Manchmal beginnt Veränderung mit etwas scheinbar Einfachem: Wasser, Fischen, Pflanzen. Und mit Menschen, die lernen, wie all das zusammenwirkt. In mehreren afrikanischen Ländern ist daraus ein Projekt entstanden, das Hunger lindert, Wissen verankert und wirtschaftliche Perspektiven schafft – und zeigt, was nachhaltige Entwicklung im besten Sinn bedeuten kann.
Im vergangenen Jahr erhielten der Rotary eClub Eagle Canyon in Südafrika und der Rotary Club of Jacksonville in Florida von der Rotary Foundation einen Global Grant in der Höhe von rund 70000 US-Dollar. Ziel war es, 90 Menschen in der Aquaponik-Landwirtschaft auszubilden. Das Vorhaben entstand in Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Organisation FreshMinistries sowie dem Desmond Tutu Program to End Global Hunger. Gemeinsam verfolgen die Partner eine klare Vision: nachhaltige Aquaponik-Gewächshäuser in benachteiligten Regionen aufzubauen – als Antwort auf Ernährungsunsicherheit, fehlende Ausbildungsmöglichkeiten und fragile lokale Wirtschaften.
Derzeit findet die Ausbildung im Aquaponics Center der Nederduitsch Hervormde Kerk in Ferndale bei Johannesburg statt. Das Zentrum wurde im März 2024 vom damaligen Rotary-Weltpräsidenten Gordon McInally offiziell eröffnet. Seither ist aus der Idee ein funktionierender Betrieb geworden. Seit Mai 2024 wird wöchentlich geerntet; pro Ernte liegt der durchschnittliche Umsatz bei rund 10000 Rand, umgerechnet etwa 560 US-Dollar. Menschen aus Eswatini, Madagaskar, Lesotho und Südafrika werden hier ausgebildet. Ein zweiter Standort ist in Kenia geplant, wo künftig Teilnehmer aus Kenia, Uganda, dem Südsudan und Tansania geschult werden sollen.
Aquaponik ist ein Kreislaufsystem – technisch präzise und zugleich erstaunlich elegant. Wasser aus grossen Fischbecken wird in vertikale Pflanzsysteme gepumpt. Die Pflanzen entziehen dem Wasser Nitrate, reinigen es auf natürliche Weise, bevor es zurück zu den Fischen fliesst. Der erdfreie Anbau reduziert das Risiko bodenbürtiger Krankheiten, sauberes Wasser schützt vor wasserbedingten Infektionen. Das Ergebnis: gesündere Pflanzen, gesündere Fische. Angebaut werden unter anderem Salate, Spinat, Kräuter, Tomaten, Gurken, Bohnen, Paprika sowie ausgewählte Wurzelgemüse.
Der Einstieg in die Ausbildung erfolgt über einen intensiven fünftägigen Grundkurs. Auf dem Programm stehen die Grundlagen der Aquaponik, agrarwirtschaftliche Prinzipien und Basiswissen im Marketing. Theorie und Praxis greifen dabei eng ineinander. Die Teilnehmer lernen, Systeme aufzubauen, zu warten und zu reparieren, und erwerben grundlegende Kenntnisse in Finanzmanagement und Verkaufsstrategien.
Es folgt eine zweiwöchige Vertiefungsphase. Hier geht es um Wasserchemie, Lebensmittelsicherheit, Schädlingsbekämpfung sowie standardisierte Abläufe für Pflanzung und Ernte. Wer zusätzliche Verantwortung übernimmt, kann anschliessend eine weitere zweiwöchige Management-Ausbildung absolvieren. Diese widmet sich Geschäftsplanung, Finanzanalyse sowie fortgeschrittenen Marketing- und Verhandlungstechniken.
