch und Inspiration.
Kurzum: Rot. Barbara Zehnder und Daniel Senn haben ein Buch für all jene geschrieben, die mehr wollen als bloss «korrekt» auftreten. Wer seine Rolle als Gastgeber oder Gast nicht nur erfüllen, sondern mit Stil ausfüllen möchte, wird hier fündig. Ob im privaten, beruflichen oder internationalen Kontext: Dieses Handbuch liefert das nötige Rüstzeug und macht dabei Lust, Etikette nicht als starres Regelwerk, sondern als Kunst der Leichtigkeit zu begreifen.
Zur Person Barbara Zehnder (*1961, RC Bern Kirchenfeld) begleitet seit 2003 Unternehmen und Einzelpersonen in Fragen des gelungenen Auftritts, der Business-Etikette und des stilsicheren Erscheinungsbilds. Ihre mehr als drei Jahrzehnte umfassende Erfahrung auf dem diplomatischen Parkett – als Eventorganisatorin, Netzwerkerin, Gastgeberin und Partnerin eines Diplomaten – verleihen ihrer Arbeit eine besondere Praxisnähe. Stationen in der Schweiz, Belgien, Südkorea, Österreich, der Ukraine und Schweden haben ihren Blick international geprägt. Heute lebt und arbeitet sie in der Schweiz. |