Als Florist in fünfter Generation kultiviert der Rotarier Alexandre Fatio in Pully
weit mehr als nur Blumensträusse. In seinem „Garten Eden“ verfolgt er einen freien und zugleich sensiblen Umgang mit der Floristik – geprägt von den Jahreszeiten, der Familientradition und starkem lokalem Engagement – und schlägt dabei mit einer überraschenden Diversifizierung neue Wege ein.
Eine Vielzahl von Blumentöpfen reihen sich an der Aussenwand der Boutique Fatio Fleurs, in einem ruhigen Wohnquartier von Pully nahe bei Lausanne. Beim Betreten des Ladens tauchen wir in eine wahre Symphonie der Farben ein. Rot, Rosa, Fuchsia, Gelb, Orange und Weiss verschmelzen in perfekter Harmonie mit dem üppigen Grün des Blattwerks. Kein Wunder, fühlt sich Alexandre Fatio, Florist und Besitzer des Ladens, hier wie im Garten Eden. «Ich liebe diesen Ort», sagt er mit Nachdruck. Blumen geben ihm ein Gefühl des Wohlbefindens. Er ist damit in der Schweiz, einem der grössten Blumenkonsumentinnen weltweit, vermutlich in guter Gesellschaft. Blumen begleiten uns von der Geburt bis zum Tod und stehen für Freude, Liebe und Trost. In den Augen des Floristen haben sich indes die Konventionen gewandelt: Farben sind nicht mehr festen Symbolen vorbehalten. Das Wichtigste ist, dass man von Herzen schenkt, den Jahreszeiten und der Sensibilität jedes Einzelnen folgt und sich von Stereotypen löst.
Wenn wir gerade vom Herzen sprechen: Ist Rot Verliebten vorbehalten?
Nein, die Symbole sind nicht mehr so starr. Die Gewohnheiten ändern sich, und das ist gut so. Meine Frau zum Beispiel mag keine roten Rosen: Sie bevorzugt Fuchsia und alle Rosatöne – genau wie ich übrigens. Ich mag auch Bordeauxrot im Herbst und Weiss im Winter. Es ist ein Glück, im Rhythmus der Jahreszeiten leben zu können, wie in der Schweiz. Die Sträusse ändern sich im Laufe des Jahres: von Tulpen zu Pfingstrosen, von Dahlien zu Sonnenblumen, ganz zu schweigen von den Weihnachtsrosen.
Haben Sie eine Lieblingsblume?
Ja, die Pfingstrose. Immer, wenn ich die ersten Pfingstrosen erhielt, schenkte ich sie meiner Mutter, weil ich wusste, dass sie sie auch liebte.
Gibt es denn keine Regeln für Ereignisse wie Taufen oder Beerdigungen?
Ich persönlich finde: Nein. Rosa für Mädchen und Blau für Knaben? Man muss sich von Stereotypen lösen, sowohl bei Geburten als auch bei Todesfällen. Viele verbinden beispielsweise Hortensien und Nelken mit Trauer. Heute gibt es jedoch eine solche Vielfalt, dass man wunderschöne Sträusse und harmonische Kompositionen aus Schnittblumen kreieren kann. Die Wahl der Blumen und Farben sollte völlig frei sein.
Aber die rote Rose bleibt doch die symbolische Blume des Valentinstags?
Ja, so ist es überall auf der Welt. Die Produktion wird speziell für diesen Tag angekurbelt. Aber auch hier muss man sich nicht an Klischees halten: Man könnte auch wunderschöne Tulpen aus lokaler Produktion verschenken.
Zumal diese Rosen oft von weit her kommen, insbesondere aus Afrika.
Das ist richtig. Sie stammen grösstenteils aus Kenia oder Ecuador. Allerdings ist ihre CO2-Bilanz etwa zwei- bis dreimal niedriger als die von Rosen, die in den Niederlanden in stark beheizten Gewächshäusern produziert werden. Ich persönlich bevorzuge die Rosenproduktion in Ecuador; die Sorten und die Qualität sowie die Produktionsbedingungen sind dort besser.
Interessieren sich die Kunden für die Herkunft der Blumen?
Nicht wirklich. Kunden wollen vor allem nach eine Blume, die lange hält. Ich kaufe nach Möglichkeit Schweizer Produkte: Meine Weihnachtssterne und Weihnachtsrosen kommen aus der Schweiz. Und sobald es die Jahreszeiten zulassen, werden Tulpen, Dahlien, Sonnenblumen und andere Sorten lokal gekauft, um die Produzenten der Region zu unterstützen.
Stellen Supermärkte eine Bedrohung für selbstständige Floristen dar?
Nein, zumindest trifft das nicht auf mein Geschäft zu. Die Leute kaufen vielleicht eher einen Strauss im Supermarkt, um sich selbst eine Freude zu machen, aber wenn es um Geschenke geht, wenden sie sich weiterhin an einen Floristen – und unterstützen so Handwerker und lokale Geschäfte. Das ist doch wichtig, oder?
Rumflaschen bei den Blumen
Im «Garten Eden» von Fatio Fleurs findet man übrigens nicht nur Pflanzen und Blumen. Das Geschäft bietet eine sorgfältig zusammengestellte Auswahl an Geschenken, die man zu einer Einladung mitbringen kann: Schokolade, Duftkerzen, Weinflaschen... und sogar Rum. «Ich habe probeweise eine Flasche Rum in eine Geschenkbox gepackt», erzählt Alexandre Fatio im Stübchen im Untergeschoss, wo wir uns für das Interview eingefunden haben, umgeben von rund hundert Flaschen aus aller Welt. Diese Sammlung ist kein zufälliges Ergebnis. Der Florist und Ladenbesitzer sagt, er schätze sowohl die Geschichte dieser Spirituose als auch ihre Vielfalt. Was zunächst nur ein Hobby war, hat sich nach und nach zu einer natürlichen Erweiterung des Angebots des Ladens entwickelt. Die Geschenkbox weckte Neugierde: Kunden fragten, ob es möglich sei, den Rum separat zu kaufen. Alexandre Fatio schmunzelt: «So wurde ich zum Floristen und Spirituosenhändler. » Derzeit vertreibt er etwa 150 bis 200 Spirituosen.
Dank dieser Diversifizierung konnte er auch seinen Kundenstamm erweitern. Heute sieht er Männer durch den Laden schlendern, um eine Flasche auszuwählen, während ihre Partnerinnen einen Blumenstrauss aussuchen. «Früher warteten die Männer eher im Auto», sagt er mit einem amüsierten Schulterzucken.
Fatio Fleurs wurde 1910 von den Ururgrosseltern von Alexandre Fatio gegründet, die von Beruf Gärtner waren und damals Blumen auf den Feldern anbauten. Die Eröffnung des Ladens, wie man ihn heute kennt, geht jedoch auf die 1970er Jahre zurück; es war die Idee seiner Grossmutter Emma. Alexandre Fatio führt das Familienunternehmen in fünfter Generation. Seine Mutter hatte 1986 unter tragischen Umständen die Leitung übernommen: Ihr Ehemann, Alexandres Vater, der damals den Blumenladen betrieb, hatte sich das Leben genommen. Alexandre war damals erst fünf Jahre alt. Soweit er sich zurückerinnern kann, wollte er immer Florist werden und in die Fussstapfen seines Papas treten. Obwohl er immer sehr stolz darauf war, das Familienunternehmen übernehmen zu können, verhehlt Alexandre Fatio nicht, dass er auch Angst hatte in dem Moment, als ihm die Mama die Schlüssel zum Geschäft übergab. Das war 2014, Alexandre war damals 33 Jahre alt. Die Verantwortung, ein Unternehmen zu führen, die Administration zu übernehmen und Gehälter zu zahlen, lastete schwer auf ihm.
Heute beschäftigt Fatio Fleurs vier Floristinnen und Floristen sowie zwei Lieferanten, verteilt auf drei Vollzeitstellen. Alexandre freut sich über die «tolle Atmosphäre» im Team und engagiert sich weiterhin mit Begeisterung für sein Geschäft. Die Covid-Krise? Sie hat ihn dazu veranlasst, noch stärker auf das Konzept des Self-Service zu setzen. Blumenbouquets wurden auf Bestellung zusammengestellt; eine WhatsApp-Nachricht informierte die Kunden, dass die Bluemn vor dem Eingang des Geschäfts auf sie warteten. Zu unserer Überraschung bestätigt Alexandre, dass nie etwas gestohlen wurde – weder die vor der Tür bereitgestellten Blumensträusse noch die an der Aussenwand aufgestellten Blumentöpfe, die über Nacht im Freien stehen bleiben. Er nickt dankbar. „Fatio Fleurs ist ein Familienbetrieb. Ich kann auf eine treue Kundschaft zählen, von der mich viele schon seit meiner Kindheit kennen.”
Sonnenblume für Rotary
Eine seiner Stammkundinnen ist Rotarierin. Patricia Petoud Sommer hat ihn 2015 in den Rotary Club Portes de Lavaux eingeführt. Alexandre freut sich über die Begegnungen, die er dort gemacht hat, und über das Engagement seines Clubs für gute Zwecke wie ROKJ oder den Verein 1,2,3 … SOLEIL. Alle zwei Jahre organisiert der Verein ein Galadinner „Dîne avec les Stars“ (Essen mit den Stars), und es ist ihm immer eine Freude, in Zusammenarbeit mit der Präsidentin Catherine Cottier, die ebenfalls Mitglied seines Clubs ist, an der Gestaltung der Blumendekoration mitzuwirken.
Worauf sollte man bei der Auswahl eines Tischarrangements achten?
Auf die Form des Tisches. Ich verwende oft Behältnisse, die die Kunden zum Geschäft zurückbringen können, um das Arrangement den Gegebenheiten anzupassen. Ein mit Blumen geschmückter Tisch bringt Leben in den Raum. Es ist auch eine Art, den Gästen zu sagen: Ich habe mir die Zeit genommen, einen schönen Tisch für Sie zu decken.
Ein Tipp für die Gäste?
Lassen Sie die Blumen vor dem Essen liefern. Das ist sehr elegant, denn so haben die Gastgeber Zeit, die passende Vase und den idealen Standort zu finden.
Wenn Sie Rotary mit einer Blume beschreiben müssten, welche wäre das?
Die Sonnenblume. Sie ist eine leuchtende Blume, die sich der Sonne und dem Positiven zuwendet und dank ihrer Samen, die für Öl oder als Vogelfutter verwendet werden können, auch nützlich ist.