«Die Deutschschweizer sind nicht steif»

Donnerstag, 1. Januar 2026

Denise Lachat

Die berufliche und persönliche Entwicklung fördern und die Mobilität der Lernenden begünstigen: Das ist das Ziel des Programms visite, das Berufspraktika in einer anderen Sprachregion anbietet. Das Programm Moléson, das darauf abzielt, es im Distrikt 1990 besser zu verankern, zeigt ermutigende Ergebnisse.

«Das ist eine gute Gelegenheit», dachte sich die junge Lehrtochter, als ihr Chef Patrick Corbat, Rotarier im RC Les Rangiers, ihr von der Möglichkeit erzählte, zwei Wochen in einem Unternehmen in der Deutschschweiz, in Biel, zu verbringen. Die von Natur aus neugierige Amélie Odiet war nicht zum ersten Mal in der Ferne: Sie hatte bereits im Rahmen der Schule an einem zweiwöchigen Sprachaufenthalt in England teilgenommen.

Doch dieses Mal war es anders. Keine Klassenkameraden an ihrer Seite, nur sie – und das in einer Umgebung, die sie sich etwas steif und streng vorstellte. Sind die Deutschschweizer wirklich so? Amélie, Lehrtochter im dritten Lehrjahr bei der Gruppe Corbat Glovelier AG im Kanton Jura, lacht noch immer darüber. «Ganz und gar nicht! Ich war beeindruckt von der herzlichen Aufnahme, die mir sowohl im Unternehmen als auch in meiner Gastfamilie zuteil wurde», erzählt sie.

Die junge Jurassierin Amélie Odiet hat während zwei Wochen in Biel ein Sprachbad in Deutsch genommen

Ob bei ihren Gastgebern Kurt und Barbara Köhli oder in den Büros der Firma Roth Immobilien Management AG in Biel – alle haben sich bemüht, mit ihr Hochdeutsch zu sprechen, erzählt sie lächelnd.

Während ihres Praktikums war Amélie für das Layout von Briefen, den Versand von Rechnungen, Namensschildern für Türklingeln und für Absagen an Mietinteressenten zuständig. Sie hatte sogar die Gelegenheit, ihre Chefin Karin Roth, ebenfalls Rotarierin, zu einem Abendessen ihres Clubs, dem RC Nidau-Biel, zu begleiten, dem auch Kurt Köhli angehört.

Die Bilanz dieser zwei Wochen ist mehr als positiv, insbesondere auf persönlicher Ebene. «Ich bereue es nicht, mit 17 Jahren alleine weggegangen zu sein. Ich bin sogar sehr stolz darauf», sagt sie. Auch wenn sie nicht «zweisprachig» in den Jura zurückgekehrt ist, fühlt sich Amélie nun viel wohler mit der deutschen Sprache; bereits in der zweiten Woche verstand sie ihre Gesprächspartner schon viel besser.

Vor allem hat diese Erfahrung sie motiviert, noch weiter zu wachsen: Sie plant nun, acht Monate nach Deutschland zu gehen, um ihr Deutsch zu perfektionieren, anstatt Englisch zu lernen. Und warum sollte sie nicht eines Tages selbst Mitglied bei Rotary werden? Amélie, die vom Verein visite betreut wurde, der ihr sowohl ein Unternehmen als auch eine Gastfamilie vermittelt hat, behält diesen Aufenthalt in guter Erinnerung. „Es war eine unglaublich bereichernde Erfahrung, die ich nur weiterempfehlen kann!”, fasst sie zusammen.

Corinne Vogel in Begleitung von zwei Lehrlingen an der Rotary D 1990 Uni

Diese Meinung teilen auch die beiden Lernenden, die Corinne Vogel, Verantwortliche für den Berufsdienst im Distrikt 1990 und das Programm visite auf nationaler Ebene,  im November 2025 zur Präsentation des Projekts im Rahmen der Rotary D 1990 Uni begleiteten. Der junge Matyss, Kochlehrling in einem Altersheim in der Romandie, ging ins Restaurant mille sens in Bern und musste sich, genau wie Amélie, auf Deutsch zurechtfinden. Fabian, Lehrling bei der BZ Bank Bern, musste «seine Komfortzone verlassen und in der Kantonalbank Neuenburg Französisch sprechen». Die Programmverantwortliche hofft, dass die Erfahrungen dieser Jugendlichen andere im Distrikt 1990 motivieren werden, sich ebenfalls zu beteiligen.

Da visite in der Deutschschweiz bereits gut etabliert ist, wurde auf Initiative von Governor Jouni Heinonen ein Westschweizer Ableger namens Moléson entwickelt. Es wurden Teams aus französisch- und deutschsprachigen Rotary Clubs gebildet, um die Kräfte für dieses Ziel zu bündeln.

Laut Corinne Vogel beteiligen sich 90 Prozent der Clubs des Distrikts an dem Programm. 33 Clubs tragen mit jeweils 1000 Franken zu den Kosten bei, sodass Anfang Dezember 2025 noch 23000 Franken der Gesamtkosten von 56000 Franken zu decken waren. Jouni Heinonen strebt während seines Amtsjahres als Governor insgesamt 25 Austauschprogramme an. Ende November waren in Moléson 16 junge Menschen angemeldet, von denen vier bereits ihre Praktika absolviert hatten. Und das Programm soll fortgesetzt werden; der nächste Governor, René Loretan, hat bereits bestätigt, dass es 2026/27 weitergeführt wird.