Doch das Projekt lässt sich nicht allein in Modulen und Ausbildungsstufen beschreiben. Es ist für viele Beteiligte eine Zäsur. Es wirkt gegen Mangelernährung, stärkt lokale Wirtschaftskreisläufe und verändert Perspektiven. Die Effekte reichen weit über die Lebensmittelproduktion hinaus und betreffen Bildung, wirtschaftliche Stabilität, psychische Gesundheit und Geschlechtergerechtigkeit.
„Dieses Projekt hat einen enormen Einfluss auf eine kaum zu beziffernde Zahl von Menschen und Gemeinschaften“, sagt Pfarrer Robert V. Lee III, Gründer von FreshMinistries. Die Organisation mit Sitz in Jacksonville arbeitet weltweit mit Partnern zusammen, um Aquaponik-Systeme als Instrument gesellschaftlicher Transformation zu etablieren.
Ein vielschichtiger Ansatz
Die Umsetzung ist bewusst flexibel gehalten. Je nach regionalem Kontext kommen unterschiedliche Modelle zum Einsatz. In manchen Gemeinden dient die gesamte Produktion der lokalen Versorgung und stärkt unmittelbar die Ernährungssicherheit. In anderen Fällen werden Pflanzen und Fische auf lokalen Märkten verkauft; die Einnahmen fliessen in Gesundheitsversorgung, Bildung oder Infrastruktur. Hybride Modelle kombinieren beide Ansätze: Ein Teil der Ernte versorgt die Gemeinschaft, der andere sichert den Betrieb und dessen Weiterentwicklung.
Im Zentrum steht stets die Idee der Selbstständigkeit. Die Aquaponik-Systeme verbrauchen rund 95 Prozent weniger Wasser als konventionelle Anbaumethoden und können mit erneuerbarer Energie wie Solarstrom betrieben werden. Sie ermöglichen ganzjährige Produktion – unabhängig von klimatischen Schwankungen – und sind besonders hitzeresistent. Dank vertikaler Bauweise erzielen sie auf gleicher Fläche bis zu dreimal höhere Erträge als herkömmliche Systeme und erlauben eine grössere Pflanzenvielfalt als viele andere hydroponische oder aquaponische Ansätze.
Wirtschaftliche Entwicklung und Bildung
Langfristig rechnet das Projekt mit über 800 direkten und rund 10000 indirekten Arbeitsplätzen. Diese entstehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von landwirtschaftlichen Mitarbeitern über Techniker und Manager bis hin zu Vermarktung und Distribution. Ein besonderer Fokus liegt auf Frauen und Jugendlichen, um wirtschaftliche Ungleichheiten gezielt abzubauen.
Das Wissen, das vermittelt wird, bleibt in den Gemeinden. Die Ausbildung ist so angelegt, dass sie wirtschaftliche Unabhängigkeit fördert und nachhaltiges Wachstum ermöglicht. FreshMinistries bringt dabei erprobte Erfahrung ein: Das Siyafundisa-HIV/AIDS-Programm erreichte in den ersten fünf Jahren über 900000 junge Menschen. Das Desmond Tutu Program to End Global Hunger folgt demselben Ansatz – mit lokaler Verantwortung als Schlüssel zum Erfolg.
Geplant sind insgesamt 198 Aquaponik-Anlagen in acht afrikanischen Ländern. Mit einer potenziellen Produktionsleistung bieten sie eine Lösung für Regionen, die von Dürre, schlechter Bodenqualität oder klimatischen Extremen betroffen sind. «Die Produktion deckt den Nährstoffbedarf – bezogen auf den pflanzlichen Anteil einer ausgewogenen Mahlzeit – für bis zu 158000 Menschen pro Tag», erklärt Lee. «Pro Jahr entspricht das über 55 Millionen Mahlzeiten, über die gesamte Nutzungsdauer von 20 Jahren hinweg mehr als 1,1 Milliarden. Rechnet man die Investitionen für 198 Anlagen zusammen, ergibt sich ein Betrag von rund zehn US-Cent pro Mahlzeit.